„Gute Literatur ist das, was den Lesern gut tut…“

Zu ergänzen ist: „… und was damit auch dem Autor gut tut.“ Das stelle ich als Behauptung jetzt mal so in den Raum, also ins Internet. Dazu regt sich bestimmt Widerspruch – auch von mir selbst.
Mein Innerer Kritiker meint nämlich: „Gut ist Literatur nur dann, wenn sie den Kriterien der Feuilletons genügt und zum existierenden Kanon „guter Literatur“ passt – also zu Goethe, Böll, Grass (und anderen „toten Dichtern“.)

Mein Innerer Kritiker würde auch noch zugestehen (wenngleich zähneknirschend: „Sehr subjektive Ansicht!“), das Literatur auch dann gut sein kann, wenn sie einen Erkenntnisgewinn bringt – der dann wiederum den Lesern zugute kommt und dem Autor sowieso – ist ja sein Erkenntnisgewinn und somit ein Stück Selbsterkenntnis, also auch etwas „Therapeutisches“.
Aber letzteres, das „Therapeutische“ macht das Zitat natürlich gleich verdächtig als „psychologisch“ und somit nicht als werkzentrierte literarische (also philologische) Weltsicht. Und sollte Literaturbewertung und somit Literaturkritik nicht primär werkzentriert sein, was den Autor und seine innere Welt möglichst außen vor lässt?

Wir begeben uns hier sichtlich auf vermintes, weil von Weltanschauungen und Ideologien geprägt und von jeder Menge „Deformation professionelle“ – nämlich der Bewerter, die ihre jeweils eigene berufliche Erfahrung ins Feld führen.

Genügt es nicht, als Wertmaßstab den der „Verwertungsgesellschaft WORT“ anzulegen – bei der jede schreibende Person einen Wahrnehmungsvertrag bekommt (nämlich zur Wahrnehmung der Zweitrechte, auf die Autoren nicht selbst Zugriff haben), der oder die einige Werke nicht im Selbstverlag (!) publiziert hat – und somit richtigen materiellen Erfolg aufzuweisen hat, und sei der noch so gering?
(Letzteres ist übrigens auch die Sicht der Finanzämter: Kosten, die bei der Erstellung eines Werkes anfallen, können nur dann steuerlich abgesetzt werden, wenn das publizierte Werk Gewinn abwirft – also mehr als nur Hobby-Schreiben ist).

En aktueller Fall, der die Feuilletons sehr unterschiedlich bewegt

Das Gedicht, das Amanda Gorman bei der Vereidigung des neuen US-Präsidenten Joe Biden vortrug, erntete von sehr europäisch geprägten (und entsprechend voreingenommenen) Rezensenten eher negative Noten – was speziell die Bemerkung auf den Punkt bringt, dies sei ein Gedicht „mit dem sie bei einer deutschen Schreibschule ausgelacht worden wäre.“ Mieser kann man einen Text nicht herunterreißen (wobei ich mich frage: An was für eine Schreibschule hat der Rezensent denn da gedacht? Die aus dem Film Die Wonderboys“ mit Michael Douglas – die allerdings keine deutsche ist, sondern eine amerikanische?).

Ein anderer Redakteur der SZ (der den Verriss zitiert) kommt zu völlig anderen Bewertung, weil er sich die Mühe macht, den Kontext herauszuarbeiten, in dem das Gedicht entstanden ist und für wen es gedacht ist: nämlich für die Nachkommen geschundener Sklaven, deren einzige Überlebenshoffnung auf eine bessere Zukunft gerichtet war – wo einmal jemand wie die junge Amanda vor dem Capitol stehen und stolz eine neue Zeit in Gedichtform vortragen würde – in einem Prada-Kostüm und neben einem verständnisvollen, für die Rechte von Minderheiten aufgeschlossenen Präsidenten. Felix Stephan würdig dass in einem sehr fundierten und vor allem verständnisvollen Artikel mit dem Titel: „Sprich, Zukunft!“
Für mich löste das Erinnerungen an die späten 50er Jahre aus, als ich den Jazz und den Blues entdeckte und damit leider auch den damals noch weit schlimmeren Rassismus gegen großartige schwarze Musiker, die bei ausverkauften Konzerten nicht einmal im selben Hotel übernachten durften, weil das „for Whites only“ war.

Ich habe in meinem Leben schon eine beachtliche Menge an Büchern veröffentlicht – gute, sehr gute und nicht so gute. Aber zu jedem (!) habe ich irgendwann wenigstens eine Rückmeldung bekommen, dass genau dieses Buch dieser speziellen Leserin / jenem speziellen Leser etwas Wichtiges, ja Wertvolles gegeben habe. Beispiele:

Einige Jahre, nachdem mein Roman Der geworfene Stein erschienen war, rief mich (in München) aus Paris ein Mann an. Er wolle sich bei mir bedanken, weil dieser Roman ihm „ganz wichtige Erkenntnisse verschafft“ habe. Telefonieren zwischen Deutschland und Frankreich war damals (um 1980) noch verdammt teuer – also kein Spaß so nebenbei. Ich weiß nicht mehr, was genau die Erkenntnis war, die dieser Leser aus meinem Roman gewonnen hat – aber sie war ihm echt etwas wert. Damals begriff ich: Diesen Roman habe ich nicht nur für mich geschrieben – sondern auch für diesen einen Leser, mindestens.

Ein zweites Beispiel, brandaktuell:
1977 publizierte ich im Arena-Verlag einen „Ratgeber für junge Leute“: Entdecke dein ich. Mein Erstaunen – und natürlich auch meine Freude – war groß, als mich am 15. Februar 2020 in völlig anderem Zusammenhang (der hier nicht näher zur Disposition steht) diese E-Mail erreichte:

Sehr geehrter Herr vom Scheidt,
[…] Unverhofft erkenne ich in Ihnen den Autor eines für mich mit ca. 12 Jahren wesentlichen Buches: „Entdecke Dein Ich“, und erlaube mir, Ihnen dafür zu danken. Ich fand es bei einem Buchhandelsgang mit meinem Vater in Hamburg. Er nahm mich gern mit in Buchhandlungen, wo ich mir immer etwas aussuchen durfte und er dann seine als auch meine Bücher bezahlte. Da zog ich Ihren Band und erntete Verurteilung für seine Lektüre von einem Bandmitglied, den ich bis dahin eigentlich mochte, bei einer Unterhaltung am Lüneburger Stintmarkt auf den Stufen zur Ilmenau. Ihr Buch hatte mir trotzdem gut getan, doch von ihm zu erzählen und davon dass es einen beschäftigt, was darin stand, lernte ich, brachte wenig Sympathien. Zu Hause dafür schon.
Mit besten Grüßen aus Bamberg,
W.K.

Manchmal tut´s richtig weh

Besonders viel „Fan-Post“ erhielt ich aufgrund meines Sachbuchs Das Drama der Hochbegabten. Ich lüge nicht, wenn ich feststelle, dass es im Lauf der Jahre seit Erscheinen (2004) ein „ganzer Sack voll“ solcher Rückmeldugnen war.

Zweimal übel verrissen wurden in Psychologie heute zwei Sachbücher von mir: 1973 die Innenwelt-Verschmutzung und 2004 Das Drama der Hochbegabten – ja, genau das von Betroffenen so hochgelobte Werk. Beide Male hatte ich, durchaus empfänglich für sachliche Einwände und Argumente, das Gefühl: Die Rezensentin (beim Drama) und der Rezensent (bei der IWV) haben mein Buch überhaupt nicht gelesen. Der „Kritiker“ der IWV besaß sogar die Frechheit, seine Meinung anonym zu veröffentlichen – was bei Psychologie heute völlig unüblich war. Aber was soll´s – „was uns nicht umbringt, macht uns stärker“ (Friedrich Nietzsche). Ein gutes Motto, wenn man publiziert.

Fazit

Wer hat den nun Recht, was den „Wert von Literatur“ angeht: Der begeisterte Fan? oder der berufskritische Literatur-Kritiker?
Ich bin selbst sehr versiert darin, Bücher und Filme kritisch zu betrachten und dies auch zu notieren – dafür habe ich sowohl eine Datenbank „Bibliothek“ als auch eine namens „Cinemathek“ angelegt, in der ich jede Lektüre und jeden Film mit wenigstens einigen Sätzen würdige. Wenn mir ein Buch gut gefällt, teile ich dies auch auf Amazon mit. Aber ich verreiße grundsätzlich kein Buch, und sei es – in meinen Augen und nach meiner Meinung – grottenschlecht oder „schwach“ (was dasselbe meint). Ich finde immer wenigstens ein Kapitel oder eine Stelle, die mir etwas interessantes Neus mitteilt, eine neuartige Sichtweise auf ein Thema, oder sonst etwas Wertvolles. Es kann gar kein durch und durch grundschlechtes Buch geben. Selbst in Mein Kampf von A. H. findet der aufmerksame Leser das eine oder andere Körnchen Wahrheit und der verstehen wollende Psychologe sowieso – zumindest in den autobiographischen Mitteilungen dieses Machwerks.

Ansonsten halte ich es mit dieser Weisheit (keine Ahnung, woher ich die habe):
„Unter den siebeneinhalb Milliarden Menschen auf diesem Planeten Erde gibt es für jedes Buch wenigstens tausend Leserinnen oder Leser, für die es geschrieben wurde und denen es wichtige Erkenntnisse vermittelt oder einfach auch nur spannende Unterhaltung. Man muss sie nur zu finden wissen.“

Letzteres, das „Finden“, ist in Zeiten des Internet eigentlich nur eine Sache der Geduld.

MultiChronalia

Lässt man Mein Kampf mal als Leseerfahrung gelten (ich mutete mir dies während der Arbeit am Drama der Hochbegabten zu, weil ich A. H. für einen psychopathischen Hochbegabten halte und dies aus biographischen Aussagen per „Ferndiagnose“ untermauern wollte), führt die MultiChronie mich zurück ins Jahr 1925/26, als der spätere Diktator dieses antisemitische und anti-intellektuelle und überhaupt sehr „anti“ Pamphlet während seiner Haft in der Festung Landsberg schrieb. Sofort ergeben sich persönliche Querverbindungen sowohl zu meinem Vater jener Zeit – der in jungen Jahren ein begeisterter Nazi und Hitler-Anhänger war – als auch zu den Jahren, in denen ich die oben erwähnte eigenen Bücher schrieb und veröffentlichte (1973, 1975, 1977 und 2004).
Im Jahr 1980 etwa lande ich durch den Anruf aus Paris, in der Gegenwart lande ich durch die E-Mail der Leserin, die mich im Februar 2020 erreichte. Und mit der schwarzamerikanischen Dichterin Amanda Gorman bin ich brandaktuell Ende Januar 2021 bei Joe Bidens Vereidigung als neuer Präsident der USA.

Ein buntes Gewebe von multichronischen Faden, denen nachzuspüren vielleicht Stoff für einen ganzen Roman ergäbe. Hier sei es nur als Fingerübung in „multichronem Denken“ erwähnt.

Lesefutter
Gorman, Amanda: „The Hill We Climb“. Gedicht, vorgetragen bei der Vereidigung von US-Präsident Joe
Biden am 20. Januar 2021 in Washington.
H., A.: Mein Kampf. München 1925 und 1926.
Scheidt, Jürgen vom: Innenwelt-Verschmutzung. München 1973 (Droemer).
ders.: Der geworfene Stein. Percha bei München 1975 (R.S. Schulz)
ders.: Entdecke dein Ich. Würzburg 1977 (Arena)
ders.: Das Drama der Hochbegabten. München 2004 (Kösel).
Stephan, Felix: „Sprich, Zukunft!“. In: Südd. Zeitung Nr. 19 vom 25. Jan 2021, S. 9.

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