Begegnung mit Jim Parker

Irgendwann 1953 habe ich diese Schundheftchen (wie man das damals abschätzig nannte) am Zeitungskiosk entdeckt – entweder in Rehau oben am Bahnhof – oder in Selb, ebenfalls am Bahnhof. In Rehau stieg ich morgens um 07:00 Uhr mit einer Horde anderer Kinder in den Zug nach Selb – in Selb eilten wir gleich nach Ankunft des Zuges hinunter in die Oberrealschule. Aber die Zeit, einen Blick in die Auslagen des Kiosks zu werfen, gab es immer. Da hingen die Western(Schund-)Heftchen mit den Helden Billy Jenkins, Tom Prox und Pete; da gab es eine Weile Tom der Unsichtbare (ging leider bald ein – mir hat diese Serie sehr gefallen). Und, ein wenig versteckt, schaute in einer Ecke die verlockende Zeitschrift „für Erwachsene“ namens Gondel heraus, mit – oh mein Gott! – Frauen – halbnackt – nur mit einem Badeanzug (Bikini?) bekleidet (gab es 1953 schon den Bikini? Wann waren diese Wasserstoffbombenversuche auf dem Bikini-Atoll, der zum Namensgeber dieses Hauchs von Damenbekleidung wurde?*
Schaut auch kein Lehrer her? (einige kamen mit dem gleichen Zug aus Richtung Hof wie wir Rehauer Schüler). Nein. Kein Pauker in Sicht. Schnell die 50 Pfennige auf das schmale Brett gelegt und „Jim Parker“ gemurmelt. „Gondel“ zusagen hätte ich mich nicht getraut. Also „Jim Parker“. Das war – wie sagt man? „Liebe auf den ersten Blick“.
(Ums mal klarzustellen: Ich habe nicht nur gelesen damals. Ich habe mich mit anderen Jungs geprügelt, wenn es nötig war – und ich war auch immer in eines der Mädchen verschossen, die mit uns im Zug fuhren, oder in eigenen Klassen unterrichtet wurden – erst in der dritten OR-Klasse (heute: die siebte) wurden wir dann „gemischt“ unterrichtet – ging nicht anders, auch wenn´s dem Hundhammer** nicht gepasst haben dürfte, diesem stockkatholischen Eiferer im Münchner Kultusministerium.

* Die Zeit „1953“ ist auf jeden Fall richtig: Die Atomtests fanden in den 40er und 1950er Jahren statt. Die Bademode dieses Namens wurde ab 1946 (wieder) entdeckt – „wieder“, weil schon die Römerinnen der Antike welche trugen.
** Alois Hundhammer war bei uns Schülern verhasst, weil er die Prügelstrafe in der Schule wieder einführen wollte – welche die amerikanischen Besatzer nach Kriegsende 1945 sofort zu unserem Glück abgeschafft hatten.

Mädchen und kühne Abenteurer

Wie man schon an dieser Einleitung sehen kann, befinden wir uns gerade mitten in der Pubertät unseres Helden (der fast 70 Jahre später dieses Blog schreibt). Die beiden altersgemäßen Themen „Mädchen“ (unerreichbar) und „wilde Abenteurer“ (wenigstens auf dem Papier als lebenskundige Begleiter erreichbar) liefen ständig parallel.
Dass ich im März 1953 bei einem Wettrennen den Hoferberg hinunter (ausgerechnet mit einem Jungen namens Wettengel! was für ein Zufall) stürzte und mit ziemlich lädiertem rechten Knie sechs Wochen in der „Klinik Dr. Hille“ mit Streckverband auf dem Rücken liegend verbringen musste, ziemlich einsam mir selbst überlassen –

Ob mein Lebensweg ohne diesen Unfall anders verlaufen wäre – näher bei den Mädchen als bei den Schundheftchen und Leihbüchern und anderen Schmökern, die irgendwann zum eigenen Schreiben verleiteten?
Ich werde niemals in jenes Paralleluniversum gelangen, wo dies vielleicht so geschehen ist – stattdessen gelangte ich mit Jim Parker erst auf den Mond (auch auf die Rückseite – dort wo es Luft zum Atmen gibt – jedenfalls 1953, als noch kein Amerikaner oben war, um das zu überprüfen) – dann auf den erdnächsten Planeten Venus (mit Dschungeln mit schrecklichen Sauriern – damals konnte man das noch phantasieren – heute geht das nicht mehr, dank Erkundungssonden: 440 ° Celsius, enormer Druck und hochgiftige Schwefelatmosphäre – da hätte sich Jim Parker, so tough wie er war, sicher nicht wohlgefühlt).

Auf den Flug zum nächsten Planeten, dem roten Mars, habe ich ihn dann bereits begleitet – nein! ich war schon vor ihm dort – jedenfalls habe ich mir das in einer der vielen Geschichten lebhaft ausgemalt, die ich, angeregt durch die Heftchen Jim Parkers Abenteuer im Weltraum mir irgendwann im Sommer 1954 auszudenken begann, um mir die Langeweile zu vertreiben, als ich einen Monat lang (verbotenerweise!) mit dem Fahrrad von Rehau noch Selb in die Schule fuhr, statt mit dem Zug. Das Geld für die Monatskarte (etwa zehn Mark) steckte ich mir lieber in die eigene Tasche (für Jim Parker und andere Schmöker). Und Fahrradfahren konnte ich ja – 14 km hin, 14 km zurück – kein Problem für einen sportlichen Dreizehn- oder Vierzehnjährigen, der gerne mit dem irgendwann vorbeifahrenden Zug um die Wette fuhr, in dem winkend meine Kumpel saßen. Das mit dem lädierten Knie und dem Gehgips danach war da schon vergessen.
(Mein rechtes Knie erinnert mich allerdings heute noch mindestens einmal am Tag an jenen Unfall . Ich kann noch immer gut damit laufen – obwohl damals im Krankenhaus eine Weile die bange Frage in der Luft hing, ob das Bein eventuell für immer „steif“ wird. Was wäre das für ein anderes Leben geworden…
Auf jeden Fall war es meine allererste Erfahrung mit dem, was ich später, 1979, Entschleunigung nannte – in einem Buch mit dem Untertitel „Wege aus der Einsamkeit“ – die ich damals im Krankenhaus ebenfalls erstmals sehr heftig am eigenen Leib erfahren habe.)

Man sieht an diesem Introitus, dass dieses Jahr 1953 so etwas wie das Schicksalsjahr meinen Lebens ist – und wie eng die Begegnungen mit Jim Parker (es blieb ja nicht bei einem solchen Treffen) damit verbunden sind. Denn dieser kühne Held hat ja nicht nur meine Phantasie passiv entzündet, sondern auf dreifache Weise sehr nachdrücklich aktiv – was ich nun etwas ausführlicher schildern möchte

1 Vom Expander zum Fitness-Studio

Ich habe mir aufgrund einer Anzeige hinten in einem Heft einen Expander bei einem Fachgeschäft in München bestellt (Fernbestellungen gab´s also schon lange vor Amazon und dem Internet) und ab da systematisch trainiert – was vor dem Lockdown auch im hohen Alter noch die Motivation war, regelmäßig ins Fitnessstudio zu gehen. Danke, Jim Parker!

2 Mit dem Fahrrad zur Schule strampelnd Geschichten ausdenken

Die oben erwähnten Radfahrten in die Schule waren nach den ersten Tagen, nachdem ich die Streck gut kannte, zunehmend langweilig und nur noch anstrengend. Und da entdeckte ich meine Kreativität – ich kann es gar nicht anders nennen. Es war wie ein Heraustreten aus „Langeweile und Anstrengung“ und ein „Hineingehen“ in eine irgendwie von der Realität losgekoppelte „Blase“, in der ich mir Geschichten ausdachte, die mein Held Jim Parker bitteschön doch auch erleben sollte. Wie gesagt – die Beine strampelten unten wie gewohnt und die Arme hielten sicher den Lenker und meine Augen beobachteten aufmerksam den Verkehr und die Landschaft – aber mein „Geist“ wanderte“ irgendwo mit Jim durch den Weltraum.
Noch wichtiger war, dass ich mir das nicht nur träumerisch entrückt ausdachte – sondern dass ich, kaum im Klassenzimmer angelangt, die jeweilige „Geschichte“ aufschrieb. Ich wurde bei diesem Unterfangen bestimmt gelegentlich erwischt und ermahnt („Wo bist du denn jetzt wieder mit deinen Gedanken, Scheidt“ – warum haben die Lehrer immer das „vom“ weggelassen, das mir so wichtig war – gerade weil es kein Adelstitel war?)
Die Ermahnungen der Lehrer fruchteten nichts. Ich habe mindestens fünfzig, wenn nicht hundert solcher Ideenskizzen notiert. Noch viel wichtiger war: Kaum zuhause angelangt, habe ich diese Ideen auf der Reiseschreibmaschine „Erika“ meines Vaters sauber abgetippt. Auch das wäre schon ein erstaunliches Plus für einen Vierzehnjährigen gewesen. Aber mein Ehrgeiz ging weiter:
Ich hatte schon zwei Jahre zuvor, also 1952, mit meinem Freund Alfred Hertrich zwei Versuche unternommen, einen Comic zu gestalten. Das verlief jedoch rasch im Sand, weil doch viel aufwendiger als gedacht und für einen Zwölf- beziehungsweise Dreizehnjährigen (Alfred) eine Überforderung. Aber zu meinen Ideenskizzen eine Art Titelbild à la Jim Parker zu zeichnen – das gelang Alfred. Diese Exposees (wie ich das heute nennen würde) sahen immer gleich aus: Ich tippte auf ein Blatt im Format DIN A4 auf der Hälfte der Seite so, dass – nun im Format DIN A 6 (also Postkarte) – ein Blättchen mit vier Seiten entstand. Die Seite 1 (also vorne) ließ ich leer – für ein Titelbild von Alfreds Hand. Auf die Seiten 2 bis 4 tippte ich meine Geschichte. Leider gibt es von diesen vielen Ideenskizzen nur noch eine einzige: „Der rote „Stern. Das Original ist irgendwo in den Abgründen meins Archivs verschollen – aber ich habe einen Scan, der nun, trotz schlechter Qualität als Beweis für jene hochkreative Phase meines Lebens herhalten muss. Als echter Freund ließ Alfred sich 60 Jahre später von mir breitschlagen, ein Titelbild dieser Art nachzugestalten – und hier sind sie beide:

3 Jim Parker als Figur in einem eigenen Roman

Eine sehr später Nachwirkung hat die Heftserie von damals in meinem aktuellen Schaffen. In meinem glü-Roman-Projekt gibt es einen jungen Mann dieses Namens, der …
… aber davon will ich jetzt noch nichts verraten. Jedenfalls hat dieser (mein) Jim direkt mit der Heftserie von 1953-1956 zu tun.

Auf diese Idee hat mich mein Freund Heinz Zwack aus frühen SF-Zeiten (ab 1956 in München) gebracht, der in seinem zweiten eigenen Roman Galaxy Challenger eine Figur dieses Namens verwendet – als Sidekick der Hauptfigur. Ein großer Insider-Spaß für alle, die den „echten“ Jim Parker noch persönlich gekannt haben – in seinen bunten Schundheftchen-Abenteuern, die uns SF-Fans so vertraut waren wie Winnetou und Old Shatterhand den Karl-May-Fans (die sowohl Heinz Zwack wie auch ich ebenfalls mal waren – war waren ja informationshungrige allesfressende Leseratten).

1983 zeichnete Alfred eine Karikatur, die jene kreativen Radfahrten von 1954 gekonnt nachempfindet:

Auf dem Weg zur Schule –Jim Parker im Gepäck (Alfred Hertrich Dez 1983 – Archiv JvS)

Quellen
Tjörnsen, Alf: Jim, Parkers Abenteuer im Weltraum. Rastatt 1953-1956 (Pabel Verlag)
Zwack, Heinz: Galaxy Challenger. Berlin Juli 2016 (Atlantis-Verlag Stolberg).

147 _ aut #815 _ 2021-03-25/22:50

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: