Atemnot

Als Kind litt ich unter Nasenpolypen, die mir ab dem zweiten Lebensjahr zunehmend das Atmen erschwerten. Im März 1943 war dann eine Operation unumgänglich. Sie wurde in Eger (heute Cheb, in Tschechien) durchgeführt, das nicht weit von Rehau entfernt liegt. Auf der Zugfahrt dorthin schaute ich mit meiner Mutter einen Prospekt des Ozeanriesen Bremen des Norddeutschen Lloyd an. Auf diesem Pott (wie die Hamburger sagen) war mein Vater als junger Mann zur See gefahren – als Steward und Tennislehrer, dem seine Englisch- und Französischkenntnisse und sein weltmännisches Verhalten sehr zugutekamen. (Über seine ganz andere Rolle auf der Bremen an anderer Stelle mehr – Rudolf Hess lässt grüßen). So erklärt sich ganz einfach, wie meine Mutter in den Besitz dieses Prospekts gekommen war.

Ansonsten erinnere ich lebhaft noch drei Details dieses Arztbesuchs: Die gelbe Farbe des Wartezimmers. Die Chlorformmaske zur Anästhesie samt „rückwärts zählen“ (was ich mit drei Jahren offenbar schon konnte oder in diese Situation rasch gelernt habe). Und dass ich – wohl nach dem Eingriff – entsetzt jammerte: „Ich mecht net ster´m“ (aus dem Rehauerischen Dialekt übersetzt: „Ich möchte nicht sterben“).

Letzteres erklärt ganz einfach, warum ich heute in diesen Corona-Zeiten solche Atemnot bekomme, dass ich mir die so oft erforderliche Schutzmaske am liebsten gleich wieder herunterreißen würde. Zum Glück habe ich in fünfzig Jahren Yoga gelernt, ganz gelassen zu atmen und mich dadurch ruhig zu stellen, wenn es nötig ist. Zum Beispiel im Magnetresonanztomographen, wenn er mit höllischem Lärm um meinen Kopf kreist, tief drinnen in der Röhre: Ausatmen- Einatmen – Ausatmen – Einatmen… (Zuletzt erlebt als Begleitmusik zur Entfernung meiner Gallenblase im August 2019).

Die Atemnot wurde dann 1943 nach der PolyOp sicher noch gefördert durch meine Erkrankung an Keuchhusten. Was mir und meiner Mutter zu einer Reise nach Oberstdorf zur Familie von Tante Lucie, der Schwester meines Vaters, verhalf – für eine Heilbehandlung in der Keuchhustenstation auf dem Gipfel des Nebelhorn. Bei dieser Gelegenheit lernte ich von Cousin Peter Josam,
° wie man mit Makkaroni Tomatensoße aufschlürfen kann
° und wie eine Schildkröte aussieht und sich bewegt: gaaaaanz laaaaangsaaaaam. (Ob von daher eine frühe Prägung meines späteren Interesses am Thema „Entschleunigung“ rührt?)

Peters Schildkröte war trotz ihrer Langsamkeit aus dem Garten ausbebüxt gewesen und es war nun ein großes Ereignis, dass jemand sie entdeckt und zurückgebracht hatte. Als ich viele Jahre später meinen Patenonkel Julius (der Bruder meines Vaters) in Garmisch besuchte und dieser mich, schon 94 Jahre alt und sich auf den Tod vorbereitend, aufforderte, irgend etwas von seinem Besitz mitzunehmen („den ich ja bald nicht mehr brauchen werde“) war ich sehr beeindruckt von dieser Gelassenheit, dem Annehmen der eigenen Endlichkeit und dem Loslassen der irdischen Dinge.
Ich stutzte zunächst, weil ich in dieser spießigen und schon recht vernachlässigten Wohnung partout nichts entdecken konnte, was ein Gewinn für meine Besitztümer gewesen wäre. Da entdeckte ich in einem Regal eine kleine Schildkröte aus Bronze. Und wusste sofort, dass ich die gerne hätte (und ich weiß noch genau, dass ich mich dabei an die Schildkröte seines Neffen Peter Josam in Oberstdorf erinnerte).
„Ja, nimm sie mit“, sagte der Onkel, ganz erleichtert, wieder ein wenig Ballast losgeworden zu sein. Und ich nahm die neue Bürde gerne mit.

Schildkröte aus Bronze – Länge 14 cm, Breite 11 cm, Höhe 5 cm (Nachlass Julius vom Scheidt, 1901-1995)

Dass die Schildkröte, die jetzt in der Diele meiner Wohnung in einer Ecke still vor sich hin ruht, das Symbol schlechthin für Entschleunigung ist – das war mir damals nicht klar. Obwohl ich das Buch Singles – Alleinsein als Chance (1979) schon veröffentlicht hatte, worin ich erstmals den Begriff „Entschleunigung“ verwendet und wohl überhaupt als Erster publik gemacht habe.

Das beeindruckende Verhalten von Onkel Julius im Alter ändert allerdings nichts daran, dass er ein übler Antisemit war. Aber ich kann Menschen gut in (mindestens) zwei verschiedenen Schubladen meines „Archivs der Erinnerung“ parken. Bei seinem jüngeren Bruder, meinem Vater, musste ich das auch lernen – was nicht einfach war.

Zurück nach Oberstdorf 1943: Auf der Hin- oder Rückfahrt (oder beide Male) machten wir Zwischenhalt bei Mutters Tante Frieda Harrach in der Agnesstraße in München, das ziemlich genau in der Mitte auf der Strecke Rehau – Oberstdorf liegt – damals sicher mehr als eine Tagesreise mit der Bahn und nicht ungefährlich wegen der immer heftiger werdenden Bombenangriffe auf die deutschen Großstädte. Was mich bei Einbruch der Dunkelheit dann tief beeindruckte, war das Loch im Dach über dem Treppenhaus, das mir Onkel Karl Harrach nicht ohne Stolz zeigte: „Das hat eine Brandbombe geschlagen – aber das Feuer haben wir rasch gelöscht“ (oder so ähnlich lautete die Erklärung). Wir blieben wohl einige Nächte zu Besuch, denn ich äußerte mehrmals begeistert den Wunsch „Sternele sehn“.
(Dass ich mir von diesem Besuch sonst nur noch den Spülkasten der Toilette mit der Zugkette merkte – lag wohl daran, dass wir damals in Rehau so etwas Exotisches wie ein Klo mit Spülkasten in der Wohnung noch nicht kannten – in der Bahnhofstraße 15 befand sich die Toilette im Zwischenstock und von wegen Wasserspülung – niente.)
Gut möglich, dass mein Faible für Astronomie hier beim „Sternele seh´n“ seine erste Quelle hat. Später, da war ich schon zehn, förderte mein Vater diese Faszination nachhaltig, indem er (von seinen Jahren bei der „Christlichen Seefahrt“ geprägt) mir in einer eiskalt klaren Winternacht den Sternhimmel erklärte. Prof. Harald Lesch könnte es heute nicht besser machen. Das wurde noch verstärkt durch das Buch Aus fernen Welten von Bruno H. Bürgel, das Vater mir 1952 zu Weihnachten schenkte. Was für ein Lesefutter für einen aufgeweckten Jungen! Der hatte zuvor schon ein spannendes Abenteuer aus diesen „fernen Welten“ des Weltraums mit glühenden Wangen verschlungen: Den Zukunftsroman Auf unbekanntem Stern von Anton M. Kolnberger, 1948 in der Buchhandlung Kolb entdeckt und gleich auf den Weihnachtstisch gewünscht – und dort auch gelandet.

Der blaue Faden meines Lebens

All dies zusammen begann das zu knüpfen, was ich vor einem Jahr den „Blauen Faden“ meines Lebens nannte: Das Interesse nicht nur an der Astronomie und anderen Naturwissenschaften, sondern an den Erzählungen, die dieses Sachwissen so lebendig machen können: die abenteuerliche, exotische, bizarre (und nicht selten auch ziemlich ver-rückte) Welt der Science Fiction.

(Ja, erstaunlich, nicht wahr, was hinter so einer atemberaubenden Stoffmaske in Corona-Zeiten alles zum Vorschein kommen kann.)

018 _ aut #845 _ 2020-12-20/15:28

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