_Abschied von Utopia (Story)

(Zu Vorgeschichte und Hintergrund dieser Erzählung finden Sie Details im vorangehenden Beitrag: Zum Geleit: Abschied von Utopia )

Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr…“ 

München , den 23. März 1986

Lieber Ferry,
Es wird dich wundern, nach so langer Zeit von mir zu hören. Aber der Anlass ist es wohl wert, dass ich Dir schreibe. 
   Du weißt ja, dass ich ein Skeptiker bin, was die „jenseitigen Dinge“ angeht, also Dein ureigenstes Metier. Wenn ich einen Toten sehe (gelegentlich bleibt einem das ja nicht erspart), dann denke ich spontan an Würmer, die schon hungrig in der Erde warten . Und zwar auf MICH. Und wer denkt schon gerne an so was. 
   Mit einem „Weiterleben nach dem Tod“ (wie immer das aussehen könnte) habe ich mich bisher nicht anfreunden können. Das hat sich zwar (ich nehme an, zu Deinem Leidwesen)  noch immer nicht grundlegend geändert – es ist jedoch allerlei vorgefallen, bis hinauf in höchste politische Ebenen, was mich in jüngster Zeit immer häufiger an meinen Zweifeln – zweifeln lässt! Anliegend findest du einige Schriftstücke, sowie die Kopie einer Tonbandcassette. Nach deren Studium – um das ich Dich herzlich bitte – wirst Du meinen Gesinnungswandel etwas besser begreifen. Und Du wirst insbesondere begreifen, weshalb ich aus diesem ungewöhnlichen Anlass gerade die frühere Freundschaft mit Dir auffrischen möchte. 
   Du als Theologe am Sitz des Kardinals solltest einerseits – kraft Deines Amtes – den nötigen theoretischen (vielleicht auch praktischen?) Hintergrund der angesprochenen Themen kennen, oder diesen zumindest verstehen. Als Freund aus Schulzeiten solltest  Du darüber hinaus, das wünsche ich mir jedenfalls, Verständnis für mein Verhalten zeigen: Auch ich trage mich mit der ernsthaften Absicht, den Tunnel aufzusuchen und zu durchqueren – so oder so (s. den ersten Bericht, der etwas irreführend,  wie Du bald erkennen wirst, den Titel „Abschied von Utopia“ trägt)! 
   Dieses Unternehmen wird in meiner Familie begreiflicherweise einige Unruhe, ja Verwirrung, wenn nicht sogar Verzweiflung hervorrufen. Tatsache ist jedoch, dass diese Familie – leider – nur noch als Fassade existiert und deshalb mein Verschwinden (?) kaum ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen wird; jedenfalls nicht auf Dauer. 
   Dennoch bitte ich Dich um den Freundschaftsdienst, meine Frau und meine Kinder schonend mit meinem Verhalten (das Dir nach dem Studium der Anlagen, wie gesagt, klar geworden sein dürfte) vertraut zu machen. –   
(Bitte entschuldige meinen Briefstil – aber ich bin, während ich dies schreibe, so aufgeregt, dass ich kaum den Stift übers Papier führen kann – wie Du ja auch an meiner krakeligen Schrift deutlich sehen wirst.) –
     Ich hoffe nur  zu Gott (wenn es ihn geben sollte – und auch in dieser Hinsicht sind, was Dich vielleicht freuen wird, meine skeptischen Ansichten kräftig ins Wanken geraten), dass wenigstens Du Dich von  diesem Wahnsinn nicht auch noch anstecken lässt! Noch ist es nicht zu den Massenmedien durchgesickert, was hier in unserem geliebten Land der Bayern passiert. Aber irgendwann wird es sich nicht mehr verheimlichen lassen, dass sogar unser Herr Ministerpräsident, der sich sonst ja durch kaum etwas aus der Fassung bringen lässt  
   – aber lies selbst.

Wahrscheinlich hast Du, und zwar über unsere gemeinsamen Freunde, mitbekommen, dass ich Psychologie studierte, dieses Studium auch mit einem recht ordentlichen Examen abschloss und inzwischen einen ganz netten Job als Fachreferent für Politische Psychologie bei der „richtigen“ Partei habe. Aber der Hintern wird, um es drastisch zu sagen, langsam fett vom vielen Herumsitzen und die Augen trüb vom ständigen Lesen – ganz zu schweigen von meinem Gehirn, das auszutrocknen beginnt und sich nach der Frische neuer Erfahrungen sehnt. 
    Als ich neulich meinen „psychologischen Senf“ beizusteuern wagte, nachdem bekannt geworden war, dass unser Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt wohl nicht von ungefähr die Kontrolle über sein Auto verloren und einen Unfall mit  Mordssachschaden gebaut habe – gerade nachdem er einen Tag zuvor erfahren musste, dass die Wähler seine bisherige Amtsführung keineswegs honorierten – da ist mein Stuhl allerdings ziemlich ins Wackeln geraten… 
   Doch nur für einen kurzen Augenblick. Was ist sowas aber schon, verglichen mit dem, was am anderen Ende des Tunnels auf uns wartet… 
   Aber untersteh Dich, und komm selbst auf seltsame Ideen! 
Du wirst hier gebraucht!
   Es grüßt Dich ganz herzlich (und vielleicht zum letzten Mal) 
Dein alter Kumpel Jens Tobler 

PS: Falls es Dich interessieren sollte, wie das Material in meine Hände geraten ist: Ich bin, wie gesagt, Fachreferent für Politische Psychologie, halte zu diesem Thema an der hiesigen Bundeswehrhochschule Vorlesungen und sitze ansonsten in der Parteizentrale. In erster Linie ist bzw. war es meine Aufgabe, „Feind“material auszuwerten und entsprechende Gegenstrategien für Wahlbroschüren und das jeweilige Parteiprogramm auszuarbeiten. (Dass die Großkopferten es dann immer besser wissen als der g’studierte Psychoheini, das steht auf einem anderen Blatt – nur sollten sie sich dann nicht jedesmal darüber wundern, wenn etwas in die Hose geht… Doch das nur als Randbemerkung, damit Du meinen Frust noch etwas besser verstehst). 
   Eine Mitarbeiterin der Hochschule, die mich etwas anhimmelt, hat mir von einem geheimnisvollen Projekt erzählt, über dem Militär und Polizei brüten und das sie (als zuständige Sekretärin) unter „top secret“-Auflagen betreute. Sie hielt das Ganze jedoch  für eine Sache, mit der sich besser „die Psychologen befassen“ sollten. (Sie ist eine von diesen erstaunlichen Frauen, die die Chance der Emanzipation voll nützen, wie Du siehst.) Und sie vertraute sich mir deshalb an. 
Was sonst noch zwischen uns beiden lief, kann Deinen gestrengen theologischen Augen wurscht sein. Jedenfalls kam ich so an das Material, welches Du in der Anlage findest. 
Hüte es gut (oder vernichte es – ganz wie Du es für richtig hältst). 
   Ich meinerseits werde, ehe ich meine Konsequenzen ziehe, noch etwas total Verrücktes machen: Ich werde es zu einer Science-Fiction-Story verarbeiten und über meine alten Verbindungen zu Wolfgang oder Thomas in die richtigen Kanäle leiten. So wird es wenigstens in irgendeiner Form publiziert – und keiner glaubt es. Bis die Bombe platzt. Denn wie lange, meinst du, kann man es wohl verheimlichen, dass der bayerische Ministerpräsident unauffindbar ist – aber Näheres dazu s. unten. 

 PPS: Du siehst an diesem zweiten Postscriptum, dass ich derzeit wirklich ziemlich konfus bin. Bitte zahle doch die ebenfalls beigelegte Summe von 30 000 Mark in bar auf deinem privaten Bankkonto ein. Es sind keine Oetker-Riesen aus der damaligen Entführungsaffaire darunter, dessen habe ich mich vergewissert, obgleich sowas recht gut zu dem Ganzen passen würde… 
   Es ist dies die Hälfte meiner Ersparnisse; die andere Hälfte habe ich meiner einstmals „besseren Hälfte“ hinterlassen. 
Wir wollten von dem Geld ein Haus anbezahlen. Aber ich brauche, ehrlich gesagt, ein Haus wie ein Loch im Kopf. Unsere Familie wäre, über kurz oder lang, ohnehin auseinandergefallen. Also – was soll’s. Vielleicht kreuze ich irgendwann bei Dir auf und brauche dann was von dem Geld. Vielleicht auch nicht. Dann kannst Du damit machen, was Du willst – sagen wir, so nach drei Jahren, oder besser: nach fünf. Und jetzt will ich Deine Neugier, die ich hoffentlich gebührend angefacht habe, nicht länger zügeln. Tol et lege, wie der Lateiner sagt, zu Deutsch (vielleicht bist Du ja einer von diesen „modernen“ Priestern geworden, die ihr Latein vergessen haben): Nimm und lies… 

    Anlagen:   
1 Tonband-Cassette „Stefan Bergmann: Abschied von Utopia“,   
1 Abschrift von selbiger, (Xerokopie),   
1 Brief „Abelamm, Untersuchungsrichter“ (X.kopie),  
1 Brief „Keinsburger, Kriminalinspektor“ (X.kopie),   
1 Notiz „Zacharias,  Polizeipräsident“ (Gedächtnisprotokoll),
1 Notiz „Haslacher, Ministerialdirigent“ (Ged.protokoll),   
1 Anmerkung „F. J. I., Ministerpräsident“ (nach einem Ged. protokoll),      
1 Abbildung „Vase aus Bronze“ – 12.000 Jahre alt (???)       

 <Abschrift Cassette St. Bergmann, Überschrift von demselben> 

 Abschied von Utopia 

 Ich weiß, alle Verdachtsmomente sprechen gegen mich, Stefan Bergmann. Fünf Mädchen und sieben Jungen im Alter zwischen dreizehn und fünfzehn sind spurlos verschwunden. Und sie wurden zuletzt in Umgebung gesichtet. Daran gibt es keine Zweifel. Sie haben mich oft besucht, am 14. August des vergangenen Jahres das Letze Mal. Ich kann mich noch genau erinnern, der Tag war etwas föhnig, nicht zu heiß, weil ein frisches Lüftchen vom Gebirge her wehte… 
    Aber da ich diese Cassette für Sie, Herr Untersuchungsrichter, bespreche, möchte ich von vorne anfangen. 
   Trotzdem verzeihen Sie mir, wenn ich rasch noch einen kleinen Blick in die Zukunft werfe. Das, was ich Ihnen im Folgenden zu sagen habe, wird einige Konsequenzen nach sich ziehen. So sehe ich zum Beispiel einen Militär- oder Polizeiarzt, der bei der Musterung eine Reihe von jungen Männern aussondert, die sich zu früh freuen werden – sie sind nämlich zu klein gewachsen, um den üblichen Anforderungen des Militärs oder der Polizei zu genügen – aber sie sind goldrichtig für die Aufgaben, die der Herr Innenminister ihnen ganz sicher zugedenken wird. Ihre Größe dürfte etwa der meiner Jugendlichen entsprechen. 
   Auch für einige Fachleute des internationalen Rechts, dann natürlich für die Generalversammlung der Vereinten Nationen werden aufregende Zeiten anbrechen. Die NASA wird wieder mal einen Schwung ihrer Leute entlassen – vielleicht kann man sie dann bei uns an passender Stelle einsetzten… 
   Aber ich schweife zu sehr ab in die Zukunft, Euer Ehren (so sagt man doch vor Gericht, Herr Richter, oder?). 
Wissen Sie, wenn ich nicht älter und größer geworden wäre, hätten sich diese Dinge noch ganz anders entwickelt. Wie oft habe ich mir damals, als meine Schultern und vor allem meine Beckenknochen zu breit wurden, gewünscht, klein wie ein Liliputaner zu bleiben, nicht weiter zu wachsen. Das war damals, vor einem Vierteljahrhundert, als ich mich gerade noch zur anderen Seite des Loches durchzwängen konnte. 
   Ja, kommen wir zur Sache. Bitte, werden Sie nicht ungeduldig mit mir, Herr Richter, denn da kommt viel neue Arbeit auf Sie zu, das ganze Verfahren muss noch einmal aufgerollt werden. 
Der einzige und Haupangeklagte wird geständig! Und er wird deshalb geständig, weil er spürt, wie sich die Schlingen der Justiz immer enger und unausweichlicher um seinen Hals zusammenziehen. Weil zwölf Jungen und Mädchen spurlos verschwunden sind – die man zum letzten Mal auf meinem Grundstück beobachtet hat! 
   Zu dumm, nicht wahr, dass ausgerechnet der Lehrer und der Pfarrer unserer Gemeinde auf ihrem Nachmittagsspaziergang bei meinem Anwesen vorbeikamen. Sie sahen Freddy und Uschi und Klaus und Tommy, und wie sie alle heißen, zu meiner Tür hereinspazieren, mit  meinem Schäferhund scherzen. Und seitdem sind sie ja nie wieder aufgetaucht. Der Schäferhund übrigens auch nicht, was im Untersuchungsprotokoll eigenartigerweise nicht vermerkt wurde. 
   Wie gern ich mit den Kindern gegangen wäre! All dieser Ärger in den folgenden Monaten, als sich die Verdachtsmomente immer mehr verdichteten und man allmählich in mir den unheimlichen Schlächter sah, dem man schließlich alle rätselhaften Todesfälle und alle vermissten Jugendlichen Europas und des gesamten Jahrhunderts anhängte… 
   Dabei bin ich selbst erst 1930 geboren worden. Und 1940, als diese Tiefflieger unser Dorf zwischen München und den Bergen überflogen, um nur wenige Minuten später ihre schreckliche Last über der brennenden und rauchenden Großstadt abzuwerfen, da bin ich in meiner Panik vor dem unheimlichen Lärm und der drohenden Gefahr kopfüber in jene kleine Höhle gesprungen, hinter der das Paradies beginnt… 

   Ja, Sie haben richtig verstanden, Herr Untersuchungsrichter. 
Es gibt das Paradies. Und ich habe es entdeckt. Und es ist vom Untersuchungsgefängnis, in das Sie mich seit Monaten eingesperrt haben, keine fünfzig Kilometer entfernt. Aber Sie werden es genauso wenig betreten wie ich. Leider. Ich bin immerhin schon drin gewesen, damals im Kriegsjahr ’40 zum ersten Mal. Und dann immer wieder. In jeder freien Minute. Bis ich eines Tages zu meinem Entsetzen bemerkte, dass ich mir beim Durchkriechen die Haut an Schultern und Hüftknochen abschabte. Weil ich inzwischen vierzehn war und doch ganz schön gewachsen in den vier Jahren, seit ich zum ersten Mal voller Angst aus der Kriegshölle ins Paradies tauchte. 
   Na ja, so schlimm war`s auch wieder nicht mit dem Krieg in unserem Dorf. Da waren diese Tiefflieger. Da war das Brandrot in der Stadt drin, das man nachts bei klarem Himmel deutlich sah. Da waren die Väter, die irgendwo an einer der vielen Fronten kämpften, meiner auch dabei. Da war die Angst der Mütter…
   Aber eigentlich ging es uns im Dorf doch ganz gut. 
   Nun gut, ich wollte Ihnen ja vom Paradies erzählen, und nicht von der Hölle. Stellen Sie sich am Rand von Kartoffeläckern ein kleines Wäldchen vor. Inzwischen ist es eingezäunt und in meinem Besitz übergegangen. Ich habe ein kleines Häuschen auf diesem Grundstück gebaut. Aber damals war dieses Wäldchen jedermann zugänglich. Vielleicht war die sumpfige Umgebung schuld daran, dass niemand zuvor diese kleine Höhle entdeckt hat. Vielleicht waren alle, die vor mir dort reingekrochen sind, einfach zu alt und damit zu kräftig von Statur, so dass sie gar nicht auf die Idee kamen, ganz durchzukriechen zur anderen Seite – ich jedenfalls, diese furchtbar lärmenden Höllenmaschinen über mir, erfüllt von sämtlichen Ängsten, deren ein Zehnjähriger fähig ist, ich machte einen mächtigen Satz und zog mich mit den Händen, schob nach mit den Beinen – bis ich einen Augenblick lang glaubte, am Ende angekommen zu sein. 
   Und da sah ich das Licht. Keine drei Meter von mir entfernt. 
Wahrscheinlich  war ich einfach erfüllt von dem Drang, möglichst weit von diesen Flugzeugen und all dem, wofür sie standen, wegzukommen, und kroch deshalb immer weiter. Bis ich Drüben war. Allerdings erschrak ich dort ein weiteres Mal, und deshalb machte ich, kaum dass ich mich auf der anderen Seite aufgerichtet hatte, schleunigst wieder kehrt. 
   Mir war einfach unheimlich geworden: Wie kann denn mitten am Tag die Sonne untergehen!! 
   In der Tat war mir unheimlich, und es wäre wohl auch Ihnen unheimlich gewesen, Euer Ehren, war es doch keine zwei Minuten zuvor noch helllichter Tag! Ziemlich genau zwölf Uhr mittags war es, ich habe die Glocken läuten hören, habe neugierig ihre Schläge mitgezählt. Denn an dem Tag schwänzte ich die Schule, weil das Wetter so herrlich war, und ich wollte doch ungefähr wissen, wann ich mich auf den Heimweg machen musste. Denn meine Mutter kochte gut und das leckere Essen, das sie auch in der „schlechten Zeit“ (wie man das damals heimlich nannte) auf den Tisch zauberte, wollte ich mir nicht entgehen lassen. 
   Aber dann löschten die Sirenen, die erneut Bomberschwärme ankündigten, die Glockenschläge aus, etwa so, wie der Lehrer an der Tafel etwas Geschriebenes auslöscht. 
   Ja, so bin ich also in dieses Loch und hindurch geraten. Sie können sich mein Erstaunen ausmalen, ich hoffe es jedenfalls, Herr Richter, über das, was ich in den folgenden Tagen auf der anderen Seite entdeckte. Meine Expeditionen wurden immer kühner und ausgedehnter. Ein Zehnjähriger kann da recht ausdauernd sein, wenn er mal was richtig will. Ich las damals mit Begeisterung solche Abenteuerheftchen, die ich auf dem Dachboden meines Großvaters entdeckt hatte. Sie spielten zum Teil in der Zukunft und auf fremden Planetenwelten. Da las ich dann auch zum ersten Mal das Wort „Utopia“. Und da mir das Wort  so gut gefiel – es bedeutet übrigens, wie ich inzwischen weiß, soviel wie „Land Nirgendwo“ – nannte ich die Welt, die ich jenseits der kleinen Höhle im Sumpf am  Wäldchen neben den Kartoffeläckern entdeckt hatte, ebenfalls: Utopia. 
    Aber eines Tages musste ich Abschied nehmen von Utopia. 
   Sie müssen wissen, dass das Loch, das von unserer Welt in die andere, nach Nirgendwo Utopia führt, eng ist, verdammt eng. Ein gerade zehnjähriger Bursche kommt da noch ohne Schwierigkeiten durch, auch ein Elf- oder Zwölfjähriger vielleicht noch, ab dreizehn, vierzehn kann es bei manchen schon schwierig werden, und  mit fünfzehn ist auf jeden Fall Schluss. Bei den Mädchen, die ja meist breitere Hüften haben, kommt die Krise noch früher. Dagmar hat geheult, als sie feststellte, dass sie es bald nicht mehr schaffen würde. Und sie war deshalb die erste der Gruppe, die sich entschied, drüben zu bleiben. 
   Es war, wohlgemerkt, ihr ganz eigener freier Wille, Herr Untersuchungsrichter! Wegen ihr ist der ganze Wirbel eigentlich erst entstanden. Doch ich sehe, dass ich schon wieder den Faden verliere. Diese Sache wühlt mich halt immer noch mächtig auf. Es ist nicht leicht, ein Paradies wieder aufzugeben, in dem man schon ein wenig zuhause gewesen ist. Fragen Sie mal Adam und Eva… 

 <Längere Sprechpause> 

   Sehen Sie, ich habe da eine andere Welt entdeckt, durch Zufall, einfach so. Nur weil da so ein paar verdammte Bombenflugzeuge meine ganze kindliche Todesfurcht ausgelöst haben, damals, 1940 in jenem Sommer. Vielleicht war`s auch kein Zufall, es gibt ja sehr ernst zu nehmende Leute, die behaupten, es gäbe keinen Zufall, alles würde sich, zumindest im Nachhinein, als ganz passend herausstellen. Aber das soll uns hier nicht weiter interessieren. Weit interessanter ist ja, was das denn für eine Welt war, die ich da mittags, kurz nach dem Zwölfuhrläuten entdeckte. 
   Ich habe seither viel Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Und ich muss zugeben, ich weiß es immer noch nicht. Ich nehme an, dass es ein anderer Planet ist, mit dem wir durch eine Art Tunnel verbunden sind, einen Tunnel, der offensichtlich Raum und Zeit überbrückt. 

 <Längere Sprechpause> 

Ich habe viele Messungen vorgenommen. Der Tag dauert in Utopia ungefähr so lange wie hier bei uns auf der Erde; er ist nur eine halbe Stunde länger. Kein Wunder, dass sich die Sonne dort manchmal auf der anderen Seite der Welt befindet, also stockfinstere Nacht ist, während sie bei uns noch hoch am Himmel steht. Ich habe ja damals nicht schlecht gestaunt, als mir dieser abrupte Wechsel zum ersten Mal widerfuhr. Meine Augen hatten sich in der Höhle bereits ein wenig an das Fehlen von Tageslicht gewöhnt; deshalb sprachen sie auf die Dämmerung drüben in Utopia gut an. Ich kroch raus, staunte wohl auch ein paar Minuten, weil alles so neu war, und dann ging die Sonne auch schon unter, ziemlich schnell, so wie bei uns  in den Tropen. Deshalb vermute ich, dass der Tunnel drüben irgendwo in einer den unsrigen Tropen vergleichbaren Gegend ankommt… 
   Nun wollen Sie sicher wissen, wie es drüben aussieht. Sie werden lachen – es sieht dort ungefähr so aus wie bei uns. Nur gibt es natürlich keine Hochhäuser und keine Autobahnen, die die Gegend verschandeln. Es gibt sie nicht, weil es keine Menschen gibt. Dafür findet man in Utopia die seltsamsten Tiere und Pflanzen – man muss sich nur weit genug vom Tunnelausgang entfernen. Um den Tunnel herum gibt es etliche Kilometer im Umkreis eine Fauna und eine Flora, die sich fast nicht von der bei meinem Heimatdorf unterscheidet. Aber dann mischen sich allmählich die auf Utopia heimischen Lebewesen darunter – und man muss gar nicht lange laufen, um dorthin zu gelangen, wo man keinen Baum und keinen Strauch und kein Getier mehr erkennt – auch nicht als geübter Biologe, der ich im Lauf der Jahre durch Selbststudium geworden bin. 
   Ich schließe daraus zweierlei: zum einen, dass durch den Tunnel schon immer ein reger Verkehr von Hüben nach Drüben stattgefunden hat – Kleingetier, vom Wind verwehte Samen. Alles, was nicht größer ist als ein Mensch, der sich gerade auf der Schwelle vom Kind zum Erwachsenen befindet, passt ja hindurch. Meine zweite Schlussfolgerung ist, dass der Tunnel noch nicht allzu lang existieren kann, sonst hätte sich das irdische Leben drüben schon viel weiter ausgebreitet. 

 <Längere Sprechpause, schweres Atmen> 

Aber fragen Sie mich jetzt bloß nicht, wer den Tunnel gebaut hat. 
Ich weiß es bis heute nicht, und ich habe doch schon seit 1940 danach geforscht, vier Jahrzehnte lang. Inzwischen neige ich zu der Ansicht, dass er nicht bewusst von irgendwelchen intelligenten Lebewesen regelrecht gebaut wurde. Nichts spricht dafür, keine Maschine, keine Energiequelle, keinerlei andere kulturellen Spuren. Vielmehr nehme ich stark an, dass er ein Produkt der Natur ist, gewissermaßen ein freak of nature, eine Art „Zwischenfall“, vielleicht vergleichbar jenem Zwischenfall, der einen anderen freak of nature hervorgebracht hat: den Menschen, dieses sich selbst und die ganze Welt zerstörende Ungetüm… 

 <Schweres Atmen> 

Merkwürdig ist allerdings eines: Der Tunnel lässt sich nicht erweitern. Es ist so, als habe da die Natur dem Menschen zugleich mit dem Zugang in ein Paradies sehr unmissverständlich auch eine deutliche, im Grunde unüberschreitbare Grenze gesetzt. 
   Sie können mir glauben, dass ich alles versucht habe, wirklich alles, um den Querschnitt des Tunnels zu erweitern. Denn ich wollte unbedingt auch in späteren Jahren wieder `rüber. Zunächst, um mich von unserer immer schrecklicher werdenden Welt zu erholen. Später dann, um regelrecht von ihr weg, nach Utopia hin zu fliehen: vor dem Lärm und dem Gestank der Zivilisation, vor der Pestilenz der immer breiter werden Landstraßen, die aus den  babylonischen Großstädten immer größere Blechlawinen immer näher zu meinem Tunnel hinführten. 
   Zum Glück hat dann irgendein weiser Mensch im Landwirtschaftsministerium den kleinen Wald mit dem großen Geheimnis unter Naturschutz stellen lassen. „Einrichtung eines Biotops“, nennt man das inzwischen, wenn der Mensch sich mal darauf besinnt, dass es außer ihm und seiner Arroganz auf der Welt auch noch was anderes gibt, ohne das er noch rascher dem Untergang geweiht wäre als er es, nach meiner bescheidenen Überzeugung, ohnehin ist. 
   So kam vorerst niemand auf die Idee, auch dort noch Teer und Asphalt hinzuschmieren. Und zu meinem Glück hatte ich schon lange davor, mit einer kleinen Erbschaft, das ganze Terrain aufgekauft. 
   Irgendwann dachte ich einmal daran, dem bayrischen Ministerpräsidenten eine Petition zu schicken; aber als ich dann in einer seiner Wahlreden vernehmen musste, wie er sich zur Frage des… 
   Aber lassen wir das. Was weiß ich, wer diesen Text zu hören beziehungsweise zu lesen bekommt. Ärger hab‘ ich ohnehin schon genug… 
   Ich kann die Details, glaube ich, Ihrer Phantasie und den Recherchen der Spezialtruppe kleingewachsener Experten überlassen, die aufgrund dieses meines Berichts sicher in den nächsten Wochen gebildet und dann hinüber nach Utopia geschickt werden wird. Ich werde wohl kaum etwas dagegen machen können. Denn wo sogenannte höhere Interessen ins Spiel kommen, da hat so ein Niemand wie ich bald das Hausrecht verloren. Durch mein Haus müssen die Experten nämlich durch, wenn sie nach drüben wollen. Der Tunnel fängt hinter einer Holztür im Vorratskeller an. 

 <Längere Sprechpause> 

Vielleicht hätte ich mich 1945, als ich spürte, dass ich zu groß wurde und mich bald nicht mehr auf die andere Seite würde zwängen können, anders entscheiden und drüben bleiben sollen? Aber ich fürchtete mich vor dem Alleinsein. Ja, genau das war es, wie ich gestehen muss. Die Angst vor der Einsamkeit als einziger Mensch in einer fremden Welt. Und so entschied ich mich, wenn auch schweren Herzens, für diese Welt. 
   Ich habe es seitdem, wie Sie sich inzwischen wohl denken können, Herr Richter, immer wieder zutiefst bereut. Aber irgendwann entdeckte ich dann die zweitbeste Möglichkeit: Ich freundete mich mit Jungen und Mädchen an, die ich – nachdem sie eine Reihe von Prüfungen bestanden hatten – in mein Geheimnis und in die Existenz der fremden Welt Utopia einweihte. Von da an gingen sie hinüber – und sie gingen zugleich auch für mich. Sie wurden gewissermaßen meine Augen und Ohren, meine Nase und meine Tastorgane, wenn sie fotografierten, zeichneten, Tonbandaufnahmen machten. 
   Vor einigen Jahren schafften wir einen Videorecorder an. Die Aufnahmen stehen alle in meinem geheimen Archiv. Aber Sie dürfen sie jetzt gerne in Augenschein nehmen, Herr Richter; ich habe mich dazu durchgerungen. Das wird Ihnen schon einen ganz passablen Eindruck vermitteln, wie es in Utopia aussieht. 
   Jetzt wissen Sie endlich auch, wohin die Jugendlichen verschwunden sind, wegen denen Sie mich hier im Untersuchungsgefängnis schmoren lassen –   
   Wenn ich nicht diese Cassette bespräche und Sie in mein Geheimnis einweihte – was würde dann passieren mit mir? Ich sagte ja bereits, dass Dagmar sich entschloss, drüben in Utopia zu bleiben, als sie bemerkte, dass ihre Hüftknochen sie bald daran hindern würden, jemals wieder ins Paradies ihrer Jugend einzutreten. Wir haben die ganze Angelegenheit wochenlang diskutiert. Und dann entschloss sich die ganze Gruppe (fast hätte ich jetzt gesagt: der ganze Stamm), zusammen mit Dagmar hinüber zu gehen. Wir schafften alle nötigen Lebensmittel durch den Tunnel. Gewiss gibt es auch drüben genügend Essen, das auch Menschen vertragen können; aber wir wissen noch viel zu wenig über das, was auf Utopia verdaulich für uns ist und was nicht. 
Auch Kleidung schafften wir hinüber, Medikamente, Lesestoff, Baumaterial… 
   Einige der Jüngeren hätten ja noch eine Weile hin und her wandern können zwischen den beiden Welten. Aber irgendwann wäre auch das zuende gewesen. Meine Verhaftung wurde natürlich von der Gruppe beobachtet. Sie war das Startzeichen für den ebenfalls längst ausgearbeiteten Plan „Paradise closed„, wie wir ihn in Anlehnung an das Gedicht „Paradise lost“ von John Milton einmal nannten. Wir wollten alles – nur nicht das eine; nämlich dass sich die ganze moderne Massenzivilisation mit ihrem physischen, psychischen und sozialen Unrat nach Utopia hineinergießt. Wir waren eine kleine Elite, geworden, verstehen Sie, Herr Richter? 

   Nun werden Sie mich vermutlich fragen wollen, warum ich das Geheimnis endlich doch noch ausgeplaudert habe? Was hätte mir schon passieren können… Schlimmstenfalls hätte man mir, falls ich geschwiegen hätte, aufgrund von sicher herstellbaren Indizienbeweisen rund zwanzig Jahre aufgebrummt, von denen man mir wegen guter Führung vielleicht am Ende ein paar Jahre erlassen hätte. Ich wäre dann bei meiner Begnadigung ein frühzeitig vergreister, gebrochener Mensch gewesen. 
   Kontakt zu meinen Freunden auf Utopia würde es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht mehr geben. Sie wären längst in eine andere Gegend dieser Welt gezogen. Junge Leute sind  doch viel zu neugierig, um geduldig Jahr um Jahr an ein und derselben Stelle hocken zu bleiben und zu warten, bis ein zum sabbernden Tattergreis verkommener Stefan Bergmann wieder zu ihnen stößt.. 

 <Schweres Atmen, mit wesentlich lauterer, erregter Stimme> 

Da mache ich mir doch nichts vor, Herr Richter! 
   Dazu kommt noch, dass jetzt in Utopia auch bald eine andere Jahreszeit beginnt, vergleichbar unserem Monsunregen, mit all den dazugehörigen besonderen Problemen, bei denen der Gruppe mein Rat sicher fehlen wird. 
   Vielleicht wird bald die Hölle über das Paradies mit dem engen Zugang hereinbrechen. Ich fürchte es. Aber ich weiß es nicht mit hundertprozentiger Sicherheit. Vielleicht gelingt es uns, die wir hier auf der anderen Seite der Schwelle leben, etwas Sinnvolles mit diesem Geschenk der Natur anzufangen. Auch das weiß ich nicht, kann es jetzt, nach diesem Bericht für Sie, Herr Richter, nur noch hoffen. Dann gibt es da im Neuen Testament, bei Matthäus, glaube ich, diesen Satz von den Kamelen und den Reichen und dem Nadelöhr… 
   Vielleicht trifft auch eine Spekulation zu, die ich – wie ich zugeben will – durchaus an manchen Tagen ausgesponnen habe: dass Utopia die geplagte Erde von ihrem Menschenüberschuss erlösen könnte. Ich sah in nächtlichen Visionen eine unaufhörliche Kette von Männern, Frauen, Kindern durch den Tunnel kriechen, sah sie gewissermaßen von der Natur auf die Knie niedergezwungen, ehe sie ihnen ihr Geschenk der Neuen Welt offeriert…
   Ich sah Hoffnung für beide Welten…
  Aber dann brach sie wieder zusammen, die Spekulationsphantasie, und ich dachte mir: Man könnte den Menschen sämtliche bewohnbaren Planeten des Universums zu Füßen legen und sie wüssten nichts Besseres damit anzufangen, als stinkende, lärmende Großstädte zu bauen und mit ihren Krachmaschinen dorthin aufzubrechen, wie emsige Kolonnen von anderen Maschinen schon unendlich breite und unendlich lange Betonpisten dort hingeschmiert hätten, wo einstmals –   
   Aber ich langweile Sie vermutlich, Herr Richter. Die Erregung hat mich übermannt. Schweigen wir von nun an. So nimm denn, Schicksal, deine Lauf. 

<Hier bricht die Stimme abrupt ab. Ende des Protokolls> 

                               o 

<Maschinengeschriebene Notiz des Unters.richter K. Abelamm> 

Soweit die Abschrift der Cassette, deren gesprochenen Inhalt ich, federführende Untersuchungsrichter, mit der von Frau Inga Tafler, Justizangestellte auf Probe, maschinengeschriebenen Abschrift Wort für Wort verglichen habe und deren korrekte Übertragung ich hiermit amtlich bestätige. Dieser Text- bzw.  Inhaltsvergleich war nicht schwierig, weil der Angeklagte betont langsam und deutlich gesprochen hat – es lag ihm offensichtlich daran, verstanden zu werden. Und die Justiz, wenn ich mir eine persönliche Bemerkung erlauben darf, dankt es ihm. Oder sollte ich hinzufügen: Ich, Richter Karl Abelamm, danke es ihm -? 

   Mit diesen Worten „So nimm denn, Schicksal, deinen Lauf“, brach die Cassette jedenfalls mitten im Text ab – das lässt sich dem Klang der Stimme deutlich entnehmen, die in diesem Moment sehr erregt, ja ich möchte sagen: aufgewühlt war. Aber was hat der Angeklagte verschwiegen? Was wollte er uns noch mitteilen, ehe dieser emotionale Sturm ihn überwältigte? Zu ergänzen ist zunächst, dass der Untersuchungsgefangene sich erhängt hat – mit einem mehrfach verknoteten bzw. zusammengebunden Stück Tonband aus einer weiteren Cassette. Auch diese habe ich, vorsichtshalber, abgehört. Wie ich vermutete, fanden sich darauf weitere Mitteilungen des Gefangenen, der nun leider nicht mehr lebt, um persönlich diese Aussagen zu bestätigen. 
   Jenseits der von ihm im Bericht erwähnten Zone hinter dem Tunnel fände man, so jedenfalls seine Behauptung, etwas Grauenvolles: Städte, die total zerstört und radioaktiv verseucht sind. Sie sollen mindestens 12 000 Jahre (!?) alt sein. Den Vermutungen oder auch Beobachtungen des Gefangenen gemäß, handelte es sich einst um das „Paradies“ jener angeblich menschenähnlichen Lebewesen. (Bergmann gebrauchte den Ausdruck „Paradies“ nicht wörtlich, aber ich übersetze so der Kürze halber sinngemäß seine blumigen Umschreibungen.) 

   Der ehemalige Gefangene nannte diese Gegend: Atlantis. 
   Aber vielleicht ist dies nur eine falsche Fährte, die der Angeklagte gelegt hat, um sich von seinem Geständnis sofort wieder zu distanzieren? Was können wir ihm überhaupt glauben? Lügt er nicht (buchstäblich) am laufenden Band? 
   Andrerseits die Zufriedenheit in seiner Stimme auf dem zweiten Cassettenband (mit dem er sich erhängte) – was hat sie zu bedeuten? Spricht so jemand, der lügt, der schuldig ist des zwölffachen Mordes an Jugendlichen?  Wer immer dies mein Protokoll samt dem Bericht des Gefangenen nun studieren mag (und ich hoffe sehr, dass es in die richtigen Hände fällt!) möge zur Kenntnis nehmen, dass ich meinerseits gewisse Nachforschungen betrieben habe. Und dass ich – so irritierend dies für einen bislang treuen und unbescholtenen Staatsdiener klingen mag – diese Abschrift der Cassette bzw. ihren Inhalt bisher für mich behalten habe. 
   Von der Sekretärin, die ihn abtippte, sind keine Schwierigkeiten zu erwarten. Wir stehen gut miteinander. Und wir werden uns gemeinsam aufmachen, jenes seltsame Land hinter dem „Engen Tor“ (wie wir es nun nennen) zu erforschen. Wie lange haben wir auf eine solche Gelegenheit gewartet! 
   Eine wichtige Hilfe erwarten wir uns dabei von der Seele jenes Gefangenen, der ja nur seinen Körper getötet hat, um dem unerträglichen Aufenthalt im Gefängnis nach langen Monaten der Haft (und guter Aussicht auf weitere Monate quälender Untersuchung) zu entkommen. Er scheint sich nämlich in der Tat verantwortlich für das Wohlergehen seiner jugendlichen Schützlinge zu fühlen, die dort drüben im „Paradies“ sind, das er „Utopia“ nannte. 
   Ein guter Freund von uns, Archäologe und Kunsthistoriker praktischerweise, hat jene kleine Statuette analysiert, die der Gefangene unter seinen wenigen Habseligkeiten hinterließ; er benützte dazu ein neues, der Radio-Karbon-Methode verwandtes Verfahren. Es war eine zierliche Vase aus einem Messing-Kupfer-Gemisch, an der zwei Verzierungen am oberen Rand auffielen: Heuschrecken (oder sollen das Dämonen symbolisieren?). 
Diese Vase muss wenigstens 12 000 Jahre alt sein! Und sie weist eine (wenngleich inzwischen harmlose) radioaktive Reststrahlung auf. 

Die rätselhafte „Heuschrecken-Vase“ in voller Größe (13 cm hoch, 5 bzw. 7 cm breit (Archiv JvS)

   Was soll ich diesem meinem Bericht und dem des Gefangenen noch hinzufügen? 

                                         gez. Abelamm, U.Richter 

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 <Angefügte maschinenschr. Notiz von Krim.insp. Keinsburger> 

Die beiden in meinem Untersuchungsbericht über den rätselhaften Selbstmord das Gefangenen Bergmann mittels Cassettentonband sowie das nicht minder mysteriöse Verschwinden des Untersuchungsrichters Abelamm und der Justizangestellten Tafler wurden kriminaltechnisch von meiner Abteilung analysiert. Dem ist nichts hinzuzufügen, außer der Meldung, dass die Mordkommission den Fund zweier Leichen in der Wohnung des Richters Abelamm meldet, mit Verdacht auf Suizid mittels Schlaftabletten. Neben ihnen fand man eine Notiz folgenen Inhalts:

    „Der Tunnel ist zu eng auch für uns. Wir wählen den anderen Weg – wie Bergmann…“ 

                      gez. Keinsburger, ehem. Kriminaldirektor 

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 <Maschinenschr. Aktennotiz von Pol.präsident R. Zacharias> 

Nach meiner Dienstreise wieder zur Vorlage, wg. Rücksprache mit Herrn Haslacher, Min.dir. Min. d. Inneren!    Man sollte die Angelegenheit vielleicht mal in der BW-Hochschule vortragen, beim Jour fix; also nix Öffentliches. Fällt ja wohl in deren Ressort. Oder B.grenzschutz? GSG-9? 
   Oder sollte man das überhaupt nicht an die große Glocke hängen? Nur im ganz kleinen Kreis diskutieren… 

      gez. Zacharias (nach Diktat verreist)                             i.A. I. Knaake, Justizangestellte 

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 <Handschr. Aktennotiz von Min.dir. F. Haslacher> 

Ja, sind die denn alle verrückt geworden! Keinsburger ist seit einer Woche nicht mehr zum Dienst erschienen, Zacharias mit unbekanntem Ziel verreist – auf Dienstreise! man höre!   Heute kam dieses ominöse Päckchen im Büro an. Inhalt: eine besprochene Cassette, eine Abschrift selbiger Cassette (identischen Inhalts, wie ich mich versichern konnte), sowie zwei Blätter mit Anmerkungen (Berichte kann man das ja wohl nicht nennen!) von einem Unters.richter namens Abelamm und des – mir persönlich gut bekannten und bisher unbescholtenen – Krim.dir.  Keinsburger. 

   Wenn mich nicht alles täuscht, dürfte diese Angelegenheit auch den Min.präsidenten sehr interessieren. Ich werde mir vorbehalten, ihm höchst persönlich Bericht über die gesamte ominöse Angelegenheit zu erstatten, sobald ich Näheres weiß.  
Ob man das alles ggf. in der Bundeswehr-Hochschule vortragen sollte? Wäre eine Möglichkeit. Andrerseits liegt der Ausgang bzw. Eingang dieses angeblichen Tunnels angeblich in Oberbayern, recht nahe der Landeshauptstaat, fällt also somit in die Kompetenz des Freistaates. Aber vielleicht doch den Innenminister in Bonn aktivieren? 
   Aber was meint Zacharias mit „kleiner Kreis“? Willer da ein elitäres Privatvergnügen draus machen? Aber warum eigentlich nicht? Interessante Fragen jedenfalls, die sich da anbieten… 
   „Abschied von Utopia“ kann man ja so oder so verstehen… Als Abschied von den Visionen, die wir alle mal gehegt haben – und die allesamt längst auf den Müllhaufen der Geschichte gelandet sind… Hat das „Raumschiff Erde“ doch ein Schlupfloch ins Paradies? 
   „Projekt Utopia“, so könnte man das Ganze ja nennen. 
   Bergmanns Vorschlag mit den „kleinen Männern“ – einfach köstlich… und gar nicht so dumm! Man könnte ein paar Jockeys dienstverpflichten… Mal in Daglfing anrufen… 
   Wie groß bin ich eigentlich? Aber auf die Größe kommt’s ja angeblich gar nicht an. Die Breite der Schultern, der Hüften… Ich werde mich am besten mal selbst um die Angelegenheit kümmern, während meines Jahresurlaubs, den ich mir hiermit nachträglich zu gewähren erlaube. 

    gez. Haslacher Ministerialdirigent im  Min. d. Inneren
   (nach Diktat verreist, gez. S. Tifter) 

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 <handschr. Vermerk des Min.präsidenten> 

Was ist da eigentlich los? Dienstreise mit unbekanntem Ziel, Jahresurlaub nachträglich selbst gewähren, Bundes- und Länderkompetenzen miteinander vermantschen, „Projekt Utopia“ – als wenn es sonst nichts zu tun gäbe auf der Welt. Ja sind die denn alle narrisch geworden? 
   Andrerseits – warum nicht einmal träumen – ausspannen – ein Jahr Urlaub – ein paar Pfund abnehmen –    Die brutale Todes-Tour dieses Bergmann, der gleich noch zwei Anschlusstäter findet – wenn’s nicht schon mehr geworden sind in der Zwischenzeit… eigentlich nichts für mich…      
   Andrerseits… 

   ENDE

<Nicht verwendeter alternativer satirischer Schluss von „Abschied von Utopia“) 

 <Anmerkung Min.präsident F.J. I.> 
Jaa! Da verreck! Schleichan de sie alle davo! Und I – was mach nacha I? Des habt’s eich sauba ausdenkt. Aber da habt’s die Rechnung ohne den Wirt g’macht, wia ma so sogt! In Minga und übahaupt’s im ganzen scheena Freistaat gschiagt nix ohne mi! Und in eiam deppert’n Utopia wird se für mi allawei no a scheen’s Platzerl find’n – ganz ob’n auf – „On top“, wia mei amerikanischer Kollege zum song‘ pflegt… 
    <Ins Diktaphon gesprochen – F.J. I.  derz. noch Ministerpräsident >

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