SEMinar „Kreatives Schreiben“ für FA Breitenbrunn

(Das „SEMinar“ im Titel mit den drei großen Anfangsbuchstaben ist kein Tippfehler. Es soll im Inhaltsverzeichnis des Blog gleich sichtbar machen, dass es sich hier um ein Seminar-Protokoll handelt.
Ähnliche Verlaufs-Protokolle werde ich – als Dokumentation meiner Arbeit – nach und nach ebenfalls hier im Blog veröffentlichen.) –


Diese beiden Kurse „Kreatives Schreiben“ habe ich bereits im Oktober/November 2020 durchgeführt. Es handelte sich um ein „Pflichtwahlfach“ – das heißt, die Studierenden mussten ein Wahlfach nehmen, konnten dabei aber unter verschiedenen Angeboten auswählen. Dadurch war von vorneherein mit einem größeren Interesse am Thema „Kreatives Schreiben“ zu rechnen (bis auf ein oder zwei Ausnahmen, denen der Kurs zugeteilt wurde, weil der eigentlich bevorzugte andere Kurs voll war).
Das komplette Curriculum der Kurse haben bisher nur die Akademie und die teilnehmenden Studierenden erhalten. Hier folgt eine komprimierte Übersicht über den Ablauf.

Momentaufnahme von einem Meeting des Kurses „Kreatives Schreiben“ für die BA Breitenbrunn – fremde Gesichter sind aus Datenschutzgründen unkenntlich gemacht (Archiv JvS)

Wegen der Corona-Pandemie lief das alles mit Hilfe von JitSi rein virtuell-digital in Video-Konferenzen ab. Für mich keine völlig neue Erfahrung (das erste Webinar habe ich an Ostern 2020 durchgeführt) – aber mit 15 bzw. 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmern doch gewöhnungsbedürftig, weil die Technik nicht immer so mitspielte, wie das sein sollte. Aber wir haben das geschafft – 29 Studierende um die 20 und ich als „älterer Herr“ mit 81.
Es entstanden im Verlauf dieser jeweils sechs Montage bzw. Dienstage insgesamt rund hundert Texte. Diese teilten sich auf in die drei Grundvarianten des Schreibens, die alle wenigstens einmal bespielt werden sollten:

° Autobiographisches (Tagebuchnotiz, Blog-Eintrag, Familienchronik),
° Sachtexte (kleiner Essay, Buchkritik, Projektbeschreibung, Seminararbeit Exposee für Bachelor-Arbeit)
° Fiktionales (Kurzgeschichte, Märchen, Fantasy, Lyrik wie Haiku oder Limerick).

Evaluierung und Benotung sind unumgänglich
Wie in akademischen Kreisen üblich, mussten auch Noten gefunden und vergeben werden. In meinen Schreib-Seminaren habe ich das noch nie getan, weil ich der Meinung war (und noch immer bin), dass jeder Text für sich bestehen und verstanden werden sollte – und in Kontext mit seiner Autorin oder seinem Autor.
Aber „andere Länder – andere Sitten“: Texte zu „evaluieren“ und zu benoten, auf eine Stelle hinter dem Komma, lernte ich in den Blockseminaren „Kurzgeschichten schreiben“, die ich einige Jahre (2009-2013) an der Universität Mannheim unterrichtet habe. Eine gute Erfahrung – dass man nicht nur mit Studierenden genauso arbeiten kann wie mit „normalen“ Seminarteilnehmern, sondern dass man sogar Kurzgeschichten „benoten“ kann. Dass dies heute dank der Bologna-Reform“ wegen der besseren internationalen Vergleichbarkeit viel exakter und strenger zugeht als während meines Studiums in den 60er Jahren kann man bedauern – oder gut finden. Für mich war es eine interessante neue Herausforderung*. Was für mich in Mannheim noch zusätzlich interessant war: Mit Doktortitel bekommt man pro Unterrichtseinheit einen €uro mehr. Es lohnt sich also, sechs Jahre in eine Dissertation zu investieren.

* Diese Herausforderung ging leider zu Ende, als ich 75 wurde – was für alle Institutionen offenbar eine Zäsur darstellt, ab der man auch als Freiberufler keine Aufträge mehr bekommt. Was für mich zu ziemlich heftigen finanziellen Einbußen führte. Aber tempora mutantur – die Zeiten ändern sich, oder wie Bob Dylan das singt „The times – the are achangin´.“

Die Benotung für die BA Breitenbrunn geschah dadurch, dass ich die mir zugeschickten Texte aufmerksam las und dann innerhalb dieses Textuniversums der hundert Texte eine Referenzskala von „sehr gut“ bis „geht“ so“ erstellte, Ich bezog mich also nicht auf das, was im üblichen „literarischen“ Kanon als gut gilt – wie beispielsweise Meisternovellen von Schnitzler oder meisterhafte Kurzgeschichten von Hemingway oder O´Henry – (die aber als Reverenz eigentlich schon recht „tot-dichterisch“ sind) sondern auf die im Kurs versammelten Urheber. Es war sicher kein Manko, dass ich selbst unzählige Geschichten geschrieben und veröffentlicht habe und mir des „Kanons“ bewusst bin, der als Reverenz für die Feuilletons in den Medien dient und wohl auch für die betreffenden akademischen Institute der „Germanistik“ et cetera.
Letztlich ist so eine Bewertung („Evaluation“ auf akademisch) immer auch eine Geschmacksfrage – nämlich des Geschmacks dessen, der da bewertet.

Fazit des Kurses, was die Qualität der Texte angeht: Sie waren in meiner Sicht überwiegend gut bis sehr gut. Die Noten für die Texte machten ein Fünftel der Gesamtnote aus; das vierte Fünftel ergab sich aus der abschließenden mündlichen Prüfung, die jeweils 20 Minuten dauerte (ebenfalls online – was mich betrifft zuhause in München, während Prüfling und Beisitzerin in einem Raum im fernen Breitenbrunn/Erzgebirge saßen – coronabedingt mit entsprechender Distanz.)

Man kann sich über die Möglichkeit und Unmöglichkeit von solcher Evaluation streiten. Fakt ist, dass die Institutionen sie wollen und die Studierenden ebenfalls – um zu sehen, wo im Meer aller Studierenden sie persönlich herumschwimmen. Der Rest ist eine Sache des Ehrgeizes, der Begabung, der Förderung, des Zufalls – in beliebiger Reihenfolge.

Das Curriculum

Wie immer bei meinen Schreib-Seminaren, beginne ich jede Sitzung mit einer kurzen Erläuterung zu einer Arbeistmethode (Mini-Lektion) wie das Clusterung oder die Arbeit mit Träumen plus Themen-Vorschlag. Schreib-Phasen wechseln ab mit denen des Vorlesens und Austauschs bzw. Feedbacks.
Begonnen habe ich beide Kurse mit einer Aufgabe, die leicht aussieht, es aber nicht ist: Schreibe eine Kurz-Vita nach Art eines Lebenslaufs – aber ein wenig persönlicher. Ich dachte ursprünglich daran, einen „Nachruf auf sich selbst“ zu verfassen – aber so ein Nekrolog erschien mir, gerade für den Anfang und noch dazu in Corona-Zeiten, dann doch zu makaber – bei aller Originalität.
(Zusammen mit dem Foto sollte mir diese Kurz-Vita später die Lektüre und Evaluierung der Texte erleichtern.)
Es folgten autobiographische Texte („Das Zimmer, in dem ich dies schreibe“).
Aus solchen Tagebuchnotizen wurden danach – durch Verfremdung und Einführung von Kunstfiguren – „erfundene“ Geschichten entwickelt: Kurzgeschichten, Märchen, Lyrik.
Wir schrieben Haiku (weil man da besonders gut das Prinzip jedes Erzählens und des Schreibens überhaupt studieren und ausprobieren kann: das Ver-dichten).
Ich habe selbst immer mitgeschrieben, wenn ich solche Aufgaben stellte und Vorschläge machte. Das ist eine meiner wesentlichen Erfahrungen aus der Ausbildung zum „Leiter mit TZI“: Der Leiter ist immer auch Teilnehmer (so wie die Teilnehmer immer auch Leiterfunktionen und damit eine gewisse Verantwortung für das Gelingen einer Gruppe haben).
(Dieses Mit-Schreiben dient vor allem dazu, im gemeinsamen kreativen Fluss mitzuschwimmen. Das rate ich auch Lehrern in meinen Seminaren – Schul-Aufsätze nicht nur den Schülern als Aufgaben zu stellen – sondern wenigstens ab und zu auch selbst mitzuschreiben.)

Meine Arbeitsmethode war, wie immer in meinen Seminaren, die ThemenZentrierte Interaktion. Das sieht bei einem virtuellen Seminar mit Video-Konferenzen naturgemäß etwas anders aus als bei einem Präsenz-Seminar – aber es funktioniert recht gut.
In je einer Sitzung der beiden Kurse habe ich übrigens die TZI-Methode in einer Mini-Lektion erläutert – weil ich der Meinung bin, dass gerade Studierende, die einen „helfenden Beruf“ lernen, bei dem sie ja immer wieder auch mit Gruppen zu tun haben (was bei allen TeilnehmerInnen der Fall war) die Methode kennen sollten. Außerdem hilft die TZI einem,
° mit der „Gruppe der Inneren Figuren“ innerhalb der eigenen Person besser zurechtzukommen
° – und beim Schreiben mit den Gestalten in eigenen Texten!

Fortsetzung folgt im Sommer

Im Sommer 2021 wird es eine Fortsetzung der beiden Kurse geben, bei der wir mit den besten Texten aus diesen beiden Herbst-Kursen und neuen Arbeiten eine Anthologie zusammenstellen und veröffentlichen – auf jeden Fall als pdf-Datei und als E-Book – vielleicht sogar als gedrucktes Book on Demand.
Das bedeutet neuen Input in Form kleiner Vorträge (Mini-Lektionen) und deren praktische Umsetzung:
° Wie überarbeitet man einen Text zur Druckreife? (Das ist ein ebenso kreativer und anspruchsvoller Prozess wie das Schreiben des Rohtextes.)
° Welche Bewertungs-Kriterien kann man anwenden, um die Qualität eines Textes zu erfassen (betrifft eigene ebenso wie fremde Werke)?
° Et cetera.

Ein Traum wird Wirklichkeit

So ein Lehrauftrag war schon vor vielen Jahren mein Traum. Etwa 1990 habe ich das dem damaligen Direktor des Psychologischen Instituts der LMU (damals Prof. Willi Butollo) vorgeschlagen, der sehr positiv reagierte: Studenten möglichst schon im Erstsemester einen Kurs „Kreatives Schreiben “ anzubieten, damit sie eine Brücke von ihren Schulaufsätzen ins akademisch-wissenschaftliche Schreiben schlagen – und gleichzeitig eine Möglichkeit finden, sich kennenzulernen (was gerade bei Erstsemester sehr hilfreich wäre, wie ich aus eigener Erfahrung meiner Studienzeit weiß).
Die Enttäuschung war umso größer, als ich von Butollo die Absage bekam: Seine Professoren-Kollegen wollten das nicht „- dass die Studenten besser schreiben lernen“. Davon kann man halten, was man will – letztlich wollten die Herren (das waren ja überwiegend ältere Männer) wohl nicht, dass die Studenten vielleicht lesbarer schreiben als sie selbst.
Wäre ein Anfänger-Kurs für die Professoren die Lösung gewesen? Eher nicht – bei diesem akademischen Dünkel, der mich da anwehte („Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren“ – so haben die 68er Studenten skandiert – zu Recht, auch wenn sie es dann übertrieben haben mit ihrem reformerischen Furor).


MultiChronalia

Dieses Protokoll, Anfang März 2021 geschrieben, ist zugleich eine erneute Begegnung mit den 29 Studierenden im Herbst 2020, die alle noch einmal vor meinem inneren Auge Revue passieren; dabei sind die Kurz-Lebensläufe (mit Foto) eine große Hilfe, die mir alle zu Beginn der Kurse als ersten Text zugeschickt haben. Das war auch für mich eine gute Übung (sollte man immer wieder einmal machen).
Es folgt bei dieser Zeitreise ein Abstecher an die Uni Mannheim 2009-2013, noch weiter zurück zu meinem vergeblichen Versuch 1990, etwas ähnliches an der LMU München zu etablieren – wodurch ich zwangsläufig bei meinen eigenen Studien 1959-1967 gelandet bin. Damals arbeitete ich für eine medizinische Fachzeitschrift (Selecta); aus dem Studentenjob wurde allmählich ein richtiges Volontariat als Wissenschaftsjournalist und einer meiner Berufe als freiberuflicher Reporter. Im Rahmen dieser Tätigkeit berichtete ich 1970 über einen Kongress zur Altersforschung – und bin nun selbst, als Geront, Gegenstand dieser Wissenschaft – die mir auf seltsamen (zufälligen) Umwegen zum Lehrauftrag für diese beiden Kurse verholfen hat.
Das Stopp-Jahr 2015 (wie ich es nenne) war mein 75. Lebensjahr – als alle Aufträge von Uni Mannheim, VHS München in Leoni, Schloss Puchberg bei A-Wels und ähnlichen Institutionen endeten. War ich denen „zu alt“ geworden? Ich vermute mal, dass man einfach jüngeren Dozenten ein Chance geben wollte. Ja, so wird es wohl sein. Umso mehr hat mich dieser Lehrauftrag für Breitenbrunn gefreut. Es war wohl Zufall, dass der von der Abteilung Soziale Gerontologie kam.
Und nun, als Sahnehäubchen obendrauf, der Anschluss-Auftrag für die Zukunft – im Sommer 2021.

Quelle
Scheidt, Jürgen vom: „Wie pathologisch ist das Altern?“. In: Selecta Nr. 441 vom 12. Okt 1970, S. 3637-3644.

aut #794 _ 2021-03-05 / 16:52

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