Editorisches Prinzip meines Blog: Wundertüte

Kürzlich fragte mich mein Bruder Stefan, was denn der rote Faden meines Blog sei. Gute Frage – denn ich sage Teilnehmerinnen und Teilnehmern meiner Schreib-Seminare immer: Achtet darauf, dass eure Texte einen gut erkennbaren roten Faden haben – also ein Thema, dem man leicht folgen kann.
Ich könnte es mir nun einfach machen und sagen: Naja, mein Leben ist dieser rote Faden. Wenn man die Kategorien-Wolke anschaut, sieht man ja gleich, dass der größte Punkt das Thema „Autobiographisches“ ist. Aber dieses „Autiobiographische“ ist natürlich bei näherer Betrachtung so eine Themenwolke in sich selbst.

Gegenfrage: Was ist denn das Thema der Süddeutschen Zeitung? Vermutlich werden Sie sagen: Eine Zeitung hat doch kein Thema -die drucken alles, was für die Leser interessant ein könnte. Oder wie Adolph S. Ochs, der legendäre Gründen der New York Times, der wohl besten Zeitung der Welt, einst sagte: „All the News that´s fit to print„“.
Das muss man nicht übersetzen – aber sehr wohl interpretieren. Denn alles wird ja wohl kaum gedruckt. „Fit to print“ – das trifft insofern eine Auswahl, als da Redakteure im Newsroom sitzen, die täglich zwar mit Tausenden Meldungen und Themen und Artikelvorschlägen bombardiert werden – aber täglich auch eine sehr strenge Auswahl treffen müssen – denn auf den Seiten einer Zeitung steht nur ein begrenzter Raum zur Verfügung, der mit Artikeln und Meldungen belegt werden kann.

Da fällt vieles unter den Tisch – weil es nicht „news“ ist (also nicht wirklich neu) oder (noch) nicht „fit to print“ – also vielleicht zu unklar, so fragwürdig – oder vielleicht sogar zu gefährlich (für die Sicherheit des Landes – oder der Redakteure?). Oder schlicht zu langweilig. Aber im Prinzip ist die Redaktion offen für alles aus der gesamten Welt. Wobei man natürlich zwangsläufig erst einmal an die amerikanischen Leser denkt und was für die interessant sein könnte. Aber Korrespondenten in aller Welt sorgen dafür, dass alle anderen Regionen außerhalb der USA gebührend berücksichtigt werden.

Und was hat das, bitte sehr, mit meinem Blog zu tun?

Mein Motto könnte man ähnlich so benennen: „All the news that´s fit to blog“. Auch die NYT hat – genau wie jede andere Tageszeitung – Themenschwerpunkte, welche man bei der Süddeutschen Zeitung „Bücher“ nennt. Das beginnt mit der Politik, gefolgt vom Feuilleton, der Wirtschaft und dem Sport-Teil – dann wird es schon sehr regional: Lokales zu München, Lokales zu den Münchner Stadtteilen“ (die feinste Unterteilung) und – wieder etwas weiter geöffnet – der Bayern-Teil. Am Wochenende gesellt sich dazu nach das Buch Zwei, dass immer einen aktuellen Themen-Schwerpunkt behandelt (den man unter der Woche auf der Seite Zwei als „Thema des Tages“ findet).

Ich könnte nun sagen, dass der rote Faden meines Blog dem der Süddeutschen Zeitung ähnelt (für die ich viele Jahre als frei mitarbeitender Journalist tätig war) – oder dem des Nachtstudio im Bayrischen Rundfunk (für den ich ebenfalls viele Jahre als freier Mitarbeiter geschrieben habe) – was heißt, dass es gar keinen solchen roten Faden gibt, sondern nur Themenschwerpunkte.

Ich will es mal so formulieren: Thema ist für mich immer das, was mich überdurchschnittlich und über einen längeren Zeitraum interessiert. Wobei ich mich stets auch frage; Könnte das die potenziellen Leser*innen dieses Blog ebenfalls interessieren – obwohl ich ja gar keine Ahnung habe, wer das genau ist und ob der oder die Person dieses jeweilige Thema wirklich so brennend interessiert wie mich.

In meinem Archiv gibt es rund tausend Hängemappen, in denen sich meine Interessen manifestieren. In einer meiner Kurzgeschichten hier im Blog habe ich die mit solcher Vielfalt verbundenen Gefahren vorgestellt – und zugleich satirisch relativiert: Der Archivar der Zukunft.

B.A.S.T bindet alles zusammen

Aber ja, es gibt ganz klar vier große Themen, die ich mit dem sprechenden Akronym BAST zusammenbinde:

B eziehungen zu anderen Menschen (hier im Blog vor allem durch jene Titel hervorgehoben, die mit „Begegnung“ beginnen).
A rbeit und Beruf (das unterteilt sich in Schreib-Seminare, Journalismus und Bücherschreiben und ganz allgemein „Psychologie“, was ich ja nicht zufällig studiert habe – wobei ein sehr wichtiges Unter-Thema die Hochbegabung ist).
S elbst (in der Kategorien-Wolke vor allem unter „Autobiographisches“ erfasst und letztlich auch unter „Psychologie“ zu rubrizieren – mit Schwerpunkt „Narzissmus“. Letzteres allerdings im Sinne der Kohut´schen Psychoanalyse, die deren Gründer „Psychologie des Selbst“ nannte und als Weiterentwicklung der Psychoanalyse mit ihren beiden ursprünglichen Hauptthemen Sexualität und Aggression verstand.)
T RANS (jetzt wird es schwierig – TRANS ist in sich selbst wieder ein Akronym und meint sowohl Transzendenz wie auch alles, was mit Religion, Aberglauben, Neugier auf die „Welt hinter der Welt“ und Spiritualität zu tun hat).

Kein roter Faden – sondern ein blauer

Wenn ich ehrlich bin, gibt s tatsächlich einen roten Faden, der sich durch mein ganzes Leben zieht: Das ist die Science-Fiction. Denn die transportierte für mich schon als Kind bei meinen ersten lesenden Gehversuchen in fremde Welten vielfältige Möglichkeiten, als dies waren und noch immer sind:
B eziehungen zu anderen Menschen (auch Aliens – Fremde! – und vernunftbegabte Lebewesen im ganz allgemeinen Sinn – also wieder die Psychologie, speziell als Tiefenpsychologie und als Gruppendynamik).
A rbeit und Beruf (Science-Fiction nicht nur passiv lesend konsumierend, sondern selbst auch aktiv schreibend – mit dem speziellen Hintergrund der Kreativitätspsychologie).
S elbst (mich auf vielfältige Weise in den Personen und Geschichten dieser Literaturgattung suchend und findend. Also wieder und noch verstärkt die Psychologie – als Werkzeug der Selbsterforschung, Selbstvergewisserung und Selbsterweiterung).
T RANS (was in der SF-Literatur auch als „Sense of Wonder“ gehandelt wird – aber auch die Beschäftigung mit der Zukunft meint – die ja weit jenseits – also „trans“ – der einigermaßen bekannten Vergangenheit und der jeweiligen Gegenwart ein weit offenes Feld an Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten darstellt . Terra icognita nannte man das früher – heute sind es – vielleicht? wahrscheinlich? – Trillionen Exoplaneten und unsere eigenen Zukunftsentwürfe und potenziellen ZukunftsSelbste).

Blau gilt als die Farbe der Spiritualität. Des entdeckte ich in einem Kommentar von Gotthard Günther, dem Herausgeber der legendären Weltraumbücher des Rauch-Verlags Anfang der 1950er Jahre als Interpretationsversuch der Science-Fiction, die Günther als „amerikanisches Märchen“ bezeichnete. Er führte das aus im Anhang von John W. Campbells Roman Der unglaubliche Planet – einer wüsten, militaristischen und eigentlich fremdenfeindlichen Space opera – in der jedoch auch jenes rätselhafte, von fremden Lebewesen (Menschen!) geschaffene Blaue Universum auftaucht. Das hat mich damals schwer beeindruckt: diese Farbe blau als „Farbe der Spiritualität“ – obwohl ich mir damals darunter als gerade mal 14jähriger Leser dieser schwierigen Kost noch nicht viel Konkretes vorstellen konnte. Jetzt im hohen Alter von 81 Jahren verstehe ich das schon besser – nach lebenslanger Beschäftigung mit sowohl Science-Fiction als auch mit Spiritualität – allmählich begreifend :
° Dass die SF nichts weniger ist als die einzig moderne Variante von Spiritualität und Religion, weil sie sich mit ihren Fragestellungen des „Was wäre wenn“ ganz ohne religiöse Dogmen dem Ganzen des Universums öffnet.
° Dass sie sich zwar immer auch mit Einzelschicksalen und deren individuellen „Heldischen Reisen“ beschäftigt, und dies auf unterhaltsame, spannende und immer auch informierende Weise – aber vor allem die Entwicklung des „Ganzen der Menschheit“ im Fokus hat – und dies als einzige Literaturgattung.
Wie eine Spinne im Mittelpunkt ihres Netzes, die alles zusammenführt – so stelle ich mir die Science-Fiction vor:

Viele Themen laufen auf ein zentrales Lebens-Thema zu; Science-Fiction (Archiv JvS)

Das wahre editorische Prinzip ist jedoch die „Wundertüte“. Man (also Sie als Leserin) weiß nicht, was einen am nächsten Tag erwartet. Ich weiß es ja selbst oft nicht. Die Idee zu diesem speziellen Beitrag kam mir vorhin beim Kaffeetrinken. Das war um 17:45 Uhr etwa. Ich setzte mich gleich an die Maschine und legte los.
Ich habe natürlich auch das, was man in Redaktionen als Themenspeicher bezeichnet. Aber dann lese ich einen interessanten Artikel in der Süddeutschen – oder eine Stelle in einem Buch (oder sehe eine Szene in einer Fernsehsendung), die meine Neugier weckt. Oder im Gespräch mit jemandem blitzt da plötzlich etwas auf. Meine Schreib-Seminare sind da eine sehr anregende Umgebung – derzeit leider nur online zugänglich.
Ich greife ja jeden Tag in die Wundertüte meines eigenen Lebens. Das fängt frühmorgens mit einem Traum oder einem „Einfall“ beim Teetrinken an. Wird notiert. Wird manchmal gleich ausgearbeitet – wie jetzt dieser Beitrag über das „Editorische Prinzip meines Blog“ (das mich jedoch schon seit Monaten beschäftigt – nämlich seit ich diesen Blog gestartet habe). Oder der Einfall landet, mehr oder minder vergessen, im Themenspeicher (aus dem es dann unvermutet wie ein Schachtelteufel wieder herauspurzelt – irgendwann).

Ja – Wundertüte trifft es. Oder das auch sehr offene Auswahlprinzip einer Anthologie, zu der ich einmal einen Beitrag geliefert habe: „Kriegserinnerungen eins Fünfjährigen„. In diesem Sammelband In allen Häusern, wo Kinder sind… waren kleine Anekdoten, kurze Geschichten, Gedichte, Bilder, Spiele und vielfältige Anregungen für sehr junge Leser zusammengetragen. „Kraut und Rüben“ könnte man dieses editorische Prinzip nenne – oder „Für jeden etwas“ – oder eben „Wundertüte“. Das gefällt mir am besten. So soll es sein. Dieser Blog ist meine „Wundertüte“.

Ein wunderbarer Grabbelkasten von Ideen und Texte – nicht nur für Kinder (Ellermann Verlag)

Der Ellermann-Verlag war ein Zukauf der Nymphenburger Verlagshandlung – eine eigene verlegerische Spielwiese für die Frau des Verlegers Bertold Spangenberg – aus dem Christa Spangenberg einen sehr erfolgreichen eigenständigen Verlag geschaffen beziehungsweise weiterentwickelt hat. Dort erschien auch 1975 meine Anthologie Guten Morgen, Übermorgen – mit SF-Stories für ein jüngeres Publikum. Hat mir damals viel Spaß gemacht. Mein Beitrag Kriegserinnerungen eines Fünfjährigen in der Anthologie In allen Häusern… ist allerdings überhaupt nicht spaßíg gewesen.

Quellen
Campbell, John: Der unglaubliche Planet. (USA 1949). Düsseldorf 1952 (Rauchs Weltraumbücher).
Günther, Gotthard: Kommentar „Das amerikanische Märchen“ im Anhang zu → Campbell.
Lentz-Pentzoldt, Ulrike et al (Hrsg.): In allen Häusern, wo Kinder sind. München 1975 (Ellermann).
Scheidt, Jürgen vom (Hrsg.): Guten Morgen, Übermorgen. München 1975 (Ellermann Paperback).
ders.: „Kriegserinnerungen eines Fünfjährigen“. In: → Lentz-Petzoldt.

160 _ aut #828 _ 2021-04-06 / 20:28

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