Erinnerungsarbeit Trauerarbeit Glücksmomente

Der Blog als Auffangbecken für Gedanken und Gefühle – so wie das Freie Assoziieren es zutage fördert. Klassische Situation wie in der Psychoanalyse. Dort lernt man in der ersten Sitzung, sobald man sich auf der Couch niedergelassen hat und das Unbehagen an der neuen Situation („Was wird das jetzt wohl werden – und was das kostet! Fünfzig Mark die Stunde – ob der mich wohl mag der Doktor? Aber das sag ich jetzt ganz bestimmt nicht!“)
– allmählich einer angespannten Ruhe gewichen ist, dies zu tun, wozu der Psychoanalytiker einen freundlich auffordert:

„Sagen Sie einfach, was Ihnen so einfällt -„

Das geht so, gegenüber sitzend, oder … (Photo by cottonbro on Pexels.com)
… oder so, im Liegen (Photo by Alex Green on Pexels.com)

Einfach ohne Bewertung drauflosreden – Sagt sich leicht. Ist aber sauschwer. Der Innere Kontrolleur macht seinen Job verdammt gut. Man spürt etwas, es fällt einem etwas ein – man dreht es und wendet es – ist das richtig? ist es originell? – Nur keine Plattitüden wie „Es geht mir gut – bis auf die Tatsache, dass“ ich zum zweiten Mal durchs Examen gefallen bin!“

Jetzt ist es raus. Ohne Fettdruck und Ausrufezeichen. Ganz leise und verzagt, so dass „Er“ es kaum hören kann. Aber immerhin. Der Anfang ist gemacht. Und nach zehn oder zwanzig (dreißig? dreiunddreißig? dreihundertdreiunddreißig?) Sitzungen à 50 Mark läuft das schon ganz gut mit dem Freien Assoziieren.

Schreibt „alles nieder, was euch durch den Kopf geht

War eine tolle Entdeckung von diesem jüdischen Nervenarzt in Wien in der Berggasse 19: Seine Patienten auf die Couch* zu legen (weil es nicht nur ihm unangenehm war, ihnen ins Gesicht zu schauen – sondern auch den Frauen – meistens waren es ja weibliche Patienten, also Patientinnen, wie Irma** oder Dora – ohne sie und ihre tapfere Mitarbeit wäre die Psychoanalyse wohl nie aus den Startlöchern gekommen).
Später hat Freud einmal erwähnt, dass die ursprüngliche Idee zum Freien Assoziieren eigentlich von einem jüdischen Journalisten namens Ludwig Börne stammte, den Freud als 14jähriger mit Eifer gelesen hat. Wobei dessen Aufsatz „Die Kunst in drei Tagen ein Originalschrifftsteller zu werden“ eigentlich satirisch gemeint war und auf pseudo-originelle Literaten abhob. Doch diese spöttische Anleitung, man solle einfach drei Tage ohne Punkt und Komma drauflosschreiben ist in der Tat eine geniale Anleitung, kreativ zu schreiben. In dem Film Forrester gefunden paraphrasiert der Schriftsteller und Mentor William Forrester dies, indem er seinem 16jährigen unfreiwilligen Zögling Jamal bei dessen ersten zögerlichen und möglichst druckreifen Tippversuchen entgegenschleudert: „Hau in die Tasten! (- überarbeiten kannst du das hinterher)“.

Kryptomnesie gebiert Großes Neues

Nur nebenbei: Dies war kein „Plagiat“ Freuds – vor allem deshalb nicht, weil er etwas wirklich geniales Eigenständiges daraus entwickelt hat. Wenn jemand irgendwann etwas aufschnappt und viele Jahre später etwas Eigenes daraus macht, ohne sich zunächst an die Quelle zu erinnern, nennt man dies „Kryptomnesie“ (von griechisch: krypto = „verborgen“ und mnesis = „Erinnerung“). Eine originelle Erfindung Freuds war dieses „Freie Assoziieren“ sogar im doppelten Sinne:
° Es wurde Kern einer neuen Heilbehandlung (die eine seiner Patientinnen „Chimney sweeping“ nannte – also sehr treffend „den Kamin freiputzen“), von der sich viele der unzähligen späteren Psychotherapieformen ableiten lassen und auch Ruth C. Cohns „ThemenZentrierte Interaktion (TZI)“.
° Es wurde so etwas wie das Kernstück des Creative Writing, bei dem die Schreiber ja dazu ermutigt werden, nicht auf die hehren Werke der „Toten Dichter“ zu schielen und sich davon beeindrucken und ausbremsen zu lassen – sondern – ganz im (nun gar nicht mehr spöttischen) Sinn von Ludwig Börne und nun auch von Sigmund Freud (und William Forester bzw. des Filmregisseurs Gus van Sant und seines Drehbuchautors Mike Rich), erst einmal einfach drauflos zu schreiben und „in die Tasten zu hauen“.

Was beim Bloggen hilfreich ist

56 Jahre nach der persönlichen Erfahrung „mit der Couch“ fällt mir der Vergleich zu dem ein, was beim Bloggen abgeht: Man hat zwar ein Thema (oder deren mehrere), die als sprichwörtlicher „Roter Faden“ dienen – aber unter dieser Prämisse schreibt man munter drauf los, zunächst nur sich selbst verpflichtet (obwohl man natürlich gut tut, auch an Sie, die potenziellen Leser zu denken – denn sonst bräuchte man seine Texte ja nicht ins Internet hinauszusenden). Also auch hier „Freies Assoziieren“. Und ja – vor allem wenn man autobiographisch schreibt (wie ich) legt man sich in einem gewissen Sinn ebenfalls „auf die Couch“ (auch wenn man dabei vor einem PC mit drei Bildschirmen sitzt und munter „in die Tasten haut“).

Das ist zugleich Erinnerungsarbeit, Trauerarbeit – und Aufspüren von Glücksmomenten. Ein bunter (manchmal auch grau düsterer) Reigen von Bildern, Gefühlen, Geräuschfetzen (der Klang der Peitsche, mit welcher der Kutscher Sepp 1948 die Pferde vor dem schwer beladenen Leiterwagen den Hofer Berg hinaufscheucht).
Sauber Ordnen, etwa für eine Autobiographie in gedruckter Form, kann man das ja später.

Und wenn man keine eigenen Therapie-Erfahrungen hat?

Auch das geht. Wenn ich meine realen Erfahrungen mit konkreten Therapeuten abrufe, indem ich mich an solche Sitzungen erinnere, hole ich ja gewissermaßen meinen Inneren Therapeuten auf meine Innere Bühne. So eine Innere Figur kann man auch ohne psychotherapeutische Selbsterfahrung herstellen. Jeder Romanautor macht das, wenn er sich seine Gestalten vorstellt. Wenn der Protagonist ein Psychoanalytiker sein soll – dann wird man sich an passende Bühnenstücke, Szenen in Romanen anderer Autoren oder Filmszenen erinnern (Billy Krystal als Therapeut eines Mafia-Bosses in Reine Nervensache). Beim Bloggen funktioniert das genauso.
Vorbild für den Inneren Therapeuten kann aber auch ein guter Freund sein, dem „man alles erzählen kann“ oder die Oma der Kindheit, oder eine hilfreiche Patentante. Beim Schreiben eines Blog kann man sich auch ein wohlgesinntes Lese-Publikum als kollektive „Schwarmintelligenz“ bzw. Schwarmtherapeuten imaginieren, der / die einem wohlwollend zuhört oder lesend über die Schulter schaut. Wohlwollend muss diese Figur sein – und aufmerksam und seeeehhhhr geduldig.

* In der sehr sehenswerten aktuellen Fernseh-Serie „In Therapie“ liegt der Patient / Klient nicht auf der Couch und der Therapeut sitzt hinter ihm oder ihr – sondern beide sitzen sich gegenüber. Das mag filmtechnisch sinnvoll sein (so wird mehr Interaktion möglich) – aber ob das für die beiden Protagonisten so angenehm ist, wage ich zu bezweifeln. Ich habe mich „auf der Couch“ wohler gefühlt – kenne aber aus einer zweiten Psychoanalyse auch eine Variante, wo das Arrangement mal „so“ war und mal „so“ – ganz wie es mir hilfreich erschien. Ich denke, Sigmund Freud war sehr weise mit seinem Arrangement, das den Blickkontakt auf Anfang und Ende einer Sitzung beschränkt. Aber letztlich gilt: „Was hilft – hilft“.
Ein berühmter Therapeut (ich glaube, es war Irving Yalom, sagte mal: „Wenn der Patient auf dem Kopf stehen will, kann er dies gerne tun. Ist nur sehr anstrengend – für ihn.“)

** Über diese Irma und Freuds epochalen Irma-Traum von 1895 habe ich anlässlich des 100. Jahrestags 1995 für den Bayrischen Rundfunk eine Sendung geschrieben und gesprochen – diesen Text werde ich irgendwann nachliefern —aut #168. Er ist zugleich das Kernstück meiner Studie über Sigmund Freud und das Kokain geworden.

***Es gibt Menschen und Schriften, welche Anweisung geben, die lateinische, griechische, französische Sprache in drei Tagen, die Buchhalterei sogar in drei Stunden zu erlernen. Wie man aber in drei Tagen ein guter Originalschriftsteller werden könne, wurde noch nicht gezeigt Und doch ist es so leicht! Man hat nichts dabei zu lernen, sondern nur vieles zu verlernen, nichts zu erfahren, sondern manches zu vergessen … Nehmt einige Bogen Papier und schreibt drei Tage hintereinander ohne Falsch und Heuchelei alles nieder, was euch durch den Kopf geht. Schreibt, was ihr denkt von euch selbst, von euern Weibern, von dem Türkenkrieg, von Goethe, von Fonks Criminalprozeß, vom Jüngsten Gericht, von euern Vorgesetzten – und nach Verlauf der drei Tage werdet ihr vor Verwunderung, was ihr für neue, unerhörte Gedanken gehabt, ganz außer euch kommen. Das ist die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden!“ (Börne, S. 741 f.)

Quellen
Börne, , Ludwig: „Die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden“ (1825). In: Börnes Werke. Berlin 1994.
Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. (Wien 1900). Gesammelte Werke Bd. II/III, Kap. 6 „Der Traum von Irmas Injektion“.
Ramis, Harold (Regie): Reine Nervensache. USA 1999 (Village Road Show).
Sant, Gus van (Regie) und Mike Rich (Drehbuch): Forrester gefunden (Finding Forrester). USA 2000 (Columbia).
Scheidt, Jürgen vom: Sigmund Freud und das Kokain. Die Selbstversuche Freuds als Anstoß zur „Traumdeutung“. Psyche Mai 1973. Separater und ergänzter Nachdruck: München 1973 (Kindler: Geist und Psyche). Brasilianische Übersetzung: As Experiências de Freud (editora artenova, Sâo Christóvâo Rio RJ 1975).
ders.: „Ein Traum wird hundert Jahre alt ((Sigmund Freud und seine Entschlüsselung des eigenen Traums von „Irmas Injektion“.) Bayrischer Rundfunk – Nachtstudio: Sendung am 17. Juli 1995.
Vadepied, Mathieu (Regie) und Diverse (Drehbücher): In Therapie (französisch: En Therapie). Paris 2020 (Arte TV).

aut #777 _ 27. Feb 2021 / 05:11

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