Begegnung mit der Wirtschaft

Ich hatte gerade meinen vorangehenden Beitrag Begegnung mit brand eins in den PC getippt, als mir noch ein anderes „Vorbild“ aus der Wirtschaft einfiel, das mich sehr geprägt hat, obwohl ich es ja selbst erschaffen habe: Die Hauptfigur „Tes Dayen“ in meinem zweiten Roman Sternvogel. Ich definierte ihn als den „intelligentesten Menschen auf dem Planeten Erde mit einem IQ von 184“. Nur so jemand konnte Direktor der „Interstellaren Handelsgesellschaft“ werden. Als ich den Roman 1959 schrieb, hatte ich keine Ahnung, was ein IQ wirklich ist und was Hoch- oder gar geniale Höchstbegabung sein könnte – das erarbeitete ich mir erst 40 Jahre später bei den Recherchen zu meinem Sachbuch Das Drama der Hochbegabten.
Vermutlich war mir damals nicht bewusst, dass das wahre Vorbild für meinen Helden – zumindest was den Titel „Direktor“ anging – im Zimmer nebenan saß und auf derselben kleinen Reiseschreibmaschine Marke Erika seinen Reisebericht tippte, die ich auch für meinen Roman benützte: Mein Vater. Nach langen Jahren als kleiner Handelsreisender hatte man ihn 1956 zum „Reisedirektor“ befördert, der für die Betreuung der anderen Vertreter der Firma Pott Rum in Flensburg im Süddeutschen Raum zuständig war. Diese Beförderung setzte den Umzug von der gemütlichen Kleinstadt Rehau im Fichtelgebirge nach München in die quirlige Großstadt voraus – die größte Veränderung in meinem Leben überhaupt (und natürlich im Leben der ganzen Familie). Veränderungen, die ich im Roman in großartige Flüge auf fremde Planeten umgestaltet habe.
Und nur so nebenbei: War ich in den 60er Jahren nicht auch Handelsvertreter gewesen – erst für die IOS – mit zeitweilig sechs Trainees, die für mich arbeiteten in diesem großartigen Hard-Selling-Sklavenausbeuter-System der IOS – und anschließend noch eine Weile zusammen mit meinem Cousin Julius „Uli“ vom Scheidt (der einige Jahre danach dem Schah von Persien Hubschrauber von MBB verkauft hat)?
Musste ich nicht als Schriftsteller den Verlagen meine Bücher „verkaufen“ (oder dem Bayrischen Rundfunk meine Features und Serien) – und heute noch mit meinem Newsletter Icaros (und hoffentlich auch diesem Blog) den Teilnehmern meine Seminare? Bin ich nicht mein Leben lang Geschäftsreisender gewesen, auf die eine oder andere Art – und bin es wohl mein Leben lang?

Unbewusste Delegation von Berufswünschen an die Nachkommen

Solche Zusammenhänge waren mir lange nicht bewusst und sind mir eigentlich erst jetzt beim Schreiben dieser beiden Blog-Beiträge klar geworden. Man nennt solche (meist völlig unbewussten) Weitergaben von Berufen oder auch nur verdeckten Berufswünschen in der Tiefenpsychologie „Delegation“.
Ein weiteres eigenes Beispiel: Mein Vater wollte als junger Mann Rundfunksprecher werden. Das hat – schon wegen des Soldatenlebens im Krieg – nie geklappt. Als ich im Bayrischen Rundfunk meine ersten Texte selbst zu sprechen begann, habe ich diesen Zusammenhang einer unbewussten Delegation überhaupt nicht gesehen.
Ich habe mich schon als Jugendlicher sehr für Computer interessiert und mein zweiter Berufstraum war (nach Weltraumfahrer) „Robotpsychologe“ zu werden – das hatte mich in Isaac Asimovs Ich der Robot schon 1956 so fasziniert, wo eine „Dr. Susan Calvin, Robotpsychologin“ die Hauptfigur in der Rahmenhandlung der berühmten Roboter-Geschichten ist. Als es dann soweit war, nach dem Abitur ein Studium zu wählen, gab es so einen Studiengang* überhaupt noch nicht. Deshalb habe ich den „Robot“ weggelassen und (nach einigen Umwegen) die Psychologie gewählt. Aber wer hat Physik studiert und Informatik und eine Software-Firma gegründet? Mein ältester Sohn Gregor.
Ich habe mich als Student auch viel beim Film herumgetrieben, einmal sogar als Regieassistent und öfter als Statist gejobbt – und ich habe gerne fotografiert. Aber wer machte Filmregisseur und Fotograf zum richtigen Beruf? Mein zweiter Sohn Maurus.

* Im Herbst 2020 sah ich mal zufällig (!) im TV ein Interview mit einer Frau, die in Linz lehrt und als deren Beruf wörtlich „Robotpsychologin“ angegeben wurde. Ich hab das ggoogelt und fand tatsächlich: „Martina Mara (* 1981 in Linz oder St. Martin, Traun) ist eine österreichische Medienpsychologin. Seit April 2018 ist sie Professorin für Roboterpsychologie am Linz Institute of Technology (LIT) der Johannes Kepler Universität Linz“.
Na bitte. Man muss also nur lange genug warten. Aber bei all meinem Interesse für Kybernetik und Computer – für so einen Beruf, der Mathematik und Informatik verlangt, wäre ich nicht geeignet gewesen.

Aliens suchen „Ersten Kontakt“ in brand eins

Zurück zu brand eins. Vernetzung ist wohl überhaupt das Stichwort, was die Zeitschrift brand eins am besten charakterisiert – und die dort stets weit für die Zukunft offenen Augen und Ohren der Autoren, die einem SF-Freund wie mir gleich aufgefallen sind. Worum so ein interessantes Medium nicht selbst zum Thema machen? Es hat mir diebischen Spaß gemacht, das Magazin nicht nur in eine meiner neuen Kurzgeschichten „einzubauen“ – sondern auch gleich noch im Mai-Heft von 2020 eine Anzeige zu schalten, welche in der Story vorkommt – und tatsächlich in brand eins erschienen ist.
Die Geschichte heißt „Erster Kontakt“ und wird demnächst Teil einer Anthologie sein, die Jörg Weigand herausgibt. Das Besondere an dieser Geschichtensammlung ist, dass uns teilnehmenden Autoren eine umfangreiche Galerie des Malers Rainer Schorm angeboten wurde, aus deren utopischen Themen man eines aussuchen und um das man eine Story erfinden sollte.

Die Seite mit den etwas größeren Text-Anzeigen in brand eins – hier vom Mai 2020

Die Szene in meiner Kurzgeschichte liest sich so:

Mischa Schröder fühlte sich plötzlich sehr elend. Er hatte zu viel von dem Konfekt gegessen, das die Fremden ihm angeboten hatten, genauer: Das sie mit ihm geteilt hatten. Denn eigentlich war es ja sein Geschenk, um das sie gebeten hatten:
„Bringen Sie etwas mit, ein kleines Geschenk nach ihrem Geschmack“, hatte es in der E-Mail geheißen, die sie ihm sofort schicken, nachdem er auf die kleine Anzeige im Wirtschaftsmagazin 
brand eins reagiert hatte:
Außerirdische suchen ersten Kontakt mit Erdenmenschen. Bitte schicken Sie Ihre Antwort an …“
Ja, genau so hatte es im hinteren Teil des Wirtschaftsmagazins geheißen, dass er gerne las. Er las sonst nie Anzeigen, aber in dieser Zeitschrift waren sie immer recht originell und berührten Themen, die ihn interessierten. So war es mit dem Generalthema der aktuellen Ausgabe des Magazins gewesen: 
Das Fremde und die Fremden. Und dann, passgenau, dieses Inserat. Er hatte das gute Dutzend Artikel vorne im Heft mit großem Interesse, ja geradezu mit Begeisterung studiert, weil er in der Jugend ein Fan von utopischen Erzählungen gewesen war. Allerdings hatte er dann im Laufe seines Berufslebens zunehmend das Interesse an Science-Fiction verloren. Nun war es wieder geweckt worden, auch wenn sich nur wenige der Beiträge im aktuellen Heft mit utopischen Themen befassten wie Digitalisierung und Roboter und KI und Raumfahrt als Wirtschaftsfaktor und Pro und contra Atomenergie im Zeichen des Klimawandels. Die meisten Texte im Heft handelten von sehr irdischen Belangen – wie es in modernen Firmen zuging, oder zugehen sollte, in Startup-Unternehmen und Konzernen, aber auch bei kleinen Leuten wie ihm, solche mikroökonomischen Beiträge las er besonders gern – Wirtschaftsthemen halt, gut recherchiert, lesbar geschrieben, unterhaltsam, informativ und sinnvoll miteinander vernetzt.
Als er dann umgehend den Termin für ein Erstgespräch genannt bekam, war er schon sehr aufgeregt gewesen, wenn auch zweifelnd, schließlich verstand er sich als skeptischen Menschen. War alles nur ein dummer Scherz? Ein Gag, um die Intelligenz (Dummheit?), Aufmerksamkeit der Leser zu testen? Oder vielleicht, wie man sie zu Reaktionen verführen konnte?

Wer die komplette Story lesen will, muss sich noch ein wenig gedulden. Die Anthologie von Jörg Weigand und Rainer Schorm ist gerade in der Pipeline des Verlags und erscheint im Frühjahr.

MultiChronalia
Da ist eine Menge an eigenen Lebensschichten drin – von 1956 (Umzug nach München) über den zweiten Roman (geschrieben 1959), der Nebenerwerbsarbeit für die IOS (1964-1968), der Tätigkeit als freischaffender Journalist im Nebenberuf für den Selecta-Verlag (1965 bis 1968) und – indirekt – dem Umzug von der Seestraße (1982 bis 2011) in die Winzererstraße (ab August 2011). Plus ab 2013 bis heute die Lektüre von brand eins – und nebenbei auch noch meine Schreib-Seminare (1979 bis heute).
Dazu meine Ausflüge in die Welt des Films und des Rundfunks.
Was hält das alles „multichronal“ zusammen? Es ist wohl das Schreiben (und Lesen) als Lebenselixier.

Quellen
Fischer, Eva (Chefredakteurin): brand eins. Hamburg – erscheint monatlich. ca. 100 Seiten – 10,00 €.
Scheidt, Jürgen vom: Sternvogel. Menden 1962 (Bewin).
ders: „Altersversorgung durch Dach-Fonds“. In: Praxis-Kurier vom 12. Mai 1965, S. 12.
ders.: „Erster Kontakt“. In Weigand, Jörg 2021.
Weigand, Jörg (Hrsg.) und Schorm, Rainer (Illustrationen): [Titel noch nicht bekannt – wird nachgeliefert]. Geschichten zu Bildern von Rainer Schorm. Winnert 2021 (AndroSF 13?) (p.machinery Michael Haitel) .

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