Schnee kommt – Schnee geht – Klimawandel bleibt

(Aktualisiert am 06. April 2021.) Gestern war es in München 16° warm; der heftige böige Westwind überlagerte das. In der Nach schneite es. Jetzt, um 07:27 am Morgen sieht man Schnee nur noch auf den Autodächern – die Straße ist schon wieder frei und die Sonne scheint – bei aktuell minus 3°. Typisches Aprilwetter halt. Aber eines ist inzwischen klar: Die Unterschiede werden extremer, folgen rascher auf einander, werden turbulenter. (s. unten) Wer den Klimawandel – den menschengemachten! – leugnet, ist bestenfalls ein Narr. In den Konsequenzen des Nichtgegensteuerns und zu wenig und zu spät Gegensteuerns wird das, millionenfach verstärkt von unzähligen Zögerern und Zauderern und egoistischen „Nach mir die Sintflut“-Fetischisten und Leugner – zu kriminellem Fehlverhalten. Es ist Verrat an den nachkommenden Generationen. Greta Thunberg hat völlig recht, wenn sie wütend sinngemäß schreit: „How dare you: Ihr vernichtet unsere Existenzgrundlagen.“

Dieselben Bilder könnte ich auch vom aktuellen Tag 06. April 2021 hier einfügen.

… und am nächsten Tag ist schon alles Weiß wieder vom Föhn weggeschleckt, bis auf winzige Reste (Archiv JvS)

In meiner Kindheit in Rehau habe ich Winter erlebt, von denen man heute nur noch träumen kann – oder albträumen. Etwa 1950 hatten wir vor unserem Haus Schnee, der so viel und so hoch war – und zwar die gesamte Bahnhofstraße entlang – dass man richtige Tunnel schaufeln musste, um wenigstens zu Fuß zum Bäcker hinter der Höllbachbrücke und zur Milch-Rosl zu gelangen, für die nötigsten Einkäufe. Die Temperatur war in jenen Tagen am tiefsten Punkt -30°.
Gut – Rehau hatte schon immer das typische Kontinentalklima (danke, Lehrer Schnabel) mit extrem heißen Sommern und dito kalten Wintern. Das Hufeisen des Fichtelgebirges (Rehau am nordöstlichen Zipfel) ist zum Ural hin offen, von wo offenbar die sibirischen Winterstürme bis zu uns herüber geweht haben. Ich erinnere mich noch, dass etwas später, vielleicht 1952 oder 1953, diese Stürme so viel Schnee auf die Bahngleise zwischen Selb-Plößberg und Erkersreuth wehten, dass der Zug (mit dem wir nach Selb in die Oberrealschule fuhren) in einer gewaltigen Wächte kurz vor Erkersreuth steckenblieb, obwohl vorne an der Lok ein großer Schneepflug angebracht war. Auch wenn die Schaffner und einige Arbeiter der nahen Rosenthal´schen Porzellanfabrik, die im Zug saßen, und etliche von uns Schulkindern beim Schaufeln halfen – es nützte nichts. Der Zug musste langsam rückwärts (!) wieder die Anhöhe hoch in den Bahnhof von Plößberg manövrieren, wo die Lok umgesetzt wurde und der Zug uns (heureka! keine Schule!) zurück in unsere Heimatorte fuhr.
(Der Erich Braun, der damals in Selb-Plößberg wohnte, direkt gegenüber vom Bahnhof, dessen Treiben er von seinem Zimmer aus beobachten konnte – der wird sich freuen, wenn er dies liest – denn wir stehen seit einigen Jahren wieder Kontakt, nun per E-Mail und ich werde ihm gleich den Link schicken.)
In München, weil viel südlicher als Rehau gelegen, herrschte immer schon anderes Wetter, ein wenig „südländisch“ halt. Deshalb nennt man die bayrische Landeshauptstadt ja auch „die nördlichste Stadt von Italien“ und der Gardasee ist, gleich nach dem Starnberger See, so etwas wie der Haus-See der Münchner.

Sprung zurück in die Gegenwart

Winter 2020/21. Ich weiß nicht, wie kalt und wie schneereich dieser aktuelle Winter 2020/21 in Rehau war – sicher etwas frostiger und schneereicher. Aber ich weiß, dass es schon das dritte Mal in Reihenfolge in München nahezu überhaupt keinen Winter gegeben hat. Wenn man einen Leugner des Klimawandels überzeugen wollte – bitte nach München locken. Glutheiße Sommer inzwischen (fast 40° Celsius vergangenes Jahr) und Schifahren? Niente! Es gibt praktisch keinen Schnee mehr. Schon seit Jahren merke ich das daran, dass ich allenfalls während einer Woche mal nicht mit dem Fahrrad gefahren bin, weil die Straßen zu schneematschig und zu glatteisig waren. Diesen Winter und den Winter zuvor gab es nicht einen einzigen dieser „fahrradfreien“ Tage. Es schneite zwar ein paar Mal (wie man an den beiden obigen Fotos vom 06. Januar sehen kann) –
– aber schon am nächsten Tag hatte der Föhn (im Januar!) das glitzernde kalte Weiß wieder weggeschleckt und im Februar hatte es sogar einmal fast 20 Grad – im Februar fing früher der Winter erst so richtig an (das weiß ich so genau, weil ich im Februar Geburtstag habe).


MultiChronalia zum Thema „Wetter“
Als meine Mutter mir zu meinem fünften Geburtstag am 07. Februar 1945 eine besondere Freude machen wollte, stapfte sie eine gute Stunde durch den Winter nach Norden ins nahe gelegene Dorf Kühschwitz. Sie bekam den ersehnten Schweinebraten (im Tausch gegen etwas Wertvolles – einen Fotoapparat, wenn ich es richtig erinnere) – aber der Preis für diese Hamster-Tour war noch viel höher: Sie erfror sich im eisigen Wind die Backen. So hat sie es mir später einmal erzählt.

1949, also vier Jahre später, las ich in meiner geliebten Serie Sun Koh – der Erbe von Atlantis (in der alten Ausgabe von 1934), ausgeliehen von der Leihbücherei Unger schräg gegenüber in der Bahnhofstraße, das Heft 74: „Attentat auf den Südpol“. In der Neuausgabe von 2020 heißt es dazu:

Ein blindes Genie und ein eiskalter, hassgetriebener Verbrecher finden sich zusammen, um einen wahnwitzigen Plan zu verwirklichen: Die mächtige Eisdecke der Antarktis soll aufgeschmolzen werden, um den sechsten Kontinent bloßzulegen. Gewaltige Wetterkatastrophen kündigen die drohende Gefahr an und bringen Sun Koh auf die Spur seines satanischen Gegenspielers. Ein Gelehrter baut am Südpol Getreide an und kämpft mit der Schwerkraft, die Sonne wirft ihre Energie in elektronische Felder, turmhohe Springfluten rasen gegen die Kontinente, ein Filmstar spielt seine letzte Rolle, eine Felsenklippe liegt unter einer Strahlenglocke, und Sun Koh wird in Ketten geschlagen. Nimba und Hal greifen ein, und der Erde bleibt das Unheil erspart…

Nochmals fünf Jahre später, irgendwann 1954, las ich einen ähnlichen Schmöker – allerdings in einer ganz anderen, für damalige Verhältnisse viel moderneren Abenteuerserie: Jim Parkers Abenteuer im Weltraum. Dieses Heft trug den Titel: „Der Wettermacher von Teneriffa“:

Auf Teneriffa, der größten der Kanarischen Inseln, beschäftigt sich der Privatgelehrte Professor Fantin mit der Erzeugung künstlichen Regens in bisher unerreichtem Ausmaß. Er bietet seine Erfindung dem Staatlichen Atom-Territorium der USA an, wird jedoch nicht ernstgenommen. Aber als über dem gesamten Atlantik Unwetter mit vernichtenden Folgen ausbrechen, schaltet sich Jim Parker ein. (Verlagsankündigung).

Nochmal fast ein Jahrzehnt später, im Juni-Heft 1962 von Analog SF wagte sich Theodore L. Thomas in der Titelgeschichte „The Weather Man“ erneut an das Thema. In dieser sehr gut geschriebene Novella wird von künftigen Wissenschaftlern und Technikern die Korona der Sonne manipuliert, um auf der Erde in großem Stil das Wetter zu beeinflussen – was konsequenterweise zu gigantischen Problemen führt – einer dieser typischen „Pakte mit dem Teufel“, den Mad Scientists in der Folge von Dr. Faustus und Dr. Frankenstein immer wieder eingegangen sind (und noch immer eingehen) – vor allem wenn das Militär dabei seine Finger im Spiel hat.

1989 interviewte ich für den Bayrischen Rundfunk Reinhard Dahlberg (ehemals Direktor des AEG-Konzerns) zu seiner Vision einer „Solar-Wasserstoff-Welt“: In der nordafrikanischen Wüste soll in gewaltigen Solarfarmen Sonnenenergie aufgefangen werden, mit der man Wasser elektrolytisch in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. (Darüber hörte ich ihn erstmals ein Jahr zuvor bei der Vorstellung eines Piper-Buches über das Thema sprechen.)

Am 14. Juli 2008 lese ich in der Südd. Zeitung einen Artikel: „Solarstrom aus der Wüste“. Es gibt jetzt einen „Solarplan“ der EU, der von den Deutschen sehr forciert wird.:
„Nach Auskunft von Außenminister Frank-Walter Steinmeier soll noch im Herbst mit einer Machbarkeitsstudie begonnen werden, wie etwa in den Wüstengebieten Nordafrikas in großem Stil Solaranlagen gebaut werden können, die auch Europa mit Strom versorgen.“
Na bitte. Hat zwar zwei Jahrzehnte gedauert, bis Dahlbergs Vision von 1985 angekommen ist. Aber sie ist offenkundig angekommen. DeserTec nannte man dieses Projekt. Deutsche Firmen und die Münchner Rückversicherung stiegen groß ein – und leider stimmt die Vergangenheitsform „stiegen“ – denn wieder wurde das alles auf Eis gelegt.

Am 26. Aug 2017 mahnt Hanno Charisius: „Warum wird nicht längst auf jedem Dach in Deutschland eine Solaranlage installiert?“ Aber warum betitelt er seinen Beitrag mit „Hässlich, aber notwendig“?
Ich finde diese typisch bläulich schimmernden Flächen schon immer ausgesprochen schön – weil sie eine so hoffnungsvolle eigene Ästhetik ausstrahlen. Die Vorstellung, dass eines Tages in – hoffentlich naher – Zukunft Städte von oben nicht mehr ziegelrot oder blechgrau aussehen werden, sondern solarblau – das stimmt mich ausgesprochen frohgemut (um ein etwas altmodisches Adjektiv ein wenig aufzupolieren).

Am 02. März 2021 in der Süddeutschen Zeitung ein großer Artikel im Wirtschaftsteil über Wasserstoff: „Der Stoff, aus dem Visionen sind“. Am Tag darauf ein Beitrag im Lokalteil mit dem Titel: „Heute Sonne, übermorgen Schnee“. Darin geht es um die Frage, warum das Wetter in jüngster Zeit so wechselhaft ist.
Einige Tage später, am 16. März „Schwerste Dürre seit 2.100 Jahren“. Am 25. März im Politik-Teil „Klagen gegen Dürre und Flut“ – Aktivisten und Opfer des Klimawandels wollen immer häufiger vor Gericht bessere Schutzmaßnahmen erzwingen.
Und nicht zu vergessen: „Das Wasser wird knapp“. Der Klimawandel forciert Hitze und Trockenheit – während andernorts sintflutartige Regenstürze alles wegspülen.

Wer weiß: Vielleicht haben Greta Thunberg und die Jugendbewegung Fridays for Future (und der Corona-Virus?) neue psychosoziale Energie in das Thema gesteckt und es bewegt sich tatsächlich etwas in Richtung „Stoppt den Klimawandel“. Die technischen und wissenschaftlichen Grundlagen sind längst vorhanden. Was fehlt, ist der politische Wille, sie umzusetzen.
Die Science-Fiction hat den Boden längst vorbereitet – seit 1934. Es müssen ja keine „Mad Scientists“ sein, die uns auf diesen „Mond“ transportieren. Und es muss auch nicht das Wetter in großem Stil manipuliert werden – aber die Energiegewinnung und Versorgung muss umgestellt werden. Jeden Tag fällt sie kostenlos vom Himmel – sie muss nur irgendwie aufgefangen und menschennah umgewandelt werden.

Mein Neffe Frederic schreibt gerade, 2021, seine Dissertation über die Versorgungsmöglichkeiten mit Wasserstoff in Deutschland.

Na bitte, es geht doch. Better late than never.

Quellen
Charisius, Hanno: „Hässlich, aber notwendig“. In Südd. Zeitung vom 26. Aug 2017, S.35 (Wissen).
Dahlberg, Reinhard: „Die großtechnische Nutzung der Sonne. Eine konkrete Utopie zur Lösung der Probleme Energie, Umwelt und Bevölkerungsexplosion“. Heilbronn 1985 (Privatdruck).
ders. im Interview: „Energie aus der Wüste: Solarer Wasserstoff“. Nachdruck in: Scheidt 1990, S. 61 ff.
Stuttgart München Landsberg Juni 1990 (Bonn aktuell).
dpa: „Schwerste Dürre seit 2.100 Jahren“. In Südd. Zeitung vom 16. März 2021, S. 15 (Wissen).
Freybott, Christoph: „Heute Sonne, übermorgen Schnee“. In Südd. Zeitung vom 03. März 2021, S. R02 (Lokales).
Janisch, Wolfgang: „Klagen gegen Dürre und Flut“. In Südd. Zeitung vom 25. März 2021, S. 05 (Politik).
Myler, Lok (alias Freder van Holk alias Paul Alfred Müller-Murnau): Attentat auf Südpol. Sun Koh Heft 74. Leipzig 1934 (Bergmann). Nachdruck Köln 2014 (Mohlberg).
Scheidt, Frederik vom: (Dissertation – in Arbeit).
NN: „Solarstrom aus der Wüste“ in: Südd. Zeitung vom 14. Juli 2008.
Öchsner, Thomas: „Der Stoff, aus dem Visionen sind“. In Südd. Zeitung vom 02. März 2021, S. 16 (Wirtschaft).
Scheidt, Jürgen vom: Konzepte für die Zukunft. Landsberg am Lech Juni 1990 (Bonn aktuell).
Ritzer, Uwe: „Das Wasser wird knapp“. In Südd. Zeitung vom 23. März 2021, S. 15 (Wirtschaft).
Thomas, Theodore L.: The Weather Man. In: Analog SF. New York Feb 1962-06 (Condé Nast) 1963. (1964 Spanisch: El hombre del tiempo / 1967 Portugiesisch: O metereologista / 1971 Deutsch: Die Wettermacher / 1994 Italienisch: L’uomo del tempo).
Tjörnsen, Alf: Der Wettermacher von Teneriffa. Rastatt 1954 (Pabel).

143 _ aut #397 _ 2021-04-06/08:46 <2021-03-16/21:08>

Ein Kommentar zu “Schnee kommt – Schnee geht – Klimawandel bleibt

  1. Dass der Gardasee, mit dem ich mich vor einiger Zeit recht intensiv beschäftigt habe, zu den Münchner „Hausseen“ gehört, war mit so nicht bewusst gewesen. Jedenfalls ist dies einer der sympathischsten Wetterberichte, die ich seit langem gelesen habe. Besonders die Sache mit dem fichtelgebirgischen „Orientexpress“ hat mir sehr gefallen.

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