Buch der Welt

Als ich am Vortag (10. April 2021) den Beitrag Staubfraß hier im Blog eintrug, konnte ich noch nicht ahnen, dass ich in dieser Geschichte aus dem Jahr 1963 wie ein seltsames Osterei den Schlüssel zu der Frage meines Bruders Stefan „versteckt“ hatte, der am vergangenen Sonntag (04. April) bei unserem monatlichen Familien-Meeting im Internet wissen wollte:

„Was ist den eigentlich der rote Faden deines Blog“?

Meine spontane Antwort vor einer Woche war: „Diesen roten Faden gibt es eigentlich nicht. Ich fülle in diesen Blog alles hinein, was mir so spontan einfällt oder was mich seit längerem beschäftigt, manchmal von einer Zeitungsmeldung ausgelöst oder einem Gespräch oder was auch immer – eine richtige Wundertüte.“

Ehrlich gesagt war mir bei dieser Antwort nicht ganz wohl – empfehle ich doch den Teilnehmern meiner Schreib-Seminare, einem Text-Projekt immer einen gut sichtbaren „Roten Faden“ zu verpassen – schon damit man sich selbst in dem Text zurechtfindet – und dem entsprechend dann auch die potenziellen Leser (falls man diesen Text veröffentlichen möchte).

Und nun arbeite ich an einem Blog, der da seit April vergangenen Jahres munter vor sich hin sprudelt – ohne so eine Hilfe? Was könnte denn diese inzwischen 170 Beiträge irgendwie innerlich zusammenhalten?

Dieser Fund vom Strand der Insel Ibiza (oder war es Formentera?) im November 1963 soll symbolisch für diesen „Blog als Ganzes“ und als „Buch der Welt“ stehen – war dieser vom Meer in vielen Jahrtausenden ausgewaschene Sandstein doch so etwas wie ein Geburtshelfer. (Archiv JvS)

In meiner gestrigen Geschichte „Staubfraß“ steht ganz deutlich die Antwort:

Spät am Abend, nach ihrer Rückkehr auf die kleinere Insel, versuchte Poul, eine Geschichte über den Körper zu schreiben. Er hatte auch schon eine ungefähre Vorstellung davon, wo man sie in das große Buch der Welt einfügen könnte. Er schrieb die ganze Nacht hindurch, während Phil sich mit Albträumen auf seinem Lager wälzte. …

Ich hatte diesen gestrigen Beitrag kaum überarbeitet und veröffentlicht, als es mir plötzlich wie die sprichwörtlichen „Schuppen von den Augen fiel“ und ich sah, was der rote Faden meines Blogs ist – ohne dass ich das bewusst so geplant habe. Es ist jenes „Buch des Lebens“, das ich in meinem Text vor 48 Jahren für diese seltsamen amerikanischen Lehrer-Hippies „Poul und Phil“ als gewaltiges gemeinsames Lebens-Projekt phantasiert habe – und das ich eigentlich schon damals gerne selbst geschrieben hätte.

Nun, im Jahr 2021, verfasse ich in der Tat anhand meines Blogs Hyperwriting dieses Buch der Welt – meiner eigenen Welt:

Sie schrieben nämlich an einem Buch der Welt, wie sie es nannten, schrieben seit einem Jahr ununterbrochen, immer nur nachts, beim leise zischenden Schein einer Petroleumfunzel. Märchen und Novellen, Gedichte, selbsterfundene Mythen, Kurzgeschichten, Romanfragmente und Sinnsprüche, alles für ein Buch der Welt, eine Fortsetzung der Apokalypse des Johannes…

Die romantische Petroleumfunzel – ich rieche sie heute noch. Die gab es damals tatsächlich – denn die beiden schrieben wirklich des Nachts, wie sie mir bei unserem kurzen Kennenlerngespräch sagten. Aber es wird sicher nicht (wie die beiden es tatsächlich geplant hatten) die Fortsetzung der Apokalypse des Johannes sein, sondern etwas viel Handfesteres: Real Life.

Es geht ja in der Tat nicht nur um mein Leben – sondern um dieses, um mal ein großes Wort zu verwenden – Universum meines Lebens, das ja nicht nur aus tatsächlich Erlebtem, sondern auch aus in Büchern erlesenem Wissen, im Kino oder Fernsehen geschauten Szenen, aus Erdachtem, in eigenen Texten phantasiertem oder verfremdeten Material besteht. Und das ist in der Tat ein ganzes Universum. Mein Buch der Welt ist der Versuch, die wichtigsten Konturen davon nachzuzeichnen: Vor allem die Begegnungen mit Menschen und Orten und Ideen.

Und was den roten Faden angeht: Das ist letztlich das Schreiben und alles was damit zusammenhängt (Veröffentlichen zum Beispiel).

168 _ aut #842 _ 2021-04-11/18:03

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