Mein Schreib-Haus hat viele Zimmer

In jeder dieser Schreib-Stuben entstehen andere Texte: Kurzgeschichten, Märchen, Gedichte, Artikel, richtige handgeschriebene Briefe und E-Mails. Für diesen Blog habe ich mir inzwischen im zweiten Stock ein recht komfortables Quartier eingerichtet, wo der PC mit den drei Bildschirmen steht. Aber da hänge ich viel zu viel rum.

Manchmal lamentiere ich (wie jetzt eben) – dafür ist die Rumpelkammer da, irgendwo auf dem Dachboden, im hintersten Eck, dort wo ich 1955 das leere Kontobuch meines Urgroßvaters Eduard Kropf gefunden habe, in das ich meinen ersten Romanversuch schrieb, mit der selbst für mich kaum leserlichen Sauklaue, die mich mein ganzes Leben begleitet hat.

Ein Schreib-Raum, an dem ich derzeit lieber vorbeischleiche, ist für den monatlichen Newsletter gedacht. Da liegt allerlei Ideen-Kram herum – ich müsste nur loslegen. Hab aber momentan keine rechte Lust. Vielleicht morgen. Oder übermorgen.

Früher war alles vielversprechender und gewaltiger

Als Jugendlicher (wenn ich das noch einmal sein könnte!) hätte ich aus dem Schreib-Haus einen Schreib-Palast gemacht – entsprechend den gewaltigen utopischen Paläste 200.000 Jahre in der Zukunft in dem Roman Herrscher im Weltenraum, der mich 1952 sehr beeindruckt hat (und von dem wahrscheinlich George Lucas viel abkupferte, als er seinen Krieg der Sterne zu inszenieren begann).
In Heinz Zwacks Galaxy Challenger gibt es eine Parallelwelt, in der ich mich auch gerne einrichten würde – schon deshalb, weil er diesen Roman fertiggestellt und veröffentlicht hat – im Gegensatz zu mir, dessen glü-Roman im Schreib-Labor mit der Bezeichnung „Projekte“ vor sich hinsimmert.

Damals, in den späten 1950er Jahren, erfand ich in meinem ersten Roman für das Jahr 7812 das „Institut für Angewandte Science-Fiction“, das nun in meinem Schreib-Haus ein Plätzchen als Archiv gefunden hat. In einer Kurzgeschichte hier im Blog hab ich beschrieben, wie es dort zugeht: Der Archivar der Zukunft. Dort halte ich mich gerne auf, stöbere in den Hängemappen in den Rollwägen, füttere sie ab und zu meinem einem Zeitungsausschnitt, von dem ich meine, der könnte irgendwann für irgendeine Geschichte wichtig sein.

Aber dieses mein heutiges Schreib-Haus ist leider kein komfortabler Palast mit Butler und vielen eilfertigen Dienern (wie bei utopischen Sternekönigen), sondern eher ein etwas heruntergekommener Bauernhof, der einen Nachfolger sucht, weil der letzte Besitzer kürzlich ohne Nachkommen verstorben ist. Da müsste vieles renoviert werden. Lohnt sich das?

Jedenfalls gibt es unten im Kellergeschoss einen Raum, den ich sofort versiegelt habe, als ich ihn kürzlich zufällig hinter allerlei Gerümpel wieder entdeckte. Das war früher die Folterkammer (anders kann ich es nicht bezeichnen), in der ich Sklavenarbeit leisten musste, bedroht von der allgegenwärtigen Peitsche der Aufseher, die sich „Lektoren“ oder „Verleger“ nannten. Dort habe ich jene Bücher geschrieben, die ich schreiben zu müssen meinte, damit Geld in die Kasse kommt – aber eigentlich gar nicht schreiben wollte. Doch wenn ein Vertrag unterzeichnet und ein Vorschuss kassiert ist – muss man eben rein in die Folterkammer und liefern. So einen grusligen Raum kennt wohl jeder Berufsautor.
Diesen Raum habe ich zum Glück schon vor vielen Jahren fest verschlossen. Der wird auch nie wieder geöffnet. Manchmal meine ich, von dort ein jämmerliches Stöhnen zu hören. Aber dann schalte ich meine Hörgeräte auf „ganz leise“ oder nehme sie heraus.

Quellen
Hamilton, Edmond: Die Sternenkönige (The Star Kings_New York 1947). München 1989 (Heyne TB).
(Ursprünglicher dt. Titel: Herrscher im Weltenraum, Berlin 1952).
Lucas, George (Regie) Krieg der Sterne (Star Wars). Ab 1978.
Zwack, Heinz: Galaxy Challenger. Stolberg 2016 (Atlantis)

aut #789 _ 02. Mrz 2021 / 20:45

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