°Der Mann von der Lottozentrale (Story)

Diesen Schuss – den würde er sein Leben lang nicht mehr vergessen. Aber hätte er an diesem Tag, der so grau war wie tausend andere Tage, an einen Schuss denken können? –

Andreas Sander wurde so selten besucht, dass er die Türglocke zunächst gar nicht registrierte. Außerdem war er schwerhörig. Aber es läutete immer wieder. So stellte er endlich den überlaut dröhnenden Fernseher auf leise, ging zur Tür seines Ein-Zimmer-Appartements und öffnete einen Spalt breit, nicht ohne vorher überprüft zu haben, ob die Sicherheitskette eingehängt war. Im Halbdunkel des langen Ganges stand ein Mann mittleren Alters. Der Briefträger war es nicht – der erschien in Neuperlach selten vor Mittag, und jetzt war es erst zehn Uhr.

„Was wollen Sie?“, fragte Sander mürrisch. Er ließ sich nicht gerne beim Fernsehen stören. Das könnte ihn nur aus dem gewohnten Tagesablauf bringen. Er könnte Lust auf ein Bier bekommen und in die kleine Pilsbar schräg gegenüber gehen, auf der anderen Seite des Karl-Marx-Rings. Und wie das enden würde, das wusste er nur zu gut.

„Sind Sie der Herr Sander – Andreas Sander?“

„Ja, warum?“

„Darf ich reinkommen?“

„Warum?“

„Ich komme von der Lottozentrale. Sie spielen doch Lotto, oder?“

„Warum?“

„Naja, wenn Sie spielen, dann rechnen Sie doch sicher auch mit einem Gewinn. Oder?“

„Na, i net!“

„Aber, warum spielen Sie dann überhaupt erst?“

„Weil i gar net spui.“

„Aber …“

„Nix aber! Und jetzt mecht i mei Rua ham und wieder fernseng. Sunst gäh i doch bloß wieda –“

„Sonst was?“

Sander biss sich im letzten Augenblick auf die Unterlippe, verschloss fest seinen Mund, damit die Wahrheit nicht hervorbrach. „Lassen S’  ma mei Ruah. Und verschwinden S’ endli.“ Er drückte die Tür zu.

„Einen Augenblick, bitte. Ich habe Ihnen etwas mitgebracht.“

Den Kopf schon halb wieder dem Fernseher zugewandt, sah Andreas Sander etwas durch den vielleicht noch einen Zentimeter breiten Türspalt, etwas, das aussah wie – er hielt inne, schloss einen Moment die Augen. Wann hatte er das letzte Mal so etwas gesehen? Einen großen Geldschein, einen wirklich großen. Das war lange her. Früher hatte er jeden Tag einige, manchmal sogar richtig viele der damals braunen, heute magentafarbenen Banknoten in der Hand gehabt. Dann war dieser Bankräuber gekommen und hatte ihn niedergeschossen, weil er einen Augenblick zu lange gezögert hatte, die Kasse in die über den Tresen geschobene Plastiktüte zu leeren. Das war unendlich lange her. Das war zu einer Zeit gewesen, als man die Kassenräume noch nicht mit Panzerglas abgeschirmt hatte, mehr als zwanzig Jahre. Als er ein Jahr später aus dem Koma erwacht und noch ein Jahr später aus dem Krankenhaus und der Rehabilitation gekommen war – oder waren es drei Jahre gewesen …

„Was wollen Sie von mir?“, fragte Sander müde, während er die Tür wieder Zentimeter um Zentimeter aufzog, bis die Kette angespannt klirrte.

„Hier, das ist für Sie. Das haben Sie in der letzten Ziehung gewonnen. Darf ich reinkommen?“

Aber ich hab doch gar nicht gespielt letzte Woche, wollte Andreas Sander sagen. Doch aus irgendeinem ihm verborgen bleibenden Grund sagte er es nicht. Die alte Narbe an der rechten Schläfe, wo der Schuss damals eingedrungen war, pochte wieder. Oder bildete er sich das nur ein?

„Zehntausend Euro für Sie, Herr Sander. Sie müssen nur hier unterschreiben.“

„Moment bitte“, sagte er mit brüchiger Stimme. Er schob die Tür zu, zog die Sicherheitskette aus der Laufrinne und ließ den Fremden ein.

„Nur eine Formalität,“ sagte dieser. Er zählte zwanzig magentafarbe Banknoten in Andreas Sanders zitternde Hände, hielt ihm dann einen großen, rechteckigen Block hin, auf dem schon lange Reihen mit Namen, Adressen und Zahlen sowie in der ganz rechten Spalte je eine Unterschrift standen.

„Hier, bitte, ganz unten,“ sagte der Fremde, schraubte einen Füllfederhalter auf und hielt Andreas Sander auch diesen hin. „Wenn Sie bitte dort unterzeichnen würden.“

Die Feder glänzte golden, und als Sander den Schriftzug las, wusste er, von alten Erinnerungen bedrängt, plötzlich, dass dieses Schreibwerkzeug mindestens tausend Euro gekostet haben musste.

„Ein schöner Füller,“ sagte er anerkennend. „So einen hab ich auch einmal gehabt, damals, als ich …“ Er unterbrach sich wieder, presste die oberen Schneidezähne fest auf die Unterlippe. Was ging es diesen Fremden an, dass er früher einmal wertvolle Dinge gesammelt und eine Familie gehabt und – er schüttelte kurz den Kopf, als wollte er sich zur Ordnung rufen. „Darf ich Ihnen etwas anbieten? Einen Tee? Ich hab vorhin eine ganze Kanne gemacht, frisch aufgebrüht, ein Darjeeling.“

„Oh, gerne! Ich will Sie aber nicht lange aufhalten, wenn Sie gerade …“

„Oh, nein, ich habe nichts Besonderes vor. Schau nur fern.“ Sander machte rasch die paar Schritte quer durchs Zimmer und drehte den Apparat ganz aus. „Bitte, nehmen Sie doch Platz.“

Mit einer verlegenen Geste nahm er die abgeschabte Lederweste von der Lehne des zweiten Sessels, der auch schon seine beste Zeit hinter sich hatte.

„Bitte!“, wiederholte er. „Sie müssen entschuldigen, dass ich auf das Läuten vorhin erst so spät reagiert habe. Sie haben sicher lange klingeln müssen. Aber ich höre so schlecht und drehe deshalb die Lautstärke oft ein wenig zu laut auf. Tagsüber stört das hier niemanden. Ich hab mich extra erkundigt. Tagsüber bin ich hier fast allein im Häuserblock.“

Er wurde sich der Tatsache bewusst, dass er plötzlich Hochdeutsch sprach, wie früher, damals – dass er den Schutz des Dialekts aufgegeben hatte, den man in diesem Viertel so dringend benötigte, um nur ja nicht aufzufallen, um dazuzugehören drüben in der Pilskneipe …

„Ham S’ kei Hörgerät?“ Der Fremde setzte sich. Dann stand er abrupt wieder auf, machte eine kleine Verbeugung. „Ich hab mich gar net vorgstellt. Kleinert ist mein Name. Philip Kleinert. Entschuldigen S’ bitte.“

„Macht nichts.“ Sander holte eine zweite Teetasse und schenkte aus einer großen Pumpkanne ein. „Zucker, Süßstoff, Honig. Ich wechsle immer ab. Ein kleiner Luxus, den ich mir leiste: Honig in den Tee.“ Der einzige Luxus, dachte er verbittert, der einzige …

„Danke, ich nehme Süßstoff. Sonst krieg ich gleich Sodbrennen.“ Der Fremde lachte kurz auf, dann wurde er wieder ernst. „Jetzt kennen S’ Eana ja endli a Hörgrät leistn. Zahlt denn die Kasse nix?“

„Welche Kasse?“ Sander hob kurz die Schultern, ließ sie resigniert wieder fallen. Der Fremde gab sich zufrieden, spürte, dass er da besser nicht nachbohren sollte. Sander begann wie aus einem Reflex heraus die Scheine zu zählen, hielt aber verlegen inne, bevor er fertig war.

„Entschuldigen Sie, das soll kein Misstrauen sein. Aber das steckt gewissermaßen im Blut, wenn man das so viele Jahre gemacht hat.“

„I versteh.“

Sander goss sich ebenfalls einen Tee ein, nahm wie der Fremde eine Tablette Süßstoff und rührte eine Weile um.

„Wissen Sie …“ Er hielt wieder inne. Aber es musste heraus. „Sie müssen wissen, dass ich …“

„Ja?“ Der Fremde beugte sich ein wenig vor, so, als würde auch er schlecht hören.

„Also, das kann nicht stimmen, das mit dem Lottogewinn! Ich habe nämlich seit Wochen nicht mehr gespielt.“

„Dann ist es wohl eine Nachzahlung.“

„Nein!“ Sanders Stimme klang entschieden. Er schob das Geld, das von einer großen, kupferrot schimmernden Büroklammer zusammengehalten wurde, über den Tisch zu dem Fremden zurück. „Hier, Herr – wie war doch Ihr Name?“

„Kleinert, Philip Kleinert.“

„Ja, also Herr Kleinert, das ist nicht mein Geld. Es kann nicht mein Geld sein, denn ich habe seit mindestens einem halben Jahr nicht mehr gespielt.“ Ich kann es mir gar nicht leisten, wollte er hinzufügen, unterließ es aber. „Das muss wirklich ein Irrtum sein, Herr Kleinert.“

„Ein Irrtum? Ausgeschlossen. Hier auf der Liste: Ihr Name, die Adresse, die Summe, alles stimmt.“

Sander schüttelte den Kopf. „Nein,“ wiederholte er mit fester Stimme, „nein, ein Irrtum, kein Zweifel.“

Der Fremde trank, nicht ohne vorher vorsichtig über die heiße Flüssigkeit geblasen zu haben, um sie abzukühlen.

„A guada Tee”, sagte er dann.

Sander trank ebenfalls, schaute auf das Geld, schaute auf die Hände des Fremden mit der Tasse. Es waren eigenartig grobe Hände, wie die eines Arbeiters. Sander kannte sich da aus. Früher hatte er unzählige Hände studieren können, die Geld über den Schaltertresen schoben oder zogen. Er hatte es meistens vermieden, in die Gesichter zu schauen, hatte dies mit Diskretion erklärt, aber im Inneren gewusst, dass er einfach schüchtern war. Doch nun schaute er dem anderen ins Gesicht.

„Nein, Herr Kleinert, mein Geld ist das nicht. Und Sie sind, wenn ich recht vermute, nicht von der Lottozentrale.“

Jetzt verstand er mit einem Mal, was ihn von Anfang an irritiert hatte an diesem Kleinert. Der Anzug, der Mantel – beste Ware, wie neu, kaum getragen. Das passte ebenso wenig zu diesen abgearbeiteten Händen wie zu dieser rauen, etwas unbeholfenen Stimme, die sich anfangs Hochdeutsch gegeben hatte und nun im breiten Münchner Dialekt daherkam.

„Wie kommen S’ denn da drauf, Herr Sander?“

„Wer sind Sie, Herr Kleinert?“

Es dauerte eine Weile und einige Schluck Tee, bis der Fremde wieder zu sprechen anfing. „Sie ham recht, Herr Sander. I bin ned von der Lottozentrale. Aber es is trotzdem Eana Geld.“

„Wie das?“

„Der Mann vo da Lottozentrale war vor drei Wochen bei mir. Seit über zwanzig Jahren spui i und hab no nia net gwonna – aber vor drei Wochn hab i den Jäckpot knackt, mit über zwanzig Millionen, I ganz alloa hab die richtigen Zahln ghabt.“

Er kam ins Reden, erst stockend, sich immer wieder ins Hochdeutsche zwingend, dann immer fließender im Dialekt. Er habe keine Familie. Er habe lange gezögert, was er mit all dem vielen Geld machen solle. Er selbst brauche nicht viel, er sei Polier einer Baufirma und hätte seit vielen Jahren immer sein gutes Auskommen gehabt. Eine Woche nach der Mitteilung von seinem Gewinn hätte er einen Traum gehabt, der ihn sehr erschütterte. Er könne, nein, er wolle ihn nicht erzählen. Aber als er aus dem Traum aufgewacht sei, mitten in der Nacht, „da hab I gwusst, wos I mit dem Geld machn muss“. Anderen Menschen, die es nötiger hätten, eine Freude machen, das wolle er tun.

„Aber wie kamen Sie gerade auf mich? Wie komme ich auf diesen Zettel? Was ist das für eine Liste?“

„Es gibt einen Verein, der sich um die Opfer von Verbrechen kümmert. Sie, Herr Sander, Sie sind –“ Der Fremde stockte erneut. „Ich hab mir das Archiv zeign lassn, und i hab dene vom Verein gsagt, dass mir die Nama vo Menschn sang soin, dass mir wenn möglich die Adressen ausfindig machn soin vo Leit, die an Verbrechn zum Opfer gfalln san und dene garnet oder zu wenig gholfen worn is. Die ma vergessn hat. Und so bin i auf Eane kemma.“

Andreas Sander spürte ein Würgen in der Kehle. Er stand rasch auf, ging zum Fenster, starrte hinaus, hinunter zur Kneipe, hinüber zur Fassade der anderen Häuser, die grau und trist zurückstarrten.

„Ein Hörgerät … wieder richtig hören zu können, was geredet wird“ sagte er stockend, „das wär schon toll.“

„Do“, sagte Kleinert, schob das Geldbündel wieder auf Sanders Seite, „nehmen S’ es – bittschön!“

Und Sander nickte, ganz langsam, mehrere Male, wobei er sich mit dem Ärmel seines Hemdes über die Augen wischte. Ja, dachte er, ich glaube, es steht mir zu.

Kleinert schaute verlegen weg. Dann räusperte er sich. „I muss Eana jetzt no was beichtn.“ Er griff in die Innentasche seines Sakkos, holte einen dicken Briefumschlag heraus und schob ihn langsam zu Sander hinüber. „Do – des ghert Eana a no.“

„Wie bitte?“

„Jetzt nehman S’ es scho!“

Andreas Sander schaute Philip Kleinert irritiert an, nahm den Umschlag in die rechte Hand, ließ ihn langsam wieder auf die Tischplatte sinken.

„Machn S’ des Kuver halt auf!“

Mechanisch öffnete Sander den Umschlag, zog den Packen Geldscheine heraus.

„Aber das sind doch mindestens dreißig Fünfhunderter!“

„Vierzig, Herr Sander. Die ghörn Eana a no. Und dann hab i da a no a Konto für Eana eigricht, vo dem wern Eana jedn Monat tausend Euro überwiesn, und wenns amal net glanga dat, wenn S’ mehra brauchn solltn, für an Urlaub oder a Reha oder sonst was – machn S’ Eana da koane Gedankn!“

„Wie bitte?“

Kleinert schnaufte tief durch und begann dann mit stockender, belegter Stimme zu erzählen: „Also damals, in dera Bank, wo Sie hinterm Schalter – also, der Bandit mit der schwarzen Wollmaske, den’s nia net derwischt ham – des war i. Und jetzt muss endli außa, die Wahrheit. Sonst kann i nimmer lebn. Des ganze Geld, die zwanzig Millionen – i halt des nimmer aus. Jede Nacht fast, seit damals – I schreck ausm Schlaf auf, I siech Eana Kopf, Eana Gsicht – des ganze Bluad. I hab des net woll’n – i war so in Panik – mei Hand hat gschossn – also, des war net i – I hab’s wirkli net wolln.“ Er hielt einen Augenblick inne, bevor es wieder aus ihm heraussprudelte. „„Nehman S’ des Geld bittschön – und mit mir kennan S’ jetzt machn was woin. Gehn S’ von mir aus zur Polizei. I woas, dass ma sowas net mit Geld zruckkafa ko, a gsunds Lem, net mit dem ganzn Lottogewinn, net mit sämtliche Millionen. Des war – des is für mi wie a Gschenk vom Himmi gwen, dass i´s zruckzahln ko, dass i’s a wengerl wenigstens guatmachn ko, was i damals angricht hab. Und eigentlich g´herat’s Eana ganz – der ganze Lottogwinn, der verdammte himmlische.“

Sanders atmete tief durch. Er schaute links an dem Fremden vorbei auf die gegenüberliegende Wand seines winzigen Wohnschlafzimmers. Die könnte auch mal wieder einen Anstrich vertragen, dachte er, diese Wand. Wäre nicht schlecht.

Dann schloss er die Augen. „Ich muss über Ihr Angebot nachdenken“, sagte er leise. „Geben Sie mir einen Tag Zeit. Wie kann ich Sie erreichen?“

Kleinert nickte erleichtert. „Da ham S’ mei Telefonnummer – auf dera Visitnkartn.“ Er reichte Sander das kleine weiße Kärtchen, das er offenbar die ganze Zeit schon in der Hand gehalten hatte.

Zögernd nahm Sander es entgegen.

Dein Gesicht sieht jetzt nicht mehr so grau und verspannt aus – dass mir das vorhin nicht aufgefallen ist. Irgendwie jünger bist du, viel jünger. Wenn du jetzt noch eine schwarze Wollmütze – wie würde das aussehen? Was mach ich mit dem vielen Geld? Ich werde jeden Abend ins Pilsstüberl hinübergehen – ich werde die anderen einladen, jeden Abend werde ich sie einladen und mit ihnen trinken, und die Kopfschmerzen werden wieder heftiger werden, und ich werde dann jeden Morgen schon ins Pilsstüberl hinübergehen, gleich wenn sie öffnen, so gegen neun  …

„Nein, ich kann Ihr Angebot nicht annehmen“, sagte er leise.

„Sie kennan sich des doch in aller Ruh überlegen – i gib Eana so vui Zeit wie S’ woin.“

Jetzt bettelst du – aber ich lass mich nicht anwinseln, nein, ich nicht.

„Nein, ich bin mir jetzt ganz sicher, dass ich sie nicht möchte, Ihre Millionen.“

„Aber …“

„Nein.“

Kleinert sackte sichtlich zusammen. Er sah wieder grau und alt aus. Langsam, wie in Zeitlupe, langte er in seine Tasche. „So vui Jahr hob ich des mit mir rumgschleppt, die Schuld – I mecht doch nur wieder gutmachn …“

„Da ist nichts zum Gutmachen. Geschehen ist geschehen. Mein Leben ist …“ Sander verharrte mit offenem Mund und schaute an dem anderen vorbei auf die gegenüberliegende Wand. Er versuchte sich zu erinnern. Aber da war nichts. Nur Grau.

Kleinert legte auf die abgeschabte Tischplatte, was er aus seiner Armani-Jacke geholt hatte. Es war eine Pistole. „Jetzt muss alles  raus …“, sagte er tonlos.

Sander schreckte auf. „Ist das die, mit der …“

Kleinert nickte wortlos. „I hab’s all die Jahr bei mir tragn.“

„Und was soll ich jetzt damit? Als Souvenir behalten? Packen Sie das Ding wieder ein.  Und gehn Sie. Lassen Sie mir meine Ruhe.“

Kleinert nahm die Pistole wieder an sich, steckte sie zurück in die Innentasche seines feinen Anzugs. „Wirkli net?“

„Nein, wirklich nicht.“

Kleinert stand unbeholfen auf, so steif, als sei er aus Holz oder Metall.

„Nehmen Sie das auch mit“, sagte Sander und schob erst den Umschlag mit den 40 000, dann das von der großen kupfernen Büroklammer zusammengehaltene Bündel der 10 000 Euro über den Tisch. Kleinert steckte in Zeitlupe auch das Geld ein. Und ebenso die Visitenkarte, die Sander ihm als letztes wieder über den Tisch zuschob.

Noch einmal öffnete Kleinert den Mund, um etwas zu fragen, unterließ es dann aber. Er gab sich einen Ruck, und ohne noch einmal zurückzuschauen, ging er. Sander erwartete, dass die Tür laut oder wenigstens hörbar zuschlagen würde. Aber es war kein Ton zu hören. Die Schwerhörigkeit, dachte Andreas Sander, ja, das wird es sein – die Schwerhörigkeit. Doch den Schuss im Treppenhaus, den einen grauenvollen Schuss – den hörte er laut unbd deutlich.

Quelle:
Scheidt, Jürgen vom: „Der Mann von der Lottozentrale“. (Story geschrieben: 15. Aug 1997 – erstmals veröffentlich in der Anthologie:
ders. (Autor und Hrsg.): Blues für Fagott und Zersägte Jungfrau. München 2005 (Allitera).
Hier im Blog veröffentlicht: 02. Feb 2021.

066 _ #0411 / 2021-02-02/13:04 (1997-08-15)

Hinterlasse einen Kommentar