1816: Schlüsseljahr für „Creative Writing“

In meinem Verständnis beginnt „Kreatives Schreiben“ mit einem denkwürdigen Treffen von vier Autoren in einer Villa am Genfer See im Sommer 1816. Dieser Sommer war kein sehr gemütlicher: Es war kalt und sehr regnerisch – das berüchtigte „Jahr ohne Sommer“*. So waren Lord Byron, sein Leibarzt und Schriftstellerkollege John Polidori, der Dichter Percy Bysshe Shelley und dessen Frau Mary Wollstonecraft-Shelley gezwungen, viel Zeit in Byrons Villa Diodati zu verbringen. Da alle vier passionierte Schreiber waren, ergab es sich nahezu von selbst, dass sie dies gemeinsam taten und auf diese Weise entstand das, was für mich die „erste Schreib-Werkstatt der Welt“ wurde und somit der Beginn dessen, was man heute als „Creative Writing“ bezeichnet – wovon der gemeinsame kreative Schreib-Prozess und das Vorlesen die Grundvoraussetzung ist:

„,,,So beschlossen sie, Schauergeschichten zu schreiben und den anderen vorzutragen. [Mary] Shelley schrieb die Geschichte Frankenstein. Byrons Leibarzt John Polidori (1795–1821) verfasste Der Vampyr – eine Vampirgeschichte lange vor dem Entstehen von Bram Stokers Dracula. Lord Byron vollendete seine Geschichte nicht; er verarbeitete Eindrücke dieses Sommers in dem Gedicht Die Finsternis.“ (Wikipedia)


(Was Percy Shelley damals gedichtet hat, ist nicht überliefert.)

* Als das „Jahr ohne Sommer“ wird das vor allem im Nordosten Amerikas sowie im Westen und Süden Europas ungewöhnlich kalte Jahr 1816 bezeichnet. In den Vereinigten Staaten bekam es den Spitznamen „Eighteen hundred and froze to death“, und auch in Deutschland wurde es als das Elendsjahr „Achtzehnhundertunderfroren“ berüchtigt. Als Hauptursache wird heute der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815 angesehen, der von Vulkanologen als deutlich stärker eingestuft wird als der Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. und jener des Krakatau 1883. (Wikipedia)

Ken Russell hat jene inspirierende (und wohl auch gruslige) Nacht in seinem Film Gothic angemessen inszeniert – leider ziemlich langfädig.

So ungefähr stellt sich der „kleine Fritz“ einen Albtraum in der Villa Donati im Elendssommer 1816 vor – als der Frankenstein-Roman entstand und die Urfassung von Dracula (Rechte bei Filmfirma)

Damals begann jedoch in dieser Villa am Genfer See nicht nur das, was wir heute „Kreatives Schreiben“ nennen, sondern nach Meinung des britischen SF-Autors Brian Aldiss auch die Literaturgattung Science-Fiction. Er begründet dies sehr überzeugend in dem Sachbuch The Billion Year Spree, das eine sehr informierte und differenzierte Geschichte der SF ist. Allerdings spricht er da auch sehr „pro domo“, wenn er einer britischen Autorin – nämlich Mary Wollstonecraft-Shelley mit ihrem Frankenstein-Roman – diesen Startschuss zuordnet. Aldiss hat sicher Recht, dass hier das Wirken eines Wissenschaftlers (und Arztes) beschrieben wird, der eine wissenschaftliche Methode anwendet, um etwas noch nie zuvor Mögliches zu realisieren: Die Erschaffung eines Menschen (wenn auch aus Leichenteilen, die zuvor auf höchst kriminelle Weise auf Friedhöfen zusammengesucht wurden).

Ich bin anderer Meinung als Aldiss: Für mich beginnt die Science-Fiction einige Jahrhunderte früher auf Kreta mit der Geschichte vom Erfinder Daidalos, der künstliche Flügel zusammenfügt, um zusammen mit seinem Sohn Icaros dem Gefängnis des Labyrinths zu entkommen, wo er mit dem Minotauros eigesperrt ist – zur Strafe dafür, dass er jene künstliche Kuh schuf, in die König Minos Gattin Pasiphae sich versteckte, um sich vom Poseidon-Stier begatten zu lassen – welcher Mesalliance der Minotauros entsprang. Eine wilde Geschichte, die ja nicht nur sehr science-fiction-mäßig den Beginn des menschlichen Fliegens behandelt, sondern gleich auch noch künstliche Befruchtung und die Schaffung von geklonten Geschöpfen wie dem Minotauros vorwegnimmt. Was ja der Schaffung des Menschenmonsters aus Leichenteilen durch Frankenstein mindestens ebenbürtig ist – wenn auch wissenschaftlich und technisch genauso unmöglich.

Anders als Russel (s. oben Gothic) geht Kenneth Brannagh direkt in die Frankenstein-Geschichte hinein.

Quellen
Brannagh, Kenneth (Regie): Mary Shelleys Frankenstein. USA 1994.
Russell, Ken (Regie) Gothic. Great Britain 1986.
Shelley, Mary Wollstonecraft: Frankenstein, oder: Der neue Prometheus. (London 1818). München 1972-06 / 2. Aufl. Mü 1980-05 (dtv Phantastica).

157 _ aut #824 _ 2021-04-01/20:50

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