Pegasus – das Wunderpferd lebt munter weiter

Gibt es ein anschaulicheres Symbol für das Schreiben als das wundersame geflügelte Pferd, das die Griechen Pegasus nannten? Wie sich da ein doch recht schweres und schwerfälliges Geschöpf in immer entlegenere Höhen emporschwingt! Der allfällige Reiter muss allerdings die Zügel (einen „roten Faden“?) geschickt lenken, um das gesteckte Ziel seiner Phantasie und Kreativität in geistigen Höhen zu erreichen. Sonst geht es ihm / ihr wie dem unglückseligen Ikarus, welcher der Sonne zu nah kam. Seine künstlichen Flügel schmolzen – und er stürzte ins Meer und ertrank.
(In einer seltenen anderen Variante der Sage überlebt Ikarus allerdings – was wiederum darauf hinweist, welche unbändige Phantasie die Griechen hatten, wenn sie sich auf ihre Pegasi schwangen…)

1987 stellte der griechische Archäologe Nikolas Yalouris seinen opulenten Bildband zu diesem mythischen Tier vor: Pegasus: Ein Mythos in der Kunst.
Der Mythos ist inzwischen Jahrtausende alt, hat aber nichts von seinem tiefen Sinngehalt verloren. Ganz im Gegenteil: er ist noch immer ein höchst lebendiges Sinnbild der schöpferischen Kräfte im Menschen (wie sich u.a. in Träumen unserer Tage zeigt). Der Inhalt des Mythos und seine Entstehung werden ebenso behandelt wie kulturgeschichtliche und kreativitätspsychologische Aspekte: Die verborgene Bedeutung des Mythos wird interpretiert als Integration biologischer (d.h. triebhaft-sexueller) und spiritueller Kräfte.

Yalouris: Pegasus (1987, Verlag Zabern, Mainz – Ausschnitt des Umschlags)

Ich war sofort fasziniert von diesem Stoff und nahm das Buch als Vorlage für eine Sendung, die am März 1988 im „Nachtstudio“ des Bayrischen Rundfunks in den Äther ging: „Pegasus – das beflügelnde Wesen“.


Ein Verein – das wär´s!


Nachdem ich schon seit 1979 Seminare für Kreatives Schreiben durchführte, ging immer ständig die Idee durch den Kopf, einen Verein ins Leben zu rufen, der sich diesem Thema widmet. Yalouris´ Werk und meine BR-Sendung verliehen diesen Phantasien den entscheidenden Impuls, die Idee zu realisieren. Ich trommelte einige Schreibbegeisterte aus damaligen Seminaren zusammen und gründete mit meiner Frau Ruth den Verein, dessen Gründungsversammlung am 05. Okt 1988 war. Bei der Abfassung der Satzung half Norbert Engel, damals Justitiar im Bayerischen Senat und ebenfalls ein Schreibbegeisterter. Mein Graphikerfreund aus Jugendjahren Alfred Hertrich zeichnete das passende Logo. Einige Jahre war ich selbst Erster Vorsitzender des Vereins. Dann dachte ich irgendwann: Entweder mein Baby ist stark genug auch ohne mich als „Papa“- oder es geht ein.
Es war stark genug – denn der Verein, inzwischen bereits von der „vierten Generation“ geführt und gepflegt, existiert nach wie vor. Er veröffentlicht jedes Jahr ein eindrucksvolle Anthologie mit Geschichten der Mitglieder (Weihnachten war die neueste Ausgabe bei mir im Breifkasten, herausgegen von Ute Lutsch und Nikol Schlichte und wieder sehr gelungen in der Mischung aus Kurzgeschichten, autobiographischen Memos und Gedichten.)
Der Verein hat längst eine eigene Website – www.pegasus.schreiben.de – und er wird auch die Corona-Pandemie in bewährter Kreativität und Phantasie überstehen, ist doch für den Schreibenden „alles Stoff“ und so eine weltweite Katastophe sowieso.

Ute Lutsch und Nikol Schlichte (Hrsg.) Kaledoskop (Jahres-Anthologie 2020 des Pegasus-Vereins)

2014 stellte die (inzwischen leider eingestellte) Zeitschrift TextArt anlässlich des 30. Geburtstags den Münchner Verein ausführlich vor. Inzwischen hat der Verein längst sein 35. Jubiläumsjahr gefeiert. Hier ein von der Website geklautes Szenebild aus der Lesung vom November 2019:

Lesung der Pegasus-Schreiber (München, Nov 2019)

Die Wikipedia weiß noch mehr

Für alle, die zu faul sind, selbst in die Wikipedia zu schauen, zitiere ich hier, was dort über den Mythos von Pegasus (auch: Pegasos) zu lesen ist:
Pegasos war das Kind des Meeresgottes Poseidon und der Gorgone Medusa. Die Überlieferungen über seine Geburt variieren: Eine Version berichtet, er sei aus Medusas Nacken entsprungen, als diese von Perseus geköpft wurde. Hierbei sei er als Zwilling von Chrysaor zur Welt gekommen. Eine andere erzählt, er sei aus jener Stelle der Erde entsprungen, auf welche Medusas Blut getropft sei.
Pegasos trug Bellerophon in seinem Kampf gegen die Chimära und die Amazonen. Es gibt verschiedene Geschichten, wie Bellerophon Pegasos gefunden habe: So sagen einige, dass der Held ihn trinkend am Brunnen von Peirene (am „pirenischen Quell“) gefunden habe, andere berichten, dass entweder Athene oder Poseidon Pegasos zu Bellerophon führten. Bevor er Bellerophon beistand, brachte Pegasos Blitz und Donner zu Zeus, und nach dem Tod Bellerophons kehrte er zum Berg Olymp zurück, um den Göttern zu helfen.
Angeblich entstanden durch Pegasos’ Hufschlag zwei Brunnen: einer auf Geheiß von Zeus auf dem Gebirge Helikon (der „helikonische Quell“, aus dem alle Dichter trinken), ein zweiter in Troizen (vgl. auch Hippokrene).
Pegasos wurde in ein Sternbild verwandelt, aber eine Feder seiner Flügel fiel nahe der Stadt Tarsos zurück auf die Erde und gab der Stadt ihren Namen. Seine Ursprünge als Mischwesen sind vermutlich orientalischer Herkunft. Er wurde häufig in der kretischen und kleinasiatischen Kunst und sogar noch bis in das dritte Jahrhundert nach Christus auf römischen Münzrückseiten dargestellt.

Das mit der „Verwandlung in ein Sternbild“ ist übrigens nur ein Beispiel dafür, wie das geflügelte Pferd die Phantasie seit vielen Jahrhunderten angeregt und sich in alle Beriche der Kultur und Zivilisation verbreitet hat. Es gibt:
° eine Schweizer Musikgruppe dieses Namens,
° eien amerikanische Rakete,
° einige Weltraumsatelliten dieses Namens,
° eine Drohne der Budneswehr,
° einen Computer,
° eine Schad-Software,
° einen Wirtschaftspreis (in Österreich),
° das Emblem als Bildmarke der Mobil Oil Company
° und , alst but noch least, einen „Pegasus Verein für kreatives Schreiben“ in München – aber darauf habe ich ja oben schon hingeweisen.
Was letzteres angeht: Als ich 1989 den Verein im Münchner Vereins-Register anmeldete – gab es rund ein Dutzend Vereine, die diesen Namen führten, darunter einen für Oldtimer-Fans. Bewegung ist eben alles.


Lesefutter
Buslau, Oliver: „Eine Autorengruppe asu München stellt sich vor. In: TextArt Heft 4, April 2018, S. 52.
Scheidt, Jürgen vom: Pegasus – das beflügelnde Wesen. München 1988. Manuskript einer Sendung des
Bayr. Rundfunks im „Nachtstudio“ am 15. März 1988.
Scheidt, Jürgen vom und Norbert Engel: Satzung des Vereins „Pegasus e.V.“ vom 19. Jan 1989.
(Gründungsversammlung des Vereins war am 05. Okt 1988).
Yalouris, Nikolas: Pegasus: Ein Mythos in der Kunst. Mainz am Rhein 1987 (Zabern).

(Kategorien: Schreiben – Mythologie – Pegasus)

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