MultiChronie: ein Beispiel

In diesem Blog geht es immer wieder auch ums „Theoretische“, also beispielsweise um psychologische Hintergründe von Beobachtungen, Erlebnissen und Erinnerungen und den Versuch, sie in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Das zeigt sich vor allem bei dem, was ich MultiChronie nenne. Sie macht sichtbar, dass man fast immer mehrere Zeitschichten erkennen kann, selbst bei den trivialsten Zeitungsmeldungen – wenn man genau hinschaut. Beispiel: Eine kurze Notiz im Sportteil:

„Bayern München gelingt gegen Schalke 04 rasante Sensation: 2:1.“

(Gut, das ist jetzt nicht unbedingt sensationell, sondern eher langweilig – die Bayern gewissen ja fast immer, aber lassen wir das mal so stehen). Diese so simple Meldung im Titel eines Artikels, der dann die Details benennt (wer wann wie ein Tor geschossen hat, Elfmeter, Platzverweise, rote Karte – was auch immer)
° beschreibt ein Ereignis in naher Vergangenheit (meistens am Vortag);
° in der Zeitung steht das am aktuellen Tag,
° der Leser nimmt diese Meldung zwei Stunden später beim Frühstück im Café zur Kenntnis (was ein weiteres Datum mitteilt: es muss sich um ein Ereignis in der Zukunft handeln, in welcher der aktuelle Lockdown wegen Corona vorüber ist und die Cafés wieder geöffnet sind).
° Der fiktive Leser ist vermutlich an Sport und speziell an Fußball interessiert (warum sonst sollte er diese Meldung lesen?), was fast automatisch noch weitere Zeitschichten ins Spiel bringt. Er (oder sie?) erinnert sich beispielsweise an andere Spiele, vielleicht sogar an eines, bei dem er selbst im Stadion saß (muss also vor den beiden Corona-Lockdowns gewesen sein)
° und macht dann einen Sprung weit zurück in die Vergangenheit seines eigenes Lebens, als er selbst aktiv Fußball spielte.
° Plötzlich wird er traurig, weil sein Vater vor kurzem gestorben ist, mit dem er als Kind viele Fußball-Matches gemeinsam besucht hat.
° Mit Erzählungen über die früheren Erfahrungen konnte er bei Besuchen im Altersheim immer wieder solche lebendigen gemeinsamen Erinnerungen heraufbeschwöre, die den Vater aus seiner Altersdepression und leichten Demenz herausholten und so ein wenig gemeinsamen Freude zelebrieren ließen – eine der wichtigsten Erfahrungen seines Lebens.
° Nun denkt er an die Zukunft: „Ich sollte bald mal wieder mit meinen Söhnen dribbeln – oder vielleicht ins Stadion gehen – wenn der Lockdown nicht nur Geisterspiele erlaubt.“
° Und Jahre später liegt dieser selbe Mann wegen einer schweren Depression (Verlust der Arbeit wegen Corona, Ehescheidung wegen was auch immer) bei einer Psychoanalytikerin auf der Couch und erzählt, dem Weinen nahe, all dies oben Geschilderte.
(Oder es handelt sich um einen Schriftsteller, der seine Autobiographie schreibt, oder einen Roman, in dem diese Ereignisse vorkommen und durch den Vorgang des Schreibens zusammengebracht werden – was sehr therapeutisch wirken kann.)

Hinter uns die Vergangenheit – wir in der Gegenwart – weit oben die Zukunft: MultiChronie optisch (Foto: JvS 1975/76 Delhi: Matri mandir)

MultiChronie – das ist also das lebendige (meist aber unbewusste) Nebeneinander (oder Über- Untereinander) mehrerer Zeitschichten im eigenen Leben (das wäre der Innenaspekt) – oder draußen in der Welt. Meistens ist das unbewusst – der Vorgang des Schreibens (oder eine Psychotherapie) kann diese „Vielzeitigkeit“ im Bewusstsein sichtbar machen.

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