Geburt eines Schriftstellers aus dem Kopf einer Rock´n´Roll-Party anno 1957

Liest sich erst einmal rätselhaft, seltsam, bizarr – dieser Titel. Soll auch so sein. Dabei ist alles ganz einfach: Im März 1956 zog ich bzw. meine Familie mit mir von der oberfränkischen Kleinstadt Rehau in die Großstadt München. Was für ein inspirierendes Ankommen in einer neuen Welt – wie auf einem fremden Planeten.

War anfangs gar nicht so leicht, niemanden zu kennen außer Onkel Edi Harrach (der uns die Wohnung in der Heßstraße 6 besorgt hatte) und die neuen Klassenkameraden in der Gisela Oberrealschule. Dort fand ich in Dieter Seiffert sofort einen „Bruder im Geiste“, der auch Science-Fiction las und schätzte – der einzige dieser seltsamen Art außer mir. Da waren wir schon zwei.
Weitere SF-Fans zu finden war nicht schwer: Im Münchner Ableger des SFCD, bei dem ich damals (seit 1955 und bereits in Rehau) Mitglied war. Über den gleichaltrigen Günther Fandrich lernte ich Wolfgang „Wolfie“ Baum kennen (beide besuchten das Alte-Real-Gymnasium). Mit Wolfie verbindet mich bis heute eine vielseitige Freundschaft – teilten wir doch nicht nur das Interesse an SF, sondern auch an Jazz und daraus wurde – von ihm inspiriert – bald das Interesse an und Sammeln von Rhythm´n-Blues-Musik und vor allem die Möglichkeit, endlich an Parties teilzunehmen und Mädchen kennenzulernen.
Wolfie wohnte in Gauting-Königswiesen in der Ringstraße, wo viele junge Familien lebten und das Party-Leben sehr rege war – nicht zuletzt auch durch Kontakte zu amerikanischen Jugendlichen.
(Wenn jemand versteht, worunter dieser Tage die jungen Leute vor allem durch den Lockdown leiden – ich weiß das aus jenen Tagen nur zu gut. Ohne Party am Wochenende war das um die Schule kreisende Leben recht öde.)

Mit Dieter Seiffert unternahm ich den ersten Versuch, einen SF-Roman zu schreiben. Er war dafür bestens geeignet, denn er las nicht nur dieses „Zeug“, sondern war ein sehr begabter Schüler, top in Mathe und Chemie etc. (ganz im Gegensatz zu mir) und auch sonst sehr an Naturwissenschaften interessiert, studierte später Physik, wurde über Atomphysik promoviert und baute in Coburg für Siemens die erste Glasfaserfabrik Deutschlands auf.
Aber unser Roman-Projekt scheiterte nach den ersten Seiten. Es war wohl zu früh für Sechzehnjährige, so ein Unternehmen neben der Schule zu stemmen.

Meine schreiberischen Aktivitäten begannen sehr einfach: Bei der Schülerzeitung Giselaner, bei einem Fanzine der Münchner SF-Gruppe namens Munich Round Up (MRU). Dafür trafen wir uns einmal im Monat am Samstag in der Wohnung von Waldemar Kumming, der unser Spiritus rector war und die Peitsche schwang, damit unsere Beiträge pünktlich fertig wurden. Mit primitivem Spiritusdruck anhand von Matrizen publizierten wir (eine Handvoll junger Leute) allmonatlich 20 bis 30 (manchmal sogar 50) Seiten voller Kurzgeschichten, Buchbesprechungen, Artikel zu wissenschaftlichen und sf-literarischen Themen und allerhand Blödsinn in der Art des damals sehr präsenten Mad-Magazine.

Faksimile aus der Party-Zine C.C.Rider des Cool Circle mit dem Gedicht „Party“ (Archiv JvS)

Wenn man das so liest, sieht das recht schlicht aus. Aber für mich war es tatsächlich der Start ins Schreiberleben und für Bekanntschaften, die bis heute andauern. Einige sind allerdings schon verstorben: Sehr früh Lothar Heinecke (1964 durch einen Autounfall) – was für mich Anlass war, den ersten Nachruft meines Lebens zu verfassen. Auch Jesco von Puttkamer lernte ich auf diese Weise kennen. Er lebte und studierte zwar in Aachen, war aber oft in München zu Besuch. Mit ihm und sechs anderen Fans bastelten wir damals eine wilde SF-Story, die ich begann (nach einem Konzert von Lionel Hampton, nachts auf dem Münchner Stachus, auf die Trambahn wartend), auf einer Rolle Klopapier (ja, wirklich) abtippte, weil an diesem inspirierten Wochenende kein Schreibpapier im Haus war, dann diese Rolle weiterschickte an Jesco von Puttkamer, der das nächste Kapitel schrieb – und so weiter reihum. Man nennt das Round-robin. Ich redigierte das Ganze, schrieb das Schluss-Kapitel – und sorgte dafür, dass der Roman gedruckt wurde: Das unlöschbare Feuer. Ein auf mehreren Ebenen buchstäblich irrsinniger Spaß und mit seinem Superhelden so etwas wie eine Vorwegnahme der späteren Perry-Rhodan-Heftserie (einer der beiden Gründer, Walter Ernsting alias Clark Darlton war übrigens am Unlöschbaren Feuer beteiligt – ob von daher der Funke auf PR übersprang?)
Als dieser Tage in der Süddeutschen Zeitung der Kettenroman Verschwörung in Schwabing in Fortsetzungen erschien, verfasst von vier prominenten Münchner Autor*innen (s. unten „Lesefutter“), dachte ich vergnügt: Das haben wir schon vor sechs Jahrzehnten mal gemacht und hatten viel Spaß dabei!

Mit Waldemar Kumming (MRU) und Jesco von Puttkamer auf dem Oktoberfest anno 1969 (Archiv JvS)

Doch zurück in die 50er Jahre. Damals war nicht nur der Giselaner und MRU meine literarische Spielwiese und mein Autoren-Trainingsplatz, sondern auch ein literarisches Wildgewächs mit Namen C.C. Rider. Wolfie Baum hatte die Idee, dem um ihn herum entstehenden Party-Club Cool Circle so eine eigene Zeitschrift beizugeben. Dort erprobte und bediente ich (zeitweilig sogar als „Chefredakteur“, jawohl!) so ziemlich alle literarischen Formen, von der Kurzgeschichte über Lyrik, Buch- und Filmrezensionen und sogar den Anfang meines späteren Romans Sternvogel. Wie Munich Round Up und die Schülerzeitung war dieses Trio im Grunde der Anfang von dem, was ich viele Jahre später (1979) zusammen mit einer Kollegin als Schreib-Seminar angeboten habe: „Schreiben als Abenteuer“. Vermutlich war dies das erste Schreibseminar im deutschen Sprachraum überhaupt. Daraus wurde einer meiner wichtigsten Berufe, bis auf den heutigen Tag.

Als ich kürzlich (Ende Januar 2021) wieder im C.C. Rider schmökerte, dachte ich staunend: Das ist ja wie ein Fenster in diese späten 50er Jahre – mit Rassismus gegen Schwarze in den USA, viel Rock´n´Roll und Party-Treiben, aber auch Besuche von Ausstellungen („Kokoschka“ im Haus der Kunst), Auseinandersetzung mit Wiederbewaffnung und Wehrdienstverweigerung, Basketball mit amerikanischen Schüler der High School im Perlacher Forst und und und – alles erlebt und beobachtet und geschrieben aus der Sicht von 18- bis 20jährigen Jugendlichen.

Geburt eines Schriftstellers

Um von den drei Ansagen des Titels dieses Beitrags nun auch den dritten aufzuklären: 1957 schrieb ich meinen ersten Roman (Männer gegen Raum und Zeit), und das wurde dann tatsächlich so etwas wie die „Geburt eines Schriftstellers“. Das hatte auch etwas mit diesen Partys zu tun, denn auf einer solchen gestand ich einem Mädchen, das ich verehrte, wie traurig ich sei, dass ich meinen Berufswunsch, erst Testpilot und dann Weltraumfahrer zu werden, leider wegen der Brille begraben müsse, die ich damals vom Augenarzt verschrieben bekam.
Aber im Geiste in den Weltraum zu fliegen – in Form von erdachten Geschichten – das ging auch mit Brille. Und so wurde, denke ich, jener Partyabend im Sommer 1957 mit Wiebke Glaehn in einem Garten der Ringstraße zum Startschuss für mein eigenes Autorenleben. Der Roman erschien 1958. Sternvogel war dann gleich das nächste Werk – und deutlich besser. Aber irgendwann und irgendwie und irgendwo muss man ja anfangen.

Dass ich darüber allerdings im Januar 2021 in einem Blog im Internet mit Hilfe eines Computers (als Schreibmaschine) und während eines Lockdown des gesamten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen und privaten Lebens wegen einer tückischen Virus-Pandemie darüber berichten würde –
– nicht im Traum oder auf den Seiten einer SF-Story hätte ich mir damals so etwas ausgedacht. Viel zu utopisch.


MultiChronalia

Das beginnt schon mit dem Titel. Der führt zwar inhaltlich in die Jahre 1956 bis 1959 zurück – ist aber dem Titel einer Kurzgeschichte von James Ballard nachgebildet: „The Assassination of John F. Kennedy Considered As a Downhill Motor Race“ von 1967. Die hat mich einige Jahre später schwer beeindruck.
Anfang der 60er Jahre hatten einige „junge Wilde“ unter den SF-Autoren (Brian Aldiss, Norman Spinrad, John Sladek) in England neue literarische Experimente gestartet, die sie New Wave nannten. Bei dieser „Neuen Welle“ wollte ich auch dabei sein und begann mit allerlei literarischen Experimenten. Eine passende Spielwiese dafür war das semi-professionelle Magazin PIONEER der Wiener SF-Gruppe um Axel Melhardt (der später der Manager und Geschäftsführer des legendärer Jazzland am Rand der Katakomben wurde, das noch heute existiert – noch immer unter seiner Führung). Bei einer sagenhaften Session Ostern 1964 in einem Wochenendhäuschen außerhalb Wiens, bei vielem Bier und Jazzmusik, keimte in mir eine Geschichte, zu der mir zunächst nur der Titel einfiel: Blues für Fagott und zersägte Jungfrau. Die Geschichte, die zugleich die Titel-Story meiner Anthologie dieses Namens wurde – konnte ich allerdings erst sage und schreibe 40 Jahre später schreiben – in einem meiner eigenen Seminare. Manchmal ist die „Schwangerschaft“ für eine Geschichte hält recht lang.
Bei dieser Party waren einige Jungautoren dabei, die später sehr aktiv wurden. Ich erinnere mich vor allem an Helmuth Mommers (in der völlig leeren riesigen Altbauwohnung seiner Mutter im Zentrum von Wien konnte ich damals übernachten, zusammen mit Lukschandl, und Ernst Vlceck war glaube ich auch dabei, der später bei Perry Rhodan mitmischte). Mommers hat 2019 einen dicken Omnibus seiner Kurzgeschichten als beachtliches Alterswerk veröffentlicht. Mehr dazu an anderer Stelle —
Aus diesem Wien-Besuch entstanden einige eigene Beiträge für PIONEER: „Meine Novelle „Psarak abuko – die Manager auf dem Mond“ (inspiriert von meinem psychologischen Praktikum bei IBM); der Nachruf auf den an Ostern 1964 tödlich verunfallten Lothar Heinecke; eine Rezension von J.G. Ballards eindrucksvollem Endzeit-Roman The drownded World„. So hilft und inspiriert man sich einander, wenn man mit den richtigen Leuten rumhängt.
Wer beim Titel dieses Beitrags auch an die „Geburt der Göttin Athene“ denkt, die in voller Rüstung dem Kopf ihres Vaters Zeus entsprang – liegt auch nicht falsch. Die „alten Griechen“ waren mir schon als 13jähriger Schüler wichtig, 1953 angetörnt durch Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums und vor allem durch Cerams Götter Gräber und Gelehrte mit der tollen Geschichte von Ariadne und ihrem Faden und dem Labyrinth auf Kreta.
Das erste Schreib-Seminar 1979 war einerseits so etwas wie der Abschluss meiner Ausbildung in ThemenZentrierter Interaktion (TZI), gewissermaßen meine Meisterprüfung in dieser Methode des Gruppenleitens – und andrerseits der Beginn eines neuen Lebensabschnitts rund um den Beruf als Seminarleiter für Kreatives Schreibens – damals eine Novität.
In der Gegenwart lande ich dann – via Corona-Pandemie – im Jahr 2021.

Lesefutter
Alpers. Hans Joachim (Hrsg.): Science Fiction Almanach 1983. Rastatt 1982 (Moewig TB).
Ani, Friedrich & Dörrie., Doris & Singer, Lea & Pötzsch, Oliver: Verschwörung in Schwabing. München 2021 (Süddeutsche Zeitung).
Ballard, James: „The Assassination of John F. Kennedy Considered As a Downhill Motor Race“. In: New Worlds and SF Impulse, March 1967).
ders.: The Drowned World. (London 1962). London 1964 (SF Book Club).
Ceram, C.W.: Götter, Gräber und Gelehrte. Hamburg 1949, 78. bis 106. Tausend 1951 (Rowohlt).
Mommers, Hellmuth W. (Hrsg.). Anderzeiten. Murnau am Staffelsee 2018 (p.machinery Michael Haitel).
Scheidt, Jürgen vom: Sternvogel. Minden 1962 (Bewin). Neudruck als BoD und E-Book 2017 (vss Verlag Schladt).
ders.: Psarak abuko. In: PIONEER Nr. 19, Wien 1964 (PIONEER Selbst-Verlag. Nqchgedruck als „Die Manager auf dem Mond“ in Alpers 1983.
ders.: Blues für Fagott und Zersägte Jungfrau. München 2005 (Allitera).
Upton, Munro R. (Sammelpseudonym): Das unlöschbare Feuer. Minden 1962 (Bewin).

2 Kommentare zu „Geburt eines Schriftstellers aus dem Kopf einer Rock´n´Roll-Party anno 1957

  1. Lieber Jürgen, gefällt mir supergut. Passt irgendwie zur meinem aktuellen 4-5 bändigen Schreibprojekt ‚Ulysses- Wanderer ohne Ziel‘ … Montagen um die eigene Biografie (bin aber erst Baujahr 1948) … Deine so treffenden Pointierungen zur damaligen Zeit habe ich so ab 1965 irgendwie fortgesetzt … erinnerst Dich sicher, was in den Jahren danach alles über die Bühne ging. Bin 1970 für lange Zeit nach Berlin … schreibe an meinem 34. Buchtitel … publizieren wird also langsam Zeit. Wenn nicht jetzt, wann dann?
    Wie machst Du das? Suche einen kleinen Verlag, der noch in der Lage ist ein Konzept zu betreuen.
    (Auszüge auf WordPress felix‘ schreibwerkstatt). LG Günter

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