Glück? Zufall? Bestimmung?

Mit dem Lottospielen und dem „Im Lotto gewinnen“ ist es so eine Sache. Wer sich an diesem gigantischen Glücksspiel schon einmal beteiligt hat und ein wenig über die statistischen Hintergründe informiert ist, weiß, dass die Chancen, einen richtig fetten Gewinn einzustreichen brutal gering sind. Je nachdem wie gerechnet wird, ist beispielsweise die Chance, sechs Richtige beim Spiel „6 aus 49“ zu erzielen, mikroskopisch kleine „1: 13,983.816“. Trotz dieser geringen Gewinnaussicht hat unter den Millionen von Spielern jede Woche meistens einer oder eine dieses Glück. Der Zauber der „Großen Zahl“, würde ein Mathematiker sagen (aber nicht an „Zauber“ denken, sondern nur nüchtern an Statistik).  

Beispiel Lotto-Begabung

Hier noch ein Beispiel aus meinem Buch Das Drama der Hochbegabten, das Ihnen zunächst etwas absurd anmuten mag, bei dem es aber fraglos um Erfolg und Geld geht wie bei so vielen Aspekten von Hochbegabung: das Lottospielen. Man kann dabei, genau genommen, drei Varianten unterscheiden:
1. große Gewinne (zum Beispiel ein Jackpot mit mehreren Millionen);
2. viele Gewinne (wobei es nicht auf die Höhe des Gewinns ankommt, sondern dass man überhaupt zu den Gewinnern zählt);
3. die Kombination beider Aspekte: öfter großen Gewinn erzielen.

Nun werden Sie vielleicht einwenden: Das soll eine Fähigkeit sein? Das hat doch nur mit Glück zu tun!

Verschärfen wir also die Bedingungen. Nehmen wir an, jemand gewinnt jede Woche den Höchstgewinn im Lotto, immer wieder. Würde es sich hierbei auch nur um Glück handeln oder doch um eine Fähigkeit im psychologischen Sinn? Immerhin sind zwei Extrem-Gewinner überliefert, die zweimal kurz hintereinander den Hauptgewinn kassiert haben, einer in Mexiko und einer in Australien.

Mich selbst würde ich, bei Variante 2, unter die überdurchschnittlich Begabten in dieser Hinsicht zählen. Ich habe in den fast zehn Jahren zwischen Dezember 1994 und September 2003 immerhin 65-mal etwas gewonnen (dann hörte ich auf dieser Sucht zu frönen). Meistens gewann ich nur die kleinste Ausschüttung (damit ködern die Lotterieverwaltungen zum Weiterspielen) – aber auch schon mal 6 666 € und einiges zwischen diesen beiden Extremen. Auf jeden Fall habe ich mehr gewonnen als eingesetzt, und ich hätte von dem bis dahin gewonnenen Geld noch gut zehn Jahre das ausgeben können, was ich davor riskiert hatte, und hätte danach immer noch kein Geld verloren.
Das sollte mir doch, analog zum Intelligenzquotienten, einen geschätzten Lotto-Quotienten (LQ) von 120 verschaffen, oder?
Wenn es aber um den rein finanziellen Erfolg geht, sind die beiden oben erwähnten Doppelgewinner wesentlich besser – mit einem LQ von 140? Und was ist mit dem Bauunternehmer aus West Virginia, der 2002 fast 315 Millionen Dollar einstrich, als er den Jackpot in der Lotterie Powerball knackte? Der hat bestimmt einen LQ von 150, schätze ich.
Und was ist gar mit einem bisher unbekannten Lottospieler aus dem Staat Michigan, der in der Freitagsziehung am 22. Januar 2021 den Jackpot der Mega Millions gewonnen hat und 739 Millionen US-Dollar erntete (das sind 608 Millionen €uro). Sein (oder ihr?) Glückslos war das einzige mit allen sechs richtigen Nummern.

Die Zeitungmeldung vom 25. Jan 2021: mickerige 14 schmale Zeilen für so viel Geld!

Beim Lotto handelt es sich immer um reine Zufälle, wenn eine Einzelperson unter der Großen Zahl der Mitspieler die richtigen Zahlen tippt. Da ist nichts von „Glück“ im Spiel. Und es gibt sicher keinen Lotto-Gott (oder eine Göttin Fortuna), der oder die oben im Himmel sitzt und mit diebischer Freude (oder großem Ingrimm) jene eine Person dort unten auswählt, die Lottotrommel manipuliert und festlegt: „Du gewinnst, Erdling!“
Das hat auch nichts mit Begabung zu tun (was ich oben darüber phantasiert habe, ist nichts weiter als eben – reine Phantasie).


Auch eine Art Lotterie: „Grundeinkommen-Gewinnspiel“

Der rührige Michael Bohmeyer, der unermüdlich für das „Bedingungslose Grundeinkommen“ kämpft, hatte 2014 eine supergute Idee: Ein Gewinnspiel, an dem sich jeder kostenlos beteiligen kann. Man muss sich nur anmelden und ist dann bei der – inzwischen – allmonatlichen Verlosung dabei. Möglicher Gewinn: 1.000 € Grundeinkommen für ein ganzes Jahr. Also 12.000 € Zustupf – das ist doch nicht schlecht und kostet nur die paar Minuten, sich online anzumelden. Wenn man Vereinsmitglied wird und regelmäßig einen kleinen Beitrag spendet, ist man automatisch bei jeder Verlosung dabei. Die Chancen sind ganz sicher besser als bei jeder Staatlichen Lotterieverwaltung – auch wenn inzwischen gut eine Million bei „Grundeinkommen e.V.“ mitmachen. Letztlich soll dieses (sehr ernsthafte, weil hochpolitische) Spiel ja das Nachdenken über dieses „Helikoptergeld“ anregen. Anmelden kann man sich hier: mein-grundeinkommen.de .
Und nachlesen kann man die ersten Erfahrungsberichte, wie es Gewinnern mit ihren 12.00 € ging und was das bei ihnen bewirkt hat in Bohmeyer und Cornelsen 2019.

In einem Roman würde einem das kein Leser abkaufen – zu unglaubwürdig

Aber seltsam ist es doch, was da gelegentlich abgeht. Ich will noch einmal auf meinen eigenen oben erwähnten Gewinn von genau 6.666 € eingehen. Dazu gehören nämlich auch zwei sehr seltsame Daten: Diesen Gewinn machte ich am Ziehungstag „20.02.2002“ – der Brief, in dem man mir das mitteilte, setzt mit seinem Datum noch eine „2“ drauf: „22.02.2002“.
Wäre ich ein Zahlenfetischist oder Mystiker oder würde ich dem esoterischen Laster der Numerologie frönen, käme ich schwer ins Grübeln. Zum einen ist da die ominöse „6.666“ – die ja verdammt nahe an der in der Apokalypse genannten „666“ liegt – der „Zahl des Tiers (also Satans). Und dann noch die zusätzliche vierte „6“ – was die wohl noch an Bedeutung dazu gibt?
Aber nun teil ich die 6.666 mal durch die „2“ aus dem Datum der Ziehung resp. des Briefdatums – die ja reichlich 2en anbieten – gleich 4 bzw. 5 mal!
Und was ergibt das: 6.666 dividiert durch 2?
Das ergibt 3.333.

Na, da bin ich jetzt aber platt – ausgerechnet meine Lieblingszahl. Und gleich viermal. Absolut unglaubwürdig (aber dokumentiert – s. unten den Brief).
Trotzdem mache ich das in meinem glü-Romanprojekt. Und zwar zitiere ich da nicht nur autobiographisch die 6.666, sondern setze noch eins drauf, und zwar sehr glaubwürdig: einen Lottogewinn von 7.777.777 €.
Mehr verrate ich hier nicht. Nur so viel: Es geht um die Plausibilität. Ich kann noch so seltsame Zufälle in eine Geschichte einbauen – ich darf das nicht erst am Schluss tun (höchst unglaubwürdig resp. plausibel) – sondern wenn schon, dann muss das gleich zu Beginn geschehen, gewissermaßen als fester Bestandteil dieser Welt, die ich da erzählend aufbaue. In der Romanologie (Der Kunst und Wissenschaft des Romanschreibens) gilt ähnliches wie dem Finanzamt gegenüber und den dort verwendeten Prüf-Algorithmen (Mitarbeiter von Finanzämtern jetzt bitte wegschauen):
„Die Steuererklärung muss nicht unbedingt korrekt ein – aber plausibel.“
(Anmerkung: Meine ElStEr ist, gerade weil ich dies weiß und hier ungeschützt mitteile – immer korrekt. Hab ich so von meiner einstigen Steuerberaterin gelernt – und die war immer sehr streng mit mir.)


Der Mann von der Lottozentrale

Wer übrigens nicht erst auf meinen Roman warten möchte, kann sich vorab schon mal hier im Blog delektieren an meiner Kurzgeschichte „Der Mann von der Lottozentrale“. Es gibt allerdings nur einen kurzen „Teaser“ – wer die ganze Story lesen möchte (es lohnt sich – versprochen!)
° kann sich für 33 € Flatrate ein Jahr lang alle passwortblockierten Texte hier im Blog abrufen
° oder meine Kurzgeschichten-Sammlung Blues für Fagott… kaufen, wo noch 22 weitere Stories und mein Gedicht „Tarzan ist wieder da“ versammelt sind.

Der Brief sieht ein wenig schräg aus. Aber das ist schon beim Original so – und passt irgendwie zum Thema (Archiv JvS)

Multichronalia

Da könnte ich jetzt autobiographisch weit zurückgehen in meine Jugend, als ich eine Weile (1952 bis 1955, schätze ich) geradezu fanatisch Fußball-Lotto gespielt und die Ziehungen verfolg habe. Oder berichten, dass ich für meinen Großvater bis zu dessen Tod 1952 nicht nur mit großer Freude seine Zigarren beim „Kätzel“ gekauft habe (wo es immer so magisch nach allen möglichen Tabaksorten roch und diese Sammelbilder zu Karl-May-Romanen der Zigarettenmarke „Ben Rih“ zu haben waren), sondern dass ich auch für ihn jede Woche ein 32stel Lotterielos beim „Sammet“ erwarb, neben der neuen Volksschule (wo ich drei Jahre die Schulbank drückte). Und dann die gespannte Erwartung, ob „Gewinn“ oder „Niete“. Es war immer eine „Niete“, wenn ich mich recht erinnere.
Wenn ich dann Richtung Gegenwart wandere, gelange ich 2002 zu meinem 6666-Gewinn, 2021 zum aktuellen Meldung über den Super-Jackpot-Knacker und schließlich zu meiner Romanfigur „Jan Wolfart“, der 2012 sagenhafte 7.777.777 € auf seinem Bankkonto vorfindet und dadurch in das größte Abenteuer seines Lebens gerät – wahrscheinlich sogar das größte Abenteuer, das überhaupt einem Erdenmenschen widerfahren kann. (Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten.)

Quellen
Bohmeyer, Michael und Claudia Cornelsen: ). Was würdest du tun? [mit 1000 € Grundeinkommen] Berlin 2019 (Econ Paperback).
DPA: „Mega-Jackpot“ geknackt. In: Südd. Zeitung Nr. 19 vom 25. Jan 2021, S. 8.
Lotterieverwaltung Bayern: Brief vom 22. Feb 2002 an den Autor.
Scheidt, Jürgen vom: Das Drama der Hochbegabten. München 2004 (Kösel). S. 99.
ders.: Blues für Fagott und zersägte Jungfrau. 24 Erzählungen. München 2005-04 (Allitera-Verlag). 140 Seiten, € 12,90 – ISBN 3-86520-121-0 .

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