Mutter mit Kind 1942 – und was man auf dem Foto nicht sieht

Das folgende Bild zeigt meine Mutter (damals 28 Jahre alt) mit mir als zweijährigem Erstgeborenen.

Mutter Marie vom Scheidt, geb. Hertel, mit Sohn Jürgen im Sommer 1942 in Reahu (Archiv JvS)

Was man auf dieser Idylle der trauten Zweisamkeit nicht sieht, ist das, was gleichzeitig andernorts im „Tausendjährigen Reich“ und in den Nachbarländern geschieht – und was zwar nicht direkt mich, aber sicher sehr intensiv meine Mutter beschäftigt haben muss:

° Der Mann meiner Mutter, Helmut vom Scheidt (damals 35 Jahre alt) befindet sich irgendwo in Europa im Massensterben und Massenmorden des Zweiten Weltkriegs.

° Die Mutter meiner Mutter, Oma Betty Hertel, war kurz zuvor elend an Krebs gestorben.

° Der Vater meiner Mutter, Opa Karl Hertel senior (1879-1975), ist irgendwo in Russland oder in der Ukraine im Massensterben und Massenmorden des Zweiten Weltkriegs. Obwohl schon im Ersten Weltkrieg mitten im Gemetzel von Verdun dabei, meldete er sich als 60jähriger Major der Reserve erneut zum Kriegseinsatz. Wie mir seine andere Tochter, meine Tante Lis, später einmal erzählte, machte er dies nicht aus Vaterlandstreue oder gar „dem Führer zuliebe“ (den er nicht ausstehen konnte), sondern weil er das elende Sterben seiner Frau Betty zuhause in Rehau nicht ertrug.

° Der Bruder meiner Mutter, Onkel Karl Hertel junior (damals 31 Jahre alt) ist irgendwo in Russland im Massensterben und Massenmorden des Zweiten Weltkriegs.

° Das erstgeborene Kind Heinzele von Karl Hertel junior und seiner Frau Annemarie war ein halbes Jahr zuvor kurz nach Neujahr durch ein tragisches Missgeschick gestorben. Man gab ihm in der Sylvesternacht, weil er das wollte, vom Bohnenkaffee der Erwachsenen – was sein Körper nicht vertrug. (So ist es mir jedenfalls später erzählt worden. )
Der frühe Tod meines etwas jüngeren Cousins und ersten Freundes hatte jedoch seltsamerweise auch etwas Gutes: Wegen seiner Beerdigung bekam der Vater Heimaturlaub – was ihm höchstwahrscheinlich das Leben rettete, denn als er zu seinem Regiment nach Russland zurückkam, war dieses von einem Gegenangriff der Russen fast vollständig vernichtet worden. (So hat er es mir viele Jahre später einmal selbst erzählt.)

Auf diesem Foto aus dem Sommer 1942 sieht man, dass meine Mutter schwarze Trauerkleidung trägt – wegen des Todes ihrer Mutter. (Archiv JvS)

Das Grundstück in Rehau war groß und sehr verschachtelt. Direkt hinter dem Haus (im Hintergrund rechterhand zu ahnen) gab es einen kleinen Innenhof mit einem großen Beet für Gemüse (und mit der Odelgrube, die zweimal im Jahr von der „Angermännin“, einer verwitweten Bäuerin aus der Nachbarschaft, geleert wurde – was tagelang bestialisch stank.)
Es folgte ein Hof mit Grushaufen (feiner Steinsplitt für den Bau) und Sandhaufen und Kalkgrube mit gelöschtem Kalk und dem Materiallager des Baugeschäfts plus Garage für Zementmischer und andere Baugeräte. Gleich daneben (im Bild links zu denken) war der eigentliche Bauhof mit Bretterstapeln und Betonröhren für Kanalisation.
Was man auf dem Bild sieht, ist der Durchgang vom ersten Hof in den Gartenbereich. Man sieht von hinten die Rückwand eines Materialschuppens und daneben ist das Materiallager zu ahnen.
Rechts neben meiner Mutter muss man sich den „kleinen Garten“ denken, mit Rhabarber- und Johannisbeer-Büschen und anderen Obststräuchern und den Tabakpflanzen für meinen Großvater, der passionierter Zigarrenraucher war und sich seinen Tabak wegen der Mangelwirtschaft selbst zog. Und da stand auch der große Sauerkirschbaum, von dem in jenem Sommer 1942 die Haushaltshilfe Else bei der Kirschenernte beinahe zu Tode gestürzt wäre.
Links neben mir muss man sich den Hühnerstall denken, von dem unsere täglichen Frühstückseier stammten (und gelegentlich auch ein gebratenes Huhn).
Dort, wohin ich meine kleine zum Baugeschäft des Großvaters passende Schubkarre schiebe, kommt dann gleich rechts ein mit Glas abgedecktes Salatbeet und schließlich der große Garten, mit Apfel- und Pflaumenbäumen und einer großen Pappel.
alles zusammen das Paradies meiner Kindheit, das ich mit den Kindern der Nachbarschaft in immer neuen Gruppierungen teilte.

Doch auch hinter dieser Idylle aus Rehau auf diesem zweiten Foto ist Tragisches verborgen. Meine Mutter trägt schwarze Trauerkleidung, weil ihre Mutter gestorben war. Und im Kinderwagen dahinter liegt vermutlich der etwas jüngeren Cousin Heinzele, der bald danach ebenfalls sterben wird.

169 _ aut #849 _ 2021-04-12/16:55


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