Tarzan ist immer da

Edgar Rice Burroughs schuf die Figur eines Dschungelhelden Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts. Ein älteres Vorbild dieser sehr amerikanischen Figur (auch wenn er seine Abenteuer fast alle in Afrika erlebte*) war vermutlich Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling (1894 folgende) mit dem Wolfskind Mogli.

* Eine Ausnahme waren Tarzans Abenteuer in New York, welcher Film mir als Jugendlicher deshalb besonders imponierte, weil der Affenmensch aus dem afrikanischen Busch (wenngleich mit adligen britischen Wurzeln) sich in jenem Großstadtdschungel bewähren musste, dessen Wolkenkratzer mir so imponierten.

Tarzan ist, ähnlich wie der in Kalifornien agierende Zorro, eine ganz andere Art von Held wie die heute so erfolgreichen Superhelden nach Art des Urtyps Superman. Wer kann schon wie Supie fliegen, sich im luftleeren Weltraum bewegen und mit Röntgenblick alles „durchschauen“ – wenn man gerade mal dreizehn oder vierzehn Jahre alt ist, oder eben ein schwacher Mensch. Aber mit etwas Ausdauer, Geschick und Ehrgeiz kann man wie Tarzan auf Bäume klettern, sich an Lianen (also Seilen) von einem Baum zum nächsten schwingen (ja, das geht) und wie das Leinwand-Vorbild tauchen und kraulen – auch wenn es nur im Perlenbachgrund südlich Rehau oder im dortigen Freibad ist.

Die Anfänge der Tarzan-Legende ab 1912 (aus Wikipedia)

Und aus einem geeigneten Ast einen Degen basteln und von der Mama eine schwarze Maske (Corona lässt per Zeitreise grüßen!) schneidern lassen – das ist ebenfalls machbar – so dass heftigen Duellen mit gefährlichen Gegnern aus der eigenen Schulklasse nichts im Wege stand.

Vorbild für das eigene Schreiben

Parellel zu den – sehr seltenen – Tarzan-Filmen gab es jede Menge gedruckter Tarzan-Bücher und Comics; dazu einen ähnlichen, noch jugendgemäßeren Dschungelhelden namens Bomba, der sich im südamerikanischen Amazonasgebiet herumtrieb. Letzterer wurde – ähnlich wie der deutsche Comic-Held Akim von Rudi Wäscher – für mich und meinen zeichnerisch begabten Freund Alfred Hertrich zum Vorbild für einen eigenen Dschungel-Comic. Jedenfalls haben wir das versucht. Auch wenn wir über ein, zwei Tableaus (in Farbe!) nicht hinauskamen – angefangen haben wir es. So begann das für mich mit dem eigenen Schreiben. Hab ich letztlich also Tarzan zu verdanken.
Das Vorbild der Tarzan-Comics erschien um 1950 in wunderschön gezeichneten und farbigen Heften auch auf deutsch – im Verlag Girardet in Essen. Das müssen die Geschichten von Hal Foster gewesen sein (der später auch den wunderbaren Prinz Eisenherz schuf). Sie wurden publiziert in zehn Heften in „Kupfertiefdruck“ – diesen Begriff habe ich mir bis heute gemerkt, so beindruckt war ich von der künstlerischen Qualität, die mir schon als Zehnjährigen durchaus sichtbar war – im Vergleich zu den sehr viel primitiveren Superman-Comics, die ich zwei Jahre zuvor von einem amerikanischen Jungen in Garmisch ausleihen konnte. Was „Kupfertiefdruck“ genau war – das wusste ich allerdings nicht.
Jedenfalls ließ ich mir diese zehn Ausgaben vom Buchbinder Winterling binden. Gerne lieh ich sie meinem Nachbarn Otto Pawlitschek – leider, ohne sie jemals wieder zurück zu erhalten. (Hundkrippl, elendiglicher!) Heute wären dies Hefte, gut erhalten, einige tausend €uro wert.

Bei den Filmen war Johnny Weissmüller, der fünffache Olympiasieger im Schwimmen, der Tarzan. Aber sein Nachfolger von 2016, Alexander Skarsård, hat ihn wacker vertreten. Die CGI-Szenen mit der Lianen-Tour durch den Dschungel sind weitaus besser als die Trickaufnahmen der 30er und 40er Jahre. Aber die Kämpfe mit den Krokodilen, die hatte Weissmüller besser drauf.

Solche Helden wie Tarzan sind mir viele Jahre später in völlig anderem Kontext wieder begegnet, als ich von — Daniel Speck das Prinzip der Heldenreise kennenlernte und in meinen Schreib-Seminaren anzuwenden begann.
Doch vorher gab es noch eine andere Begegnung mit dem Tarzan-Motiv in Gestalt eines recht witzigen deutschen Schlagers von Willem. Er zog Tarzans Abenteuer im Urwald gekonnt durch den Kakao. Mich inspirierte sein Song zu einem Gedicht, das ich „Ruf des Abenteuers“ nannte. Es ist ebenfalls nicht ganz ernst gemeint – transportiert im Subtext aber doch ganz gut meine Jugendsehnsüchte.
Der Dschungelschrei* am Schluss war mir immer ein ganz besonderes Vergnügen – und hat manchen Besucher meiner Lesungen sicher erschreckt, wenngleich vergnüglich. So sollte es sein. So bleibt man als Autor im Gedächtnis hängen.

* Weissmüller war ein begeisterter Jodler. Damit gewann er mehrere Wettbewerbe. Auch der Hauptteil des berühmten Tarzan-Schreies war aus Jodlern zusammengemischt. Spätere Tarzan-Filme nahmen sich den weltberühmten Dschungelschrei als Beispiel. (Wikipedia)

Der witzige Song von Willem aus dem Jahr 1976 (Ariola)

Als ich 2005 meine Anthologie mit eigenen Kurzgeschichten Blues für Fagott und zersägte Jungfrau zusammenstellte, war mir sofort klar, dass mein Tarzan-Gedicht der Einstieg sein sollte.

Vielleicht wissen viele junge Leute (wenn sie nicht gerade den Film von 2016 oder die läppische Comic-Verfilmung von Disney gesehen haben), gar nicht mehr, wer Tarzan ist. Aber in den Medien ist er (und sein Schöpfer Edgar Rice Burroughs) immer wieder mal präsent – und sei es durch den Ortsnamen Tarzana nahe Los Angeles (wo vermutlich Burroughs seine Tarzan-Tantiemen angelegt hat). Ein Artikel über den deutschen Basketballer Dennis Schröder, der sich dort ein Haus gekauft hat (Schmieder 2021), regte mich zu diesem Beitrag an.

MultiChronalia

Etwa 1950 begann das Tarzan-Motiv (entstanden 1912 und in den 1930er Jahren) in mein Leben zu treten: mit Filmen und mit dem Comic von Hal Foster im Girardet-Verlag in Essen (was man sich so alles merkt, wenn es einen interessiert). 1952 der Versuch mit einem ersten eigene Comic. Dann verlor ich allmählich das Interesse an irdischen Abenteuern und Helden dieser Art – die Science-Fiction war viel bunter und abwechslungsreicher in ihren Welten und Figuren. (Später erfuhr ich, dass Burroughs sich auch mit Mars- und Venusabenteuern ausgetobt hat – die Verfilmung seiner Princess of Mars durch die Disney Studios gilt als Flop – ich mag den Film sehr. Wie sagte Shakespeare: „Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters“.)

Die lange Funkstille endete, als ich 1976 diesen Schlager von Willem im Radio hörte: „Tarzan ist wieder da“. Ich war sofort begeistert, besorgte mir die Vinyl-Single und habe sie mit meinen Kindern oft gehört und mitgesungen. Im Oktober 1981 funkte es in einem Schreib-Seminar, das ich für die VHS München durchführte, und ich schrieb mein Gedicht, in das ich gleich zu Beginn die Zeile „Tarzan ist wieder da“ aus Willems Song übernahm. In etlichen Lesungen der 80er und 90er Jahre habe ich mein Gedicht mit dem Tarzan-Schrei am Schluss wie ein Markenzeichen zelebriert – das letzte Mal 2005 in Weiden. Hat immer viel Spaß gemacht.
1994 führte ich an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film in der Drehbuch-Werkstatt von Martin Thau ein Kreativitäts-Seminar durch, bei dem ich Daniel Speck kennenlernte. Er war einige Male im Seminar bei mir, entwickelte dann eigene Drehbuch-Seminare – von denen wir eines 2003 gemeinsam machten. Das war der zündende Momente, in dem ich von ihm das Prinzip der Heldenreise von ihm kennenlernte. Das ist inzwischen zu so etwas wie einer „psychologischen Weltformel für seelische Entwicklung“ geworden und Kern meiner Seminare.
Am 10. März 2021 gab ein Artikel in der SZ den Anstoß, mal wieder den Film von 2016 mit Alexander Skarsård anzuschauen.
Ja – „Tarzan ist wieder da“. Eigentlich war er nie völlig weg, geisterte immer wieder mal durch meine Erinnerungen. Tarzan ist immer da, als mythische, archetypische Figur des jungen männlichen Helden – den wohl jeder Mann in seinem Repertoire hat – nur die wenigsten leben das auch – vor allem, wenn man eine hübsche Jane in Not retten kann und einen Affen namens Cheeta als Gefährten an der Seite hat. (In der Legende von 2016 hat sich Jane allerdings enorm emanzipiert und ist sehr aktiv dabei, auch ihren geliebten Tarzan mal zu retten. Und in der Anprangerung der Verbrechen des belgischen Königs Leopold im Kongo ist der Film auch sehr viel politischer als früher üblich.)

Würde ich wieder mal eine Lesung machen – das Tarzan-Gedicht wäre sicher dabei:
… fliegt an Lianen vom Baum zu Baum – folgt wilden Tieren quer durch den Traum – der mich seit Jahren gefangen hält…“

Quellen
Foster, Hal: Tarzan (Comic in Fortsetzungen ab 1928).
Hogarth, Burne: Tarzan of the Apes. (USA 1956?). London Sidney 1956 (Pan Books).
Rockwood, Roy: Bomba, der Dschungelboy. 1950 ff.
Scheidt, Jürgen vom: „Tarzan ist wieder da“. 20. Okt 1981 (Seminar „Schreiben als Selbsterfahrung“ für die VHS München).
ders.: Blues für Fagott und Zersägte Jungfrau. München 2005 (Allitera).
Schnieder, Jürgen: „Wink aus Tarzana“. In: Südd. Zeitung Nr. 57 vom 10. März 2021.
Willem (Produzent: Wilken F. Dinklage): „Tarzan ist wieder da“. Vinyl Single. Gütersloh Dez 1976 (Ariola).
Yates, David (Regie): Legend of Tarzan. USA 2016 (Metro Goldwyn Mayer). USA 2016.

aut #435 _ 2021-03-17/16:16

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