Jazz oder Science-Fiction? In memoriam Axel Melhardt (1943-2024)

Ein Nachruf richtet sich normalerweise nicht an die verstorbene Person, sondern an die Hinterbliebenen und vor allem auch an den Menschen, der den Nachruf schreibt. Als Autor eines solchen Textes will man sich ja nicht nur Klarheit verschaffen über die Person, die verstorben ist, sondern möchte auch wissen: Was habe ich ihr zu verdanken? Wie sehen die gemeinsamen Schnittmengen aus, die mich mit ihr verbinden?
Im Falle vom Axel Mehlhardt und mir ist diese Schnittmenge ungewöhnlich groß und umfasst verschiedene wichtige Themen auch meines eigenen Lebens. Dem möchte ich nun nachgehen und verwende dabei eine für Nachrufe wohl eher ungewöhnliche Methode: Ich tue zunächst mal so, als würde ich mit Axel selbst sprechen und mich direkt von ihm verabschieden, was in der Realität leider nicht möglich war. Das Foto zeigt Axel etwa 1962 noch vor der Matura, als er noch nicht mit seinem später charakteristischen Bart auch nach außen hin zeigte, dass er nun kein Schüler mehr war. Die anderen abgebildeten Personen waren damals sehr wichtig für die Entwicklung der Science-Fiction im deutschsprachigen Raum (der damals Westdeutschland, DDR, Österreich und Schweiz umfasste):
° Jesco von Puttkamer (1933-2012) , der damals noch in Aachen Raketentechnik studierte und anschließend zu Wernher von Brauns Team für die Vorbereitung der ersten Mondlandung stieß, und der mit eigenen SF-Stories („Zu jung für die Ewigkeit“, „Galaxis ahoi!“) und Übersetzungen amerikanischer Autoren viel zur Verbesserung der Qualität deutscher SF beitrug.
° Axel Melhardt gründete und schrieb viel für das semiprofessionelle SF-Magazin pioneer (bevor er sich 1972 hauptberuflich der Jazz-Musik zuwandte).
° Dieter Sachse war ein sehr rühriger SF-Fan der frühen Stunde – über den ich leider nichts weiter weiß, außer dass er mit seinen Fotos wichtige Bild-Dokumente des deutschsprachigen Fandoms schuf (vielleicht auch das Foto unten?).
° Walter Ernsting alias Clark Darlton (1920-2005) begründete mit den UTOPIA-Reihen des Pabel-Verlags und dann im August 1955 mit dem Science Fiction Club Deutschland (SFCD) quasi im Alleingang das Biotop der deutschsprachigen utopischen Literatur der Nachkriegszeit. Ab 1961 schuf er zusammen mit Karl Herbert Scheer die unglaublich erfolgreiche Heftserie Perry Rhodan (die mit mehr als 3300 Folgen bis heute und in mehreren Sprachen erscheint). Er war so etwas wie ein früher Mentor für den jungen Axel und hatte auch für mich eine wichtige Funktion als Förderer.

Abb. 1: Etwa 1962, noch vor der Matura und ohne Bart, aber schon sehr selbstbewusst mit Prominenten der SF-Szene: (v.l.n.r.) Jesco von Puttkamer, Axel Melhardt, Dieter Sachse und Walter Ernsting (Fotograf unbekannt).

Lieber Axel, wenn ich das Wort „Nachruf“ wörtlich nehme…

… dann rufe ich dir mit diesem Text tatsächlich etwas nach, d.h. ich teile meine Erinnerungen an dich mit dir und tue mal so, als ob du oben im Himmel in der speziellen Abteilung für die Jazz- und Science-Fiction-Fans diese meine Worte jetzt hören oder lesen könntest. Wäre dies ein SF-Roman, könnte man diesen Himmel flugs zum Weltraum umdekorieren und dich via Datentransfer in einen langlebigen (oder gar ewig haltbaren) Körper transferieren – so wie das James Cameron im Blockbuster-Film Avatar sehr überzeugend vorgeführt hat. Aber leider (oder zu unser aller Glück?) wird das wohl nie möglich sein. Es bleiben dann eigentlich nur solche schriftlichen Würdigungen und das persönliche Aufbewahren und Weitergeben dieser Erinnerungen an dich.

Aber ich habe einen noch besseren Vorschlag: Im Internet kann man auf der Plattform YouTube deinen Namen in das Suchfeld eingeben – und hört dann immerhin kurz deine Stimme. 2016 hast du damals für einen japanischen Sender im Jazzland den Auftritt des Trios Roland Batik moderiert, mit dem Saxofonisten Gary Foster als Gast. Dein Auftritt dauert nur anderthalb Minuten – aber da bist du „live“:  erst auf Deutsch und dann – für das japanische Team und Publikum – gleich auch noch auf Englisch. Man hört dich typisch Wienerisch im Duktus und zugleich polyglott als Weltbürger, wie sich wohl die meisten Jazz-Fans und SF-Fans verstehen.
In der Villa Fantastica in Wien sind laut Datenbank dieser Präsenzbibliothek alle 30 Ausgaben des Magazins pioneer vorhanden, das 1960 von dir gegründet wurde. Dort kann man – allerdings nur innerhalb der Bibliothek – sicher auch deine vier eigenen Kurzgeschichten lesen und dich auch damit noch mal vergegenwärtigen:

 ° Zerbrechliche Vergangenheit (1962)
 ° Tandor (1965)
  ° Grivas Abschiedsparty (1979)
  ° Vielen Dank, Herr Doktor (1986)

Ich verkneife es mir jetzt, in den Zufall dieser vier Titel Bezüge zu deinem Leben und speziell zu seinem Ende herauszudeuteln – aber seltsam ist schon, was da (wie gesagt, rein zufällig) sichtbar wird:

Zerbrechliche Vergangenheit – Abschiedsparty – Vielen Dank, Herr Doktor – Tandor (was das wohl sein mag – ein ferner Exoplanet?)

Damit das nicht alles so abstrakt und „fern“ bleibt, will ich dich auch noch mit einem eigenen Text zu Wort kommen lassen. Der ist abgedruckt in einem Reader, der zum 70. Geburtstag von Walter Ernsting herausgegeben wurde und deutlich so etwas wie die Initialzündung für dich in Bezug auf Science-Fiction war:

„Ich kann mich noch erinnern (ich bin alt genug), als wir die ersten „Jim Parker’’-Hefteln lasen.
Ich lag damals mit einer Angina […] im Bett, und meine Mutter ließ sich nach langem Betteln breitschlagen, mir einen Comic-Strip (im Hause Melhardt schlicht und einfach allumfassend als “Schundheftl” tituliert) mitzubringen. Natürlich kannte sich die Belesene nicht so recht aus und neben einem Mickey-Mouse kam “Der Wettermacher von Teneriffa” (Jim Parker No. 20) ans Krankenbett.
Zuerst stürzte ich mich über die Mickey natürlich, dann schluckte ich meine maßlose Enttäuschung über die fehlenden Bildeln im Utopia-Kleinband und machte mich an die Buchstaben heran (ich war damals elf oder so).
Und die ersten Berührungen des “sense of wonder” setzten ein. Mit glühenden Ohren stürzte ich mich in den Jim-Parker-Kosmos…“  

(Gaisbauer 1990, S. 101)

Doch nun verlasse ich die direkten Ansprache, die ja nur eine (Science) Fiction ist, und werde ganz sachlich, wie es sich für einen Nachruf gebührt.

1 Schwierige Anfänge

Als Axel am 14. Mai 1943 geboren wird, ist Österreich (umgangssprachlich „Ostmark“) ein „angeschlossener“ Teil von Großdeutschland, dessen Untergang samt Nazi–Diktatur jedoch gerade mit der Katastrophe von Stalingrad begonnen hat.
Kein schöner Start ins Leben in Mangelwirtschaft und ständiger Gefahr durch Bespitzelung und was Krieg und Diktatur sonst an Einschränkungen und Gefährdungen für eine junge Familie mit sich bringen. Axel hat das nach außen hin wohl unbeschadet überstanden – „aber wie es drinnen aussieht geht niemand was an“, das war damals ein sehr beliebter Spruch.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden über fünfzig Bombenangriffe auf Wien durchgeführt. Der schwerste Angriff fand am 12. März 1945 statt. Dabei wurden etliche Gebäude und Kulturdenkmäler zerstört oder schwer beschädigt, und hunderte Menschen kamen ums Leben. Insgesamt forderten die Luftangriffe der USA und Großbritanniens unter der Wiener Zivilbevölkerung 8.769 und 1.103 „ortsfremde“ Tote. 21 Prozent der Häuser Wiens (21.317) und 2,8 Millionen Quadratmeter Dächer wurden zerstört oder beschädigt. 36.851 Wohnungen waren dabei total und 50.024 teilweise zerstört. Besonders schlimm wurde Wien am 12. März 1945 bombardiert, wobei große Schäden in der Wiener Innenstadt entstanden, z.B. an der Staatsoper, Albertina, Stephansdom, Burgtheater, Kunsthistorisches Museum und am Donaukanal.
(Copilot anhand verschiedener Quellen).

Abb. 2: Cover des ab 1960 von Axel herausgegebenen SF-Magazins pioneer (Zeichnung: Mario Kwiat).
Abb. 3: Dieses Buch von Axel feiert 1992 die beiden ersten Jahrzehnte des weit über Wien hinaus bekannten Lokals mit Live-Musik von unzähligen bekannten Solisten und Bands aus der ganzen Welt: das Jazzland (Titel: Hot Club de Vienne).

2 Schwere Entscheidung

Triviale Feststellung – und doch von ungemein prägender Bedeutung: Unser Leben wird unaufhörlich von Entscheidungen bestimmt. Nicht alle nehmen wir bewusst und mit viel Nachdenken wahr.
° Tee oder Kaffee zum Frühstück? Nicht sonderlich wichtig für den weiteren Verlauf des Lebens – aber eben doch von Bedeutung zumindest für den Start in diesen Tag.
° Soll ich heute ins Fitness-Studio gehen – oder nicht? Sicher gute Entscheidung in punkto „Gesundheit“ und „Lebensgefühl“ – aber wenn es nachts 04:00 Uhr ist und man nicht wieder einschlafen kann und es draußen regnet, keine leichte Entscheidung.
° Soll ich diese Frau um ein Date bitten (ihr einen Heiratsantrag machen?). Nicht so einfach zu beantworten, denn da legt man sich vielleicht für das künftige Leben sehr fest.
° Eine Karriere mit der Science-Fiction-Literatur – oder doch lieber mit der Jazz-Musik?

Wenn man mich heute vor letztere Entscheidung stellen würde, wäre die Antwort ganz klar: Ich würde die Jazz-Musik wählen – eben weil es Musik ist und etwas sehr viel Lebendigeres als Literatur, die man aus Büchern sich erst lebendig nachgestalten oder sich in Filmen von der Leinwand holen muss – dort allerdings so, wie die Regisseure es sich vorgestellt haben.
Als ich 1948 die ersten Superman-Hefte in die Finger bekam, bald darauf die Abenteuer-Serie Sun Koh – der Erbe von Atlantis entdeckte und mir schließlich zu Weihnachten den Zukunftsroman Auf unbekanntem Stern von Anton M. Kolnberger wünschte (und tatsächlich auf dem Gabentisch entdeckte), stellte ich eine Weiche, die ab da zunehmend mein Leben zu bestimmen begann. Es war keine bewusste Entscheidung – es war vielmehr eine lange Kette von „Ja“ zu einer Literaturgattung, die damals in den 1940er Jahren völlig außerhalb des offiziellen Kulturkanons lag und laut und vernehmlich als „Schmutz und Schund“ disqualifiziert wurde.
Das wurde noch gesteigert, als ich 1953 die neue Heftserie Jim Parkers Abenteuer im Weltraum entdeckte und sofort fasziniert davon war.

Nicht ganz so kompliziert schaute das, zumindest von außen betrachtet, bei Axel Melhardt aus, als der sich entscheiden musste, ob er seine berufliche Karriere mit dem Jazz starten sollte – oder doch lieber mit der geschätzten Zukunftsliteratur? Als er vor 52 Jahren genau vor dieser Entscheidung stand, hat Axel sich für den Jazz entschieden. Das war ganz offensichtlich die richtige Wahl, denn er hat ab 1972 das großartige Jazzland am Kaiser-Joseph-Kai an der Donau in Wien begründet und mehr als ein halbes Jahrhundert lang erfolgreich geführt, und zwar ohne öffentliche Subventionen.
Die andere Alternative wäre die Leitung der Science-Fiction–Reihe im Heyne-Verlag gewesen, für die er sich damals ebenfalls beworben hatte und für die er ebenfalls einen positiven Bescheid bekam. Aber man kann wirklich nicht auf zwei so grundverschiedenen Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Deshalb entschied er sich für den Jazz, und das war ganz sicher richtig – wie sich allerdings erst viel später feststellen ließ.
(Der Herausgeber der Heyne–Science-Fiction wurde damals übrigens Wolfgang Jeschke, und das war sicher ebenfalls eine richtige Entscheidung, dies nur nebenbei).

3 Der SF-pioneer

Axel und ich waren nie so richtig „dicke Freunde“ – aber wir haben uns immer wieder mal getroffen und das war dann sehr ergiebig. Wir hatten eine intensive Phase der Zusammenarbeit im Jahr 1964, als ich in dem von ihm 1960 gegründeten und herausgegebenen SF–Magazin pioneer mitarbeiten konnte und damals meine Lust am Schreiben neue Impulse bekam – eben dadurch, dass meine Geschichten und sonstigen Texte nicht nur geschrieben, sondern auch von anderen (in diesem Fall Axel) geschätzt und deshalb veröffentlicht wurden.
Beide waren wir auch Kriegskinder, ja (nach zwei Weltkriegen!) sogar Kriegsenkel Wir hatten die letzten mörderischen Zuckungen und das Ende der Nazi-Diktatur erlebt, wir teilten die Begeisterung für die amerikanische Kultur, die ja nicht nur aus Jazz und Science-Fiction bestand, sondern auch aus der englischen Sprache und einer völlig anderen Weltsicht, die uns sehr lebhaft von den Besatzungssoldaten vorgelebt wurde, die wir jedoch gar nicht als Besatzer erlebten, sondern als Befreier. Letzteres war damals in Wien sehr speziell, denn wie Berlin wurde die Stadt von den vier Siegermächten in entsprechend vier Einflusssphären aufgeteilt und die waren für die im amerikanischen Sektor völlig anders als für die Wiener im sowjetrussisch besetzten Teil – das zentrale Thema von Orson Welles´ Film Der dritte Mann. Dessen Kennmelodie, von Anton Karas auf der Zither gespielt, präsentiert noch ein ganz anderes Wien– die lauschigen Abende beim Heurigen und auch sonst die spezielle Wiener Gemütlichkeit (der es nicht an Hintersinn fehlt, wie man auf den Friedhöfen leicht feststellen kann).
Das ist die Welt, in der Axel aufgewachsen ist: als Sohn zweier prominenter Schauspieler. Der Vater Edgar Melhardt war Schauspieler in Prag und am Wiener Volkstheater ebenso bekannt wie die Mutter, die Sängerin und Schauspielerin Ilse Glatz, deren Bühnenname in Wien Ilse Glarys war. Mit so einem Hintergrund muss man später eigentlich so etwas wie „mit Medien“ machen – wozu Jazz und Science-Fiction fraglos gehören. Aber wer in so einem Künstler-Haushalt und -Milieu aufwächst, hat es bei aller Vielfalt der Anregungen sicher auch nicht leicht. Das hat die schulische Laufbahn von Axel – nun ja: „sehr bewegt“ – gestaltete. Bis er schließlich doch die Matura schaffte und sich danach zu Recht einen Bart wachsen ließ, um den Übergang in ein nun freieres, selbstbestimmtes Leben auch äußerlich zu dokumentieren.
Das war die Zeit, als er (1960, noch als Schüler) pioneer gründete und dort enorm viel auch selbst publizierte und parallel dazu die Wiener SF-Fans in der Austrotopia sammelte. Er stellte die Verbindung zum damals ja weit größeren deutschen Verein her, dem Science-Fiction Club Deutschland (SFCD) – zeitweilig auch als Eurotopia firmierend –   und wurde nach heftigen Streitereien und kulturpolitischen Richtungskämpfen sogar zunächst Stellvertretender Vorsitzender (1965-1968) und schließlich Erster Vorsitzender (1972-1973) des SFCD. Das war insofern sehr stimmig, als Axel sehr seinen Mentor Walter Ernsting alias Clark Darlton schätzte, der ja den SFCD 1955 gegründet hat.
Hierbei konnte Axel seine Begabung fürs Organisieren, Verhandeln und Ausgleichen gegensätzlicher Interessen einsetzen, was ihm später beim Jazzland sicher nicht geschadet hat.
Axels und meine Interessen-Karriere sind sehr ähnlich verlaufen:
° Ende 1953 entdeckte ich die Heftserie Jim Parker, die mich sofort begeisterte – Axel erlebte das ähnlich 1954 mit Band 20 derselben Serie: „Der Wettermacher von Teneriffa“.
° 1954 begeisterte mich der Film die Glen Miller Story für das, was ich damals für Jazz hielt (eigentlich aber eher eine für ein primär weißes Publikum weichgespülte Version davon war) – während Axel 1956 von dem Film Die Benny Goodman Story richtig elektrisiert wurde. Die Originalmusik dazu hörte ich dann erstmals auf drei Langspielplatten im Schuber bei Walter Ernsting bei einem Besuch in Irschenberg: Das weltberühmte Jazz at the Carnegie Hall von 1936 – und Axel hat es wohl auf ähnliche Weise bei WE kennengelernt.

Als ich Axel dann 1964 in Wien besuchte, um bei Pioneer mitzumachen, verbrachten wir eine wilde Brainstorming-Nacht im Wochenendhaus seiner Mutter außerhalb von Wien – in Höflein an der Donau. Helmuth Mommers und Edi Lukschandl waren meiner Erinnerung nach auch dabei, die später viel für SF im deutschen Sprachraum getan haben. Damals war ich auch bei Axel in der Hintzerstraße 13 zu Besuch und wurde von seiner Mutter mit köstlichen Marillenknödeln bewirtet.

Was Axel und mich (wie die wohl meisten anderen SF-Fans auch) verbunden hat, war zusätzlich das Interesse an einer Art Weltbürgertum, das sicher ein Hintergrundprinzip der von uns so geschätzten utopischen Literatur ist.
Dass wir beide noch einmal einen schrecklichen Krieg gleich in der Nähe (Ukraine) und das Aufkommen neuer Diktaturen und rechtsradikaler Gesinnungen erleben mussten, hat sicher auch Axel aufgerüttelt. Ein Austausch darüber kam nicht mehr zustande.
Was uns zudem sehr verbunden hat, war die Wertschätzung des deutschen SF-Pioniers und -Autors Walter Ernsting (1920-2005), der nicht nur uns beide Jungspunde sehr förderte.

Abb. 4: Axel Melhardt (sitzend links) und stehend die Redaktion von Munich Round Up – sichtlich vergnügt, weil sie 1962 mit einer Laudatio für ihr „satirisches Fanzine“ gewürdigt werden – (v.l.n.r): Heinz Fries (Wien und München), Jesco von Puttkamer (Laudator, und Autor von MRU, Aachen), Jürgen vom Scheidt (München, im Hintergrund, Autor), Waldemar Kumming (München, Chefredakteur), Walter „Fux“ Reinecke (München, Autor), Gottlieb Mährlein (München, Illustrator).

4 Der Jazzlander

Bei meinem Besuch damals 1964 in Wien war viel Musik (und viel Bier) im Spiel. In einem Häuschen außerhalb Wiens feierten wir, wie erwähnt, bei wilder Dixieland-Musik, was in mir die Idee zu einer Story generierte, für die mir damals allerdings nur der schräge Titel einfiel: „Blues für Fagott und zersägte Jungfrau“. Schreiben konnte ich diese (Fantasy-) Story erst drei Jahrzehnte später. Wohl angeregt durch einen weiteren Besuch 1992 in Wien im Jazzland in den Katakomben der Wiener Unterwelt am Kaiser Franz-Josefs-Kai, entstand die Story wie von selbst in einem meiner Seminare in Schloss Puchberg bei Wels. 2005 wurde sie zur Titelgeschichte meiner gleichnamigen Collection eigener Stories.
Ein treffliches Beispiel für die Inkubationszeit einer Story, die manchmal extrem lang dauern kann!

Weitere Treffen mit Axel ergaben sich:
° Bei einem Kurzurlaub mit meiner Frau Ruth um 2000 mit Besuch im Jazzland.
° 2003 bei einem der Treffen der SF Oldies in Unterwössen (woran ich keine speziellen Erinnerungen habe, wohl kaum mit Axel ins Gespräch kam, weil er nur kurze zwei Stunden wie eine Sternschnuppe auftauchte und dann gleich wieder nach Wien verschwand).
° Anlässlich eines Schreibseminars für die Filmhochschule in Wien im Jahr 2009 zum Thema „Heldenreise“, ergänzt durch einen öffentlichen Vortrag zum selben Thema.
° Zweimal erlebte ich weitere denkwürdige Abende im Jazzland bei anfeuernder Musik und das im Wissen, dass dieser Jazzkeller nur durch eine dünne Ziegelwand von den berühmt–berüchtigten Katakomben mit ihren unzähligen Schädeln und Gebeinen unter der Stadt Wien getrennt war, was manche makabre Phantasien anregte.

Auch die Würstel, die man dort essen konnten waren denkwürdig gut – im Jazzland, wohlgemerkt, nicht „auf der anderen Seite“ hinter der Mauer.

Einige Informationen über Axel, die mir neu waren, fand ich in dem sehr lesenswerten Erinnerungsband der Wiener SF-Gruppierungen mit dem Titel Von Andromeda bis Utopia (Vejchar 2023).
Wie sonst nur noch Walther Ernsting, verkörpert Axel für mich die große geistige Nähe zwischen Science-Fiction-Literatur und Jazz-Musik, diese beiden essenziellen Beiträge der amerikanischen Kultur zur Weltkultur:
° der eine Beitrag aus Europa importiert (Mary Shelley, Jules Verne, Kurd Laßwitz und viele andere verkörpern das),
° der andere Beitrag aus Afrika über die von dort entführten schwarzen Sklaven.
° Wobei für beide Phänomene anzumerken ist, dass viele Juden, die vor den Nazis in die USA flüchteten oder dort schon aufgewachsen waren, sowohl in der Science-Fiction (Hugo Gernsback und viele andere) wie im Jazz (Benny Goodman wurde oben schon erwähnt) wichtige Rollen spielten.

Als Axel, wie erwähnt, 1965-68 stellvertretender Vorsitzender und 1972-73 Erster Vorsitzender des SFCD war, geschah dies in einer Zeit, in der ich dem SFCD eher fernstand. Axel war für mich trotzdem immer eine wichtige Verkörperung der deutschsprachigen Science-Fiction, auch wenn er selbst nur wenig in diesem Genre geschrieben hat.

Abb. 5: Prominenter Besuch etwa 1975 im Jazzland (v.l.n.r.): Peter Krassa (Autor), Walter Ernsting alias Clark Darlton (Autor), Axel Melhardt, Erich von Däniken (Autor) (Foto Reinhard Habeck).

5 Trivia

Axel hatte die Mitgliedsnummer 470 im SFCD.

Noch ein seltsames Detail, das mir jetzt einfällt: Bei meinem letzten Besuch 2008 in Wien wollte ich für meinen Blog auch einen Bericht über das Labyrinth der unterirdischen Gänge der Katakomben unter Wien schreiben und zusätzlich über das Garten-Labyrinth von Schloss Schönbrunn. Axel – oder seine Frau Tilly? – gab den wichtigen Tipp, sich im Gewirr der Gänge „immer rechts“ zu halten – dann könnte man sich gar nicht verirren. Stimmt, ich habe es selbst ausprobiert. Un so habe ich das am 17. Juni 2008 in meiner Datenbank notiert:

Gruslige Katakomben – schräges Jazzland – schönes Schönbrunn
 Wie nennt man einen Irrgarten, der sich tief unter der Erde befindet? Das kann ja nicht gut ein „Garten“ sein“. Schon gar nicht, wenn es sich um das unheimliche Gewirr von Gängen unter dem Wiener Stephansdom handelt.
Den üblicherweise absolvierten Teil der Katakomben, den man über den Dom betritt, habe ich bereits im Juli 1959 während der Abiturfahrt besichtigt. Diesmal habe ich mich auf einen Teil beschränkt, von dem nur die Eingeweihten wissen, dass es sich um einen Teil der Katakomben handelt, der nur durch eine dünne Mauer vom anderen – weit größeren – Bereich abgetrennt ist: die Gewölbe des Jazzland.

In meiner Story „Sechs nette Untermieter“ heißt das Wunderkind, das mit seltsamen Außerirdischen Kontakt bekommt, Axel. Das war ganz bewusst eine kleine Verbeugung in Richtung Wien.

6 Ein reiches Leben

Nachdem mich die Nachricht von Axels Tod zunächst deprimierte – erinnerte sie mich doch nachdrücklich, dass „die Einschläge näherkommen“ – brachte dann das Zusammentragen der Erinnerungen an ihn wieder Schwung in mein Leben. Außerdem habe ich beim Lesen der aktuellen Andromeda–Nachrichten mit der Todesanzeige eine wichtige Erfahrung gewonnen: Es erzeugt ein gutes Gefühl, sich einem so komplexen Gebilde wie dem Biotop Science-Fiction zugehörig zu fühlen, speziell in seiner Ausprägung SFCD.
Axel war, vom Schreiben mal abgesehen, mehr Manager und Unternehmer als Künstler bzw. Musiker. Das hat er sowohl als Präsident des SFCD während mehrerer Jahre bewiesen, dann als Gründer und Herausgeber des Magazins pioneer und schließlich über mehr als ein halbes Jahrhundert als Gründer und Promoter des weltweit vernetzten Jazzland. Letzteres war ja ein echtes Startup-Unternehmen mit allen Risiken, lange bevor dieser Begriff Eingang in die Alltagssprache fand. 

Abb. 6: Trauerfeier am 31. Mai 2024: Die Abschiedsrede hält Edi Lukschandl (Foto: Alfred Vejchar).

Quellen
Braeg, Dieter und Alfred Vejchar: „Axel Melhardt: Gründervater zweier Welten“. In: Vejchar; Von Andromeda bis Utopia“. Winnert Mai 2023 (p. machinery).
Melhardt, Axel: „Ohne Titel – Laudatio für Walter Ernsting). In: Gaisbauer, Gustav (Hrsg.): WE against the Future. Passau 1990.
ders.: Geschichte und G´schichtln.: 20 Jahre Jazzland. Wien 1992 (Hot Club Vienna).

Post 320 _ aut #2409 _ 05. Juli 2024/12:23

Ein Kommentar zu “Jazz oder Science-Fiction? In memoriam Axel Melhardt (1943-2024)

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