Ahnenforschung

Ohne meine Vorfahren gäbe es mich nicht. Und ohne mich gäbe es meine Nachkommen nicht. Das ist heute meine eindeutige Stellungnahme zur beliebten Devise: „Double income – no kids“, kurz „Dink“.

Wäre ich als Student dieser Dink-Denke treu geblieben (damals nannte ich das für mich „Keine Kinder – never“), sähe meine Welt ganz sicher anders aus. Ich hätte bei meiner Ausbildung und meiner Intelligenz Kreativität und meinem Fleiß und Ehrgeiz niemals finanzielle Probleme bekommen – aber ich wäre heute wahrscheinlich ein entsetzlich einsamer Mensch, der sich fragen würde: „Warum habe ich nicht -„

Vermutlich hätte ich trotz vieler Therapiestunden und Therapie-Arten irgendwann meinem Leben bewusst ein Ende gesetzt.

Drei Gründe für Familienforschung

Dass ich mich – auch in diesem Blog- inzwischen viel mit meinen Vorfahren beschäftige, dass ich also Ahnenforschung betreibe, hat also einen nüchternen rationalen Hintergrund. Aber da ist noch etwas anderes, was mich dazu treibt: Viele Anteile meiner Persönlichkeit kann ich nur verstehen, wenn ich weiß, wie meine Vorfahren getickt haben. Das herauszubekommen, ist nicht immer leicht – weil man ja in fremde Köpfe nicht hineinschauen kann. Die Psychologie, nachzumal die Tiefenpsychologie mit ihrem psychoanalytischen Hintergrund hat jedoch Werkzeuge bereit, die ein solches „In fremde Köpfe schauen“ erleichtern, indem man die äußeren Fakten ihres Lebens anschaut – wen und wie sie geheiratet haben und vor allem wie sie gearbeitet haben.
Es gab sogar einmal eine eigene Disziplin der Tiefenpsychologie, die sich mit dem Familienunbewussten beschäftigte – wie also die Vorfahren mehr indirekt auf das eigene Denken, Fühlen und Handeln einwirken. Ein wichtiges Stichwort ist dabei die → Delegation (nämlich von speziell beruflichen Wünschen, die man selbst nicht realisieren konnte, aber „irgendwie“ an die Nachkommen weitergibt). In seinen Büchern Psychologie der Partnerwahl und Psychologie der Berufswahl hat sich Ulrich Moser mit solchen faszinierenden Aspekten der Familienforschung beschäftigt. Ich bezweifle, dass dies heute – weil doch sehr spekulativ – noch Gegenstand des Psychologiestudiums ist – für mich war das als Student sehr faszinierend und ist es auch heute im Alter wieder.

Es gibt jedoch noch einen dritten Aspekt der Ahnenforschung, den ich den multichronalen nennen möchte: Wie sich die Vorfahren in ihrer Lebenszeit mit ihrer Umwelt arrangiert haben, wie sie ihre verschiedenen Zeitschichten miteinander vereinbaren konnten. Da spielt der religiöse Glaube eine Rolle – der ja immer sehr rückwärts gewandt ist und sich aus uralten Qeullen (und viel Aberglauben) speist – dem gegenüber das Aufgeschlossensein steht für moderne Entwicklungen (immer aus der jeweiligen Zeit heraus).

Urgroßvater Eduard Kropf als Modell für Ahnenforschung

Ich will das an einem Beispiel sichtbar machen: meinem Urgroßvater Karl Eduard Kropf (1856-01-26 bis 1921-10-29). Er muss ein immens tüchtiger Mann gewesen sein, dem es gelungen ist, nach dem frühen Tod des Vaters (1834-1876) nicht nur sich selbst als Zwanzigjähriger (!) die Existenz zu sichern, sondern auch die Mutter und vier jüngere Geschwister am Leben zu erhalten – und soviel Extra Power zu entwickeln, dass er ein eigenes Baugeschäft gründen und sehr erfolgreich führen konnte, angesehener Stadtrat* seines Heimatorts Rehau zu werden, sich an profitablen Firmengründungen zu beteiligen, ein Haus zu bauen (in dem ich aufgewachsen bin) .
Er war sicher aktives Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde (die noch in meiner Jugend frankentypisch sehr konservativ und antikatholisch war) – aber er hatte die unternehmerische Größe, der katholischen Gemeinde eine erste Kirche zu bauen, zu finanzieren – und zu verpachten** – und das in einer Zeit, als es in Rehau gerade mal 50 Katholiken gab – bis der Zusammenbruch des Dritten Reichs 1945 aus Schlesien und dem Sudentenland Tausende von überwiegend katholischen Flüchtlingen auch nach Rehau führte.

* Die Stadt Rehau sorgt noch heute dafür, dass die Familiengruft „Eduard Kropf“ gepflegt und instandgehalten wird.
** Noch sein Enkel Karl Hertel (und wahrscheinlich auch der Urenkel Wolfgang Hertel) kassierte Pacht dafür von der katholischen Gemeinde.

Der „alte Kropf“ (wie er in der Familie ehrfürchtig genannt wurde) war aber nicht nur ein workaholic – sondern auch ein echter Alkoholiker – aber eben der moderaten Art, die man in der Deutschland recht häufig findet und auf gut zehn Prozent der Gesamtbevölkerung schätzt. Man muss nur mal übers Münchner Oktoberfest gehen, um das in Augenschein zu nehmen.
Woraus schließe ich dieses Suchtverhalten? Zum einen war er extrem dickleibig – was eine Folge seinen Bierkonsums gewesen sein dürfte. Zum anderen hatte er vier Kinder, von denen zwei geistig so behindert waren, dass sie in einem Raum über dem Büro des Baugeschäfts „vor den Blicken der Öffentlichkeit versteckt wurden – also buchstäblich eingesperrt. Das waren die beiden Buben Adam und ??, die in ihrem Zimmer saßen und hin- und herschaukelten und „brummten“ – was für mich die Ferndiagnose „hospitalistischer Marasmus***“ aufdrängt. Meine Tante Lis (Schwester meiner Mutter und ältestes der drei Kinder von Betty Hertel, geb. Kropf) erlebte diese behinderten Buben noch und nannte sie mir gegenüber einmal „Rauschkinder“.

*** Hospitalismus nennt man in der Säuglingsforschung Begleiterscheinungen bei Kindern, die zwar genügend Pflege bekommen, aber emotional unterversorgt sind. Marasmus ist eine Schaukelbewegung, mit der solche Kinder sich wahrscheinlich körperlich stimulieren.

Warum versteckte der Vater die beiden Buben? Die Antwort liegt auf der Hand: Er hatte auch noch zwei hübsche Töchter – die verheiratet werden mussten (was auch bestens gelungen ist). So etwas wäre mit zwei schwer behinderten Brüdern sicher damals, vor hundert Jahren, noch schwieriger gewesen als heute. Die Euthanasie-Politik der Nazis kam ja keineswegs aus dem „Nichts“!

Ahnenforschung ist ein faszinierendes Unternehmen – wenn man genauer hinschaut, keine Tabus berücksichtigt – und staunen lernt, was Menschen geleistet haben – denen man – in diesem Fall auf sehr indirekte Weise – das eigene Leben verdankt:
° nicht nur rein biologisch (via Erbgut),
° sondern auch psychosozial und gesellschaftlich im engeren Sinn (das prägende Umfeld der Familie) wie im weiteren Sinn (gesellschaftliche Stellung, Kirchengemeinde, politische Einstellung, finanzielles Standing).
Es gibt einige aufschlussreiche Anekdoten über diesen Urgroßvater und weitere Details, über die ich in einem gesonderten Beitrag berichten werde (→ Urgroßvater Eduard Kropf). So wie auch die drei anderen Urgroßväter zu ihrem Recht kommen sollen. Über den einen weiß ich sehr viel mehr – aufgrund seiner umfangreichen, auf mich gekommenen Tagebücher: Ferdinand Naumann, Gastwirt auf dem Inselsberg bei Jena. Von den beiden anderen weiß ich nur sehr wenig wie dass
° der eine, Georg Adam Hertel, Viehhändler in Rehau war und in seinem Beruf so erfolgreich, dass er sich mit 50 zur Ruhe setzen konnte und einen Sohn hatte (mein Großvater Karl Hertel);
° und vom vierten , Julius vom Scheidt, weiß ich bisher**** nur, dass er vier Kinder hatte und in Hagen (Westfalen) lebte.

**** Vielleicht taucht in den Tagebüchern von Ferdinand Naumann noch die eine oder andere Information über ihn auf? Denn dieser Julius war ja – über die Hochzeit seiner Tochter Nanny mit meinem Großvater Hugo vom Scheidt so etwas wie „nahe Verwandtschaft“.

Der Ahnenpass: Zwiespältiges Produkt der Nazizeit…

… aber wichtige Quelle der Familienforschung. Das Dritte Reich hat entsetzliches, unentschuldbares Elend über Deutschland und die umgebende Welt gebracht. Sollte ich jedoch etwas „Gutes“ nenne, was diese Barbaren geschaffen haben – dann fällt mir nur der Ahnenpass ein. Er enthält wertvolle und einzigartige Informationen über die Vorfahren – und ist oft nur die einzige Überlieferung (weil viele Kirchenbücher im Krieg vernichtet wurden) .
Aber es ist eine „vergiftete“ Hinterlassenschaft der Nazi – denn der Ahnenpass diente nur zu einem Zweck: als Ariernachweis – was zugleich die Ausgrenzung der Juden bedeutete und aller anderen Nichtarier (Zigeuner, Neger, Gelbe – wie man das damals nannte) und Grundlage ihrer Vernichtung wurde.
Ein Danaergeschenk also – aber dennoch ein kostbarer Schatz.

MultiChronalia

Es gab einmal eine gewissermaßen direkte Verbindung zwischen mir und Urgroßvater Kropf: Ein leeres Kontobuch aus seinem Büro – das ich 1955 auf dem Dachboden des (von ihm erbauten) Hauses in der Rehauer Bahnhofstraße 15 fand – und in das ich meinen ersten Romanversuch skizzierte. Dieses Konvolut ist leider bei einem meiner vielen Umzüge verschwunden. In den späten 1950er Jahren existierte es noch in meiner Bibliothek.
Mit dem Urgroßvater Naumann verbindet mich inzwischen die Fülle der Informationen und das direkte Objekt seiner drei Tagebücher – ich ich früher (dank der Intrige meiner Mutter) sehr abschätzig betrachtete.
Von diesen beiden Urgroßvätern existieren auch Fotos – von den beiden andren Urgroßvätern Hertel und vom Scheidt nur einige Fotos und ansonsten – nahezu nichts.
Überhaupt nichts – außer Fotos – kenne ich leider von den Frauen dieser Ureltern-Generation – bis auf jenen einen langen Brief der Urgroßmutter Anna Naumann.
Was gäbe ich für Tagebücher dieser Vorfahren, welche die nüchternen Fakten im „Ahnenpass“ mit Leben erfüllen könnten!
(Weitere MultiChronalia am Schluss dieses Textes – als Reminiszenzen zu meinem Psychologiestudium.)

Quellen
Moser, Ulrich: Psychologie der Partnerwahl. (Bern 1957). Bern Stuttgart 1965 / 2. Aufl. (Huber).
ders.: Psychologie der Arbeitswahl und der Arbeitsstörungen. (Bern 1953). Bern Stuttgart 1965 / 2. Aufl. (Huber). –
Moser war Schüler des Familienforschers Leopold Szondi, der einen eigenen projektiven Test entwickelte (Szondi-Test), mit dessen Hilfe man die – von Szondi begründete – Schicksalsanalyse diagnostizieren wollte. Diese wurde in der Berufs- und Laufbahnberatung eingesetzt, gilt heute aber – genau wie der Rorschach-Test und die Graphologie – als zu unsicher und schlecht validiert.
Als ich Psychologie studierte, wurden diese Verfahren noch eingesetzt und in Seminaren geübt – aber die damals, in den 1960er Jahren nachdrängende Richtung der eher naturwissenschaftlichen Psychologie (die stärker statistisch und rational orientiert ist) machte all diesen eher intuitiven Verfahren den Garaus – so wie die Verhaltenstherapie (weil leichter zu standardisieren und zu validieren) die psychoanalytisch-tiefenpsychologischen Verfahren beiseitedrängte. Dazu kann ich nur mit Fritz Teufel sagen: „Wenn´s der Wahrheitsfindung dient, euer Ehren -“ (Teufel, der dies bei einer Gerichtsverhandlung nach der Aufforderung, für eine Aussage aufzustehen, äußerte. Er war einer der berüchtigten Kommunarden, die in Berlin während der 68er-Zeit für viel Unruhe und bald auch für Terror sorgten, bis hin zur mordenden RAF – mit der Teufel jedoch genausowenig zu tun hatte wie Rainer Langhans, der Ewig-Hippie, und Uschi Obermayer, die „Schöne“ dieser Gruppe.

159 _ aut #826 _ 2021-04-03/17.34

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