„Dröhnende Stille“ wegen Corona

Buchmesse Frankfurt am Main im Oktober 2020: Geisterhafte Leere in den Gängen wegen Corona

Ein schönes Oxymoron: „Dröhnende Stille“. So betitelt die Süddeutsche Zeitung einen Kommentar zur diesjährigen Buchmesse, die im Oktober dieses Jahres wegen der Corona-Pandemie weitgehend in leeren Räumen und online stattfand. Das weckte in mir zwei Erinnerungen an meine früheren Tätigkeiten als Lektor und Autor:

° Meine Anfänge mit dem Buchmarkt 1969 in der Nymphenburger Verlagshandlung, wo ich als wissenschaftlicher Lektor begonnen habe. Das war meine zweite Arbeitsstelle (nach der Illustrierten Jasmin im Jahr zuvor). Unvergesslich das erste Gespräch mit Verleger Bertold Spangenberg mit diesen beiden Sentenzen:
° Auf meinen vorangehenden Job bei Jasmin anspielend (der ihm wichtig war wegen der Pressekontakte, die er sich von mir versprach) meinte er: „Jasmin – dieser Duft wird von denselben Substanzen erzeugt, die auch in den menschlichen Fäkalien enthalten sind.“
Da sprach sowohl der Chemiker, der er von Haus aus gewesen war als auch sein etwas zwanghafter Charakter“ – wie ein Psychoanalytiker das beschreiben würde. Er war wirklich sehr pedantisch, etwa indem er ständig die vielen Projekt-Mäppchen auf seinem Schreibtisch umschichtete. Aber er war trotzdem ein sehr guter und sehr kreativer Verleger – oder gerade deswegen. Ich habe viel von ihm gelernt und traf ihn später immer wieder bei der VG WORT, wo er eine wichtige Stimme der Verleger war.
° Spangenbergs zweite Bemerkung verblüffte mich noch mehr: „Bücher sind durch Druck entwertetes Papier.“
Damit meinte er, dass die noch frischen, nicht bedruckten Rohbogen, auf denen die Texte der Bücher entstehen, so lange handelbares Gut und somit wertvoll sind – wie sie eben nicht bedruckt wurden. Der Druck machte zwar ein neues Handelsgut daraus, eben ein Buch – aber dieses ist ab da den ganz anderen Gesetzmäßigkeiten des Buchmarktes unterworfen und wirklich rasch „entwertet“, sobald das Buch kein Bestseller oder einigermaßen erfolgreich ist, sondern ein Flop, der schlimmstenfalls im billigen „Ramsch“ landet oder wie Blei im Lager rumliegt.

° 1973 dann meine erste eigene Präsenz bei der Buchmesse – am Stand des Droemer-Verlags (wo gerade mein Sachbuch Innenwelt-Verschmutzung erschienen war und ich neben anderen den Bestsellerautor Johannes Mario Simmel als Autorenkollegen beim selben Verlagshaus kennenlernte).

Noch ein Gedanke zu dem eingangs erwähnten Begriff „Oxymoron„. Damit ist der sprachliche Kunstgriff gemeint, in einem einzigen Wort zwei total gegensätzliche Begriffe zusammenzufügen. „Dröhnende Stille“ war oben das Beispiel. Mindestens so eindrucksvoll ist für mich „Rasender Stillstand“, ein Essay von Paul Virilio mit dem Untertitel: „Ein Versuch über Beschleunigung in der Moderne“.
Aber der Begriff „Stillstand“ im Titel zielt eben auch auf das Gegenteil – die Entschleunigung.

Quelle
Virilio, Paul: Rasender Stillstand (Paris 1990). (München 1997, Hanser). Frankfurt am Main 2015, 5. Aufl. (Fischer Taschenbuch).

015 _ aut #294 _ 2020-11-18/16:45
(Timeline 1: Der aktuelle Eintrag zum Datum 2020-10-17 / Timeline 2: historisches Datum 1969 bzw. 1973)

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