Aus meiner Schreib-Werkstatt

In meiner Textdatenbank sind derzeit 5412 eigene Texte registriert – der älteste aus dem Jahr 1953, der jüngste vom 23. November 2020. Das hört sich nach mächtig viel an. Aber wenn man wie ich gerne und ständig schreibt und das über 67 Jahre verteilt, relativiert sich diese Zahl. Wobei ich richtig intensiv erst in den späten 50er Jahren zu schreiben begonnen habe und dann vor allem ab den 80er Jahren, als ich mit meiner Frau Ruth die Münchner Schreib-Werkstatt gründete und immer mehr Seminare dieser Art durchzuführen begann, wobei wir immer auch eigene Texte verfassten.

Nimmt man 1960 als Startjahr, dann ergibt das (60 x 365 =) 21.900 Tage. Teilt man die durch 5.412, dann ist das rund alle vier Tage ein Text. Gar nicht mal so viel, nicht wahr? Allerdings habe ich Tausende von Träumen, die ich notiert und genauer angeschaut habe und unzählige Tagebucheintragungen nicht extra gezählt. Das ist so meine tägliche „geistige Morgengymnastik“, die ich vor dem Yoga mache und dem anschließenden Frühstück. Ist mir so wichtig und selbstverständlich wie das Atmen.

Julia Cameron nennt in ihrem Buch Der Weg des Künstlers ihre morgendlichen Schreib-Fingerübungen „Morgenseiten“. Ein passender Begriff. Ich bezeichne meine Produkte jedoch lieber als MorgenNotizen. Diese sind nicht so frei flottierend und unbestimmt, weil ich eigentlich immer ein größeres Schreibprojekt in der Mache habe und es sich dementsprechend meistens um Teile meines „Projektbegleitenden Logbuchs“ handelt. Ziel ist fast immer eine Veröffentlichung – und sei es hier im Blog.
Heute war das eine Geschichte aus dem Jahr 1985, die mir beim Aufräumen am Jahresende zufällig in die Finger geriet: „Herzstillstand mit Semele“. Ich las sie, las mich fest, begann zu korrigieren und zu redigieren – und jetzt ist sie fertig und kann hinaus in die Welt – hier im Blog als eine von vielen Erzählungen, die noch kommen werden. Diese ist im Mini-Format, also wirklich eine Kurz-Geschichte, und sie finden Sie hier gleich nebenan: Herzstillstand mit Semele.

Grundsätzlich kann man drei Schreib-Varianten unterscheiden, je nach Zielrichtung von hobbymäßiger Selbsterforschung bis hin zur hochprofessionellen regelmäßigen Produktion:
° Autobiographisches (Tagebücher, Briefe, Blogs),
° Sachliches (vom kleinen Lexikoneintrag und Essay bis zum dicken Fachwälzer)
° und Erzählendes (wozu ich auch Lyrik zähle).

Blogs, wie dieser hier, schweben irgendwie über alledem, weil sie ja vom Tagebuch herkommen (wie der Name schon sagt: WebLog – also Tagebuch im Internet). Sie sind aber meistens sachthemenzentriert (mein Blog befasst sich vor allem mit dem Schreiben und Veröffentlichen), geben jedoch speziell die Erfahrungen und Meinungen des Bloggers wider. Und nachdem hier alle Freiheiten herrschen, ist vielen Bloggern auch Belletristisches nicht fremd.

Ich schätze sie alle drei und nehme sie so, wie sie aus dem Untergrund meiner Innenwelt hochblubbern – ähnlich wie die Quantenfluktuationen aus dem Urgrund des Universums.

Was für ein Wort: „Quantenfluktuationen“ – sechs Silben – fast schon wie die Mittelzeile eines Haiku. Die Wissenschaft hat so ihre ganz eigene Poesie – das hat mir auch bei der Science-Fiction immer schon gefallen. Machen wir doch gleich ein Haiku draus:

Ich sitze und schau
Wie Quan ten fluk tua tio nen
In mir hochblubbern

Zugegeben – kein tolles Haiku. Aber es heißt ja in Haiku-Fachkreisen, und damit tröste ich mich gerne: „Von hundert Haiku gelingt eines.“
Manches gelingt gleich das erste – manchmal eines irgendwo in der Mitte von einer ganzen Reihe – und manchmal erst das hundertste. Oder gar keines. Take your choice – James Joyce.

Cameron, Julia: Der Weg des Künstlers. (USA 1992). München 2000 (Knaur TB)

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