MultiChronie und die „Enge des Bewusstseins“

Das menschliche Gehirn hat nach neuesten Schätzungen 100 Milliarden Neuronen mit 100 Billionen synaptischen Verbindungen. Warum nehmen wir aber nur jeweils einen winzigen Ausschnitt der Realität war, der etwa eine drittel Sekunde (300 Millisekunden) im Bewusstsein präsent ist und nur einen winzigen Ausschnitt des Raumes um uns herum über die Sinnesorgane zugänglich hält?
Das ist so, als würden wir auf einem Ozeandampfer über die Weltmeere reisen – aber die Welt um uns herum in unserer Kabine nur durch das kleine Bullauge wahrnehmen – ohne zu wissen und zu erkennen, was links und rechts davon und oben und unten (und hinter unserem Rücken) sonst noch existiert?

Der psychologische Fachbegriff für diese Komprimierung der Informationsflut ist „Enge des Bewusstseins“. Er ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich aus meinem Psychologiestudium mitgenommen habe und im späteren Leben brauchen konnte. Ich muss damals wie vom Donner gerührt gewesen sein, als ich dies im Sommersemester 1961 in der allerersten Psychologie-Vorlesung aus dem Mund des Dozenten Adolf Däumling vernahm – ich sehe sogar den Raum im Souterrain des Uni-Gebäudes der LMU noch vor mir und das Gesicht des Dozenten.

Einengung der Wahrnehmung und des Bewusstseins (Photo by mustafa kaya on Pexels.com)

Die Fortsetzung dieses Moments psychologischer Welterkenntnis geschah in völlig anderem Kontext. Der britische Romancier Aldous Huxley hatte mit Halluzinogenen wie Meskalin und LSD experimentiert und in den 50er Jahren ein kleines Büchlein veröffentlicht, das mich als Student sehr beeindruckt und dazu gebracht hat, selbst mit LSD und Cannabis zu experimentieren. Diese Studie nannte er Die Pforten der Wahrnehmung. Er entwickelte darin das Konzept vom Reduktionsventil. Damit meinte er die Fähigkeit unseres Gehirns, die unglaubliche Fülle der ständig auf uns einstürmenden Informationen enorm effizient auf das Wesentliche zu reduzieren – also die „Pforten der Wahrnehmung“ fast ganz zu verschließen.
Jeder, der mal LSD oder einen intensiven Haschischrausch erlebt hat, weiß, was dann passiert: Die Pforten werden geöffnet, das Reduktionsventil geht auf und wir ertrinken geradezu in einem Strudel sinnlicher Eindrücke. Die gerne bekifften 68er nannten dies Bewusstseinserweiterung. Diesen Begriff haben sie aus der Philosophie gekapert und aus der Religion. Ist es doch beispielsweise das Ziel der Meditation im Buddhismus, das Bewusstsein so zu verändern, dass es eine andere Realität zugänglich macht – im Idealfall das Nirwana – die völlige sinnliche Leere. Das ist also eigentlich das genaue Gegenteil von der Informationsüberflutung, welche ein LSD-Trip auslöst, wenn er das Ventil öffnet.

In seinem Zukunftsroman Schöne neue Welt beschreibt Huxley eine Utopie, in der eine Droge – Soma – die Menschen aus ihrem Alltagselend erlöst – und sie damit zugleich jeder Manipulation durch „nüchterne“ Machteliten verfügbar macht. Es gibt in der Science-Fiction viele solcher Dystopien, wo Menschen mit Drogen manipuliert werden – aber eben nicht, um ihr Bewusstsein zu erweitern, sondern ganz im Gegenteil: um es noch mehr zu verengen und damit die Handlungsfreiheit zu reduzieren. Herbert W. Frankes Roman Die Glasfalle ist so ein Roman, in dem manipulierte Menschen gerade durch Weglassen der „Glückspillen“ erkennen, wie die Welt wirklich beschaffen ist.

Und was hat das mit MultiChronie zu tun?

Die Verbindung von „Enge des Bewusstseins“ und MultiChronie ist ganz einfach. Das Reduktionsventil bremst ja nicht nur die Wahrnehmungsfülle über die Augen, Ohren und anderen Sinnesorgane aus, sondern verhindert auch, dass wir außer diesem winzigen Bullaugen-Ausschnitt von Gegenwart in jedem Lebensmoment nichts von der Fülle unserer vergangenen Bullaugen-Momente erinnern (die man nur sehr unscharf als „die Vergangenheit“ bezeichnet) und schon gar nicht offenen Augen nach vorne in die Zukunft phantasieren können.
Erst wenn man, wie ich dies eben getan habe, die Augen schließt und sich erinnert – und wenn man dies Erinnerte und Gedachte und Phantasierte dann aufschreibt – wächst es zu dem zusammen, was ein ein „multichrones Gesamtereignis“ nenne:
° Ich sehe den Vorlesungsraum mit dem Dozenten Däumling im Sommer 1961 vor mir, ich sehe den Buchumschlag von Huxleys Pforten der Wahrnehmung (das ich im selben Jahr 1961 am 12. Januar gekauft und sofort fasziniert gelesen habe) und erinnere Constance A. Newlands nicht minder faszinierenden Erfahrungsbericht Abenteuer im Unbewussten über ihre Experimente mit LSD (1964 gekauft und sofort gelesen) – ich sehe mich im Perlacher Forst am Waldboden knien und von meinem ersten Halluzinogentrip überwältigt werden (befeuert von 20 Pillen des Hustenmittels Romilar – das heutzutage völlig entschärft ist und längst nicht mehr so wirkt) – erinnere mich an die Eingangsszene von Frankes Glasfalle (er hielt in späteren Gespräche 1965 mit mir gar nichts von Drogenexperimenten, was mir geholfen hat, meine zu beenden) – erinnere mich an eine Fahrt im August 1959 mit der Fähre von Calais nach Dover (bei der mir schrecklich übel war und ich seekrank durch ein porthole in die Nacht der sturmtobenden Nordsee starrte) – und lande in der Nah-Vergangenheit von heute Mittag, als ich das Interview mit dem Soziologen Armin Nassehi las, das mich zu neuen Reflexionen über „MultiChronie“ anregte. Und nun bin ich, am Abend des 10. Februar 2021 in der Gegenwart angelangt, habe diesen Artikel geschrieben – und setzte nun, um 21:17, den Schlusspunkt.

Quellen
Franke, Herbert W.: Die Glasfalle. München 1962 (Goldmann).
Huxley, Aldous: Brave New World. Vintage Books, London 2004, ISBN 0-09-947746-7 (EA London 1932). Dt. Schöne neue Welt Fischer, Frankfurt/M. 2013, ISBN 978-3-596-95015-7.
ders.: The Doors of Perception. (London 1954_Chatto&Windus). Dt. Die Pforten der Wahrnehmung, München 1956, 5. Tsd. (Piper).

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