MultiChronie als Methode der Erforschung von sich selbst und…

… der Welt, in der man lebt. Christa H. eine Leserin meines Blog, hat mich durch einen Kommentar (danke dafür!) zu folgenden Gedanken angeregt – dass ich nämlich das mit der MultiChronie mal genauer erläutern sollte:

MultiChronie habe ich als Begriff und wohl auch als Methode selbst erfunden. Meine Datenbank sagt mir: „1991-02-09“. Ist also schon genau 30 Jahre her. Viel gedacht habe ich mir dabei nicht. Der Begriff (und die damit verbundene Methode) – wurde erst dieses Jahr durch die Arbeit mit dem Blog relevant und zunehmend wichtig. Man könnte meinen Blog inzwischen deshalb wohl auch recht passend „MultiChronie-Blog“ nennen und —HyperWriting mit seiner eigenen Vielschichtigkeit könnte die beste Methode sein, das zu gestalten.
Das muss ich noch näher erforschen. Bin dabei, das auszuloten. Probieren Sie es einfach mal selbst aus:

Ich arbeite meistens so, dass ich am Schluss eines Blog-Beitrags eine Art Zusammenfassung schreibe, die ich aber autobiographisch anreichere. Letzteres ist das Wesentliche – damit in einem selbst die Zeitschichten besser zusammenwachsen.

MultiChronie als Methode hat drei Aspekte

Variante 1: historisch-kollektiv
Wenn zum Beispiel in der Zeitung steht, dass eine Tochter von ihrem Vater oder Bruder „der Ehre halber“ ermordet wird, weil die Tochter zu westlich denkt und handelt – dann ist das ein Fall barbarischer „Kollektiver MultiChronie“ – d.h. zwei historische Zeitschichten (Moderne und Mittelalter? bestenfalls) kollidieren. Je nachdem, wo dies geschieht, klopft man dem Vater anerkennend auf die Schulter, weil er „seine Ehre wieder hergestellt hat“ – oder man stellt ihn wegen Mordes vor Gericht – bei uns in Deutschland.
Der Sachverhalt muss nicht immer negativ sein. Wenn ein archaischer Spurenleser eines Buschmann-Clans dem weißen Ethnologen seine Welt erschließt und ihm (oder ihr) neue Wahrnehmungsmöglichkeiten erschließt – arbeiten auf der kollektiven Ebene über die beiden Personen zwei völlig verschiedene Zeitschichten zusammen, – und es kann dabei etwas sehr Gutes herauskommen:
° Ich persönlich verdanke den Vorstellungen von einer Traumzeit der australischen Ureinwohner (obwohl ich nie persönlich einem Aborigine begegnet bin) wichtige Impulse für meine Arbeit mit Träumen.
° Das I Ging ist nicht nur irgendein uraltes chinesisches Weisheitsbuch, vor Jahrtausenden in einer völlig anderen Epoche entstanden – sondern ist, richtig angewendet, heute im Jahr 2021 genauso relevant wie im Jahr -2.210 (also vor der großen Zeitenwende um das Jahr „0“.) als ein graubärtiger Orakelmeister im „Land der Mitte“ den Panzer einer Schildkröte erhitzte oder die Schafgarbenstengel warf und daraus „weissagte“. Die Vorstellung von „Yin und Yang“, von den sich ergänzenden Urkräften des Männlich-Schöpferischen und des Weiblich-Empfangenden, muss man heute zwar anders betrachten*, als es der evangelische Pfarrer Richard Wilhelm in den 1920er Jahren beim Übersetzen des „Buch der Wandlungen“ aus seinem patriarchalischen Zeitgeist heraus verstand – aber die in diesem großartigen Buch enthalten Hilfestellung für das Leben können, richtig verstanden und umgeformt – auch noch im Jahr 3000 jemanden durchs Leben helfen. Man muss in jeder Epoche die wesentlichen Gedanken neu erarbeiten und verstehen lernen. Ich habe das für mich in einem Essay zusammengefasst, den ich Mein chinesischer Meister überschrieben habe.

* Aufs Wesentliche eingedampft: So wie im weiblichen Yin als dem „Empfangenden“ das männliche Yang enthalten ist – ist im männlichen Yang als dem „Schöpferischen“ das weibliche Yin enthalten – nur in anderer Gewichtung. Transsexuelle leiden vielleicht darunter ganz besonders – oder ziehen Gewinn daraus, dass sie beiden Welten angehören.

Variante 2: historisch-kollektiv – autobiografisch angereichert
Auf der persönlichen Ebene (Persönliche MC) kommt der autobiographische Aspekt dazu. Was rührt das in mir an – wie verhalte ich mich in so einem Fall, wenn es „meine Ehre betrifft“?
Umfassender: Wie „sehe“ ich als (westlich-moderner) Mann die Frauen? Wie verhalte ich mich zu Frauen – wie ist das heute – wie war das früher in meiner Jugend? Wurde meine „Ehre“ von einer Frau so verletzt, dass ich sie am liebsten umgebracht hätte?
Da kommen allerlei Erinnerungen an eine üblen Phase meines Lebens während der Scheidung zutage – und die Erleichterung, es auf die „westliche Art“ gemeistert zu haben -Versöhnung anstrebend, Verstehen anstrebend, Verzeihen wollend und könnend – das Positive in dieser gescheiterten Ehe sehen. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Variante 3: rein autobiografisch
Und da gibt es noch eine dritte Sichtweise und Anwendung der MultiChronie: Man bleibt innerhalb des Autobiographischen. Eine sehr geeignete Methode der Selbsterforschung, wie mir zunehmend bewusst wird.
Ich erkunde all diese Möglichkeiten derzeit erst, indem ich sie im Blog und beim Bloggen praktisch als „Denk-Werkzeug“ anwende – „learning by doing“, nennt man dies. Und ich bin zunehmend fasziniert von den Möglichkeiten, die in dieser Methode drinsteckten.

Konfuzius (ja, dieser graubärtige alte Knacker) stellte im China der Zeit um -500 einst fest:
„Der Mensch hat dreierlei Wege, klug zu handeln: erstens durch Nachdenken; zweitens durch Nachahmung, das ist der leichteste; und drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste.“
Ich denke (!), die Kombination des „ersten Weges“ (nachdenken) mit dem „dritten Weg“ (Erfahrung in der Erinnerung) ist die wohl sinnvollste. Beim „MultiChronieren“ (?) kann ich das üben.

Quelle „Ehrenmord“
Przybilla, Olaf: „Mord für die vermeintliche Ehre“. In: Südd. Zeitung Nr. 53 vom 05. März 2021, S. R20 (Bayern-Teil).

aut #563 _ 2021-03-20/11:16

Ein Kommentar zu “MultiChronie als Methode der Erforschung von sich selbst und…

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