(Diese Serie von Haiku folgt dem Lauf der Monate des Jahres 1993. Mein Freund Alfred Hertrich schuf dazu einer Serie von Bildern, die in einem Kalender veröffentlicht wurden.
Warum Haiku? Darüber – und wie ich zu dieser strengen japanischen Form des Dreizeilers kam und warum sie mir ausgerechnet für diesen Blog geeignet erscheint – an anderer Stelle → <—mehr> .
Ja: fragt nach dem Sinn
Nur die Schneeflocken tanzen
Arm sind sie niemals
Fern klirren die Seen
Brunnen schweigen im Frostschlaf
Artisten zuhauf
Manchmal der Bauer
Erntezeit stumm überdenkend
Zieht er am Traktor
Almabwärts Bäche
Prielen gleich füllen sie sich
Lehmauswasch brotleer
Meere begrünen
Auf Janusgesichtigen
Inseln die Liebe
Jung sind die Alten
Unter Fluten des Lebens
Nisten die Erben
Jenseits der Sommer
Und die Lerchen spiralen
Lichtwärts der Felder
Auf den Kirschbäumen
Gurren die Tauben Spatzen
Streiten und Schnäbeln
Septimen für Herbst
Tempera wetteifert schon
Berauscht sich am Gold
Oktaven werft aus
Toben die Stürme durchs Tal
Erneut Gesichte
Novalis und Benn
Embryonen üben den Tanz
Bereift fürs Leben
Des Schnees flockige
Zaubrische Fahne zieht auf
Ember and over
MultiChronalia
Seltsam: Während ich heute im Jahr 2021 die obigen Haiku (die Pluralform ist dieselbe wie der Singular) von der analogen handschriftlichen Form in die digitale übertrug, sah ich immer wieder Erinnerungsbilder aus meiner früheren Heimat Rehau und deren damals sehr ländlicher Umgebung. Das war in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren ein idealer Abenteuerspielplatz und Raum für unzählige Spaziergänge, Wanderung, Ausflüge in kleinen Gruppen für irgendwelche verwegenen Versteckspiele und Verfolgungsjagden, Nachinszenierungen von den Kinofilmen am Samstagnachmittag im Rehauer Lichtspielhaus von Otto Strobel (wilde Abenteuer von Zorro, Fuzzy, Tarzan – dazu Tromba der Dompteur, Der Zauberer von Oz und wie sie alle hießen).
Diese Erinnerung, sehr lebhaft und sinnlich, waren 1993 schon beim Dichten präsent. Der Grund dafür, der emotionale Link, ist wahrscheinlich der, dass ich diese Welt als Jugendlicher oft auch mit meinem Freund Alfred Hertrich geteilt habe, der die Grafiken schuf. Solche Kalender hat es viele gegeben und dazu einige live-Veranstaltungen mit dem Dreifach-Event „Lesung (von mir) + Ausstellung (Alfreds Bilder) + Jazz (Alfreds Trio)“, zuletzt 1995 im Bahnhof Weiden.

110 _ aut #784 _ 2021-02-28/10:49 (28. Juli und 12. August 1993)

