_BLUES FÜR FAGOTT UND ZERSÄGTE JUNGFRAU

Dies ist meine erste Anthologie eigener Kurzgeschichten, darunter „Der Mann von der Lottozentrale„. Die Widmung für Walter Ernsting zeigt schon, wo meine Stories ursprünglich beheimatet waren: in der Science-Fiction. Aber das ist für mich inzwischen eher ein Randgebiet geworden, in dem ich mich zwar ab und an gerne tummle – aber ich schreibe jetzt viel öfter über andere Themen und in anderen Genres.

Spannende Unterhaltung mit Tiefe und doppeltem Boden – eine Anthologie mit 24 Kurzgeschichten (München 2005 – Allitera-Verlag)

Zur Erinnerung an
Walter Ernsting
alias Clark Darlton (1921-2005)
der 1956 meine erste Kurzgeschichte abdruckte
und mich immer wieder ermutigte, weiterzuschreiben


Schon als Student habe ich gerne gute Fantasy* gelesen. Spätestens seit Joanne K. Rowlings gigantischem Erfolg um ihren Superknaben Harry Potter sehe ich da noch ganz andere Möglichkeiten als in der SF (die, ehrlich gesagt, recht häufig ja nichts anderes ist als technisch und wissenschaftlich verbrämte Fantasy – Science Fantasy halt, mit Überlichtgeschwindigkeit und Kälteschlaf und Telepathie und Seelenwanderung – wie im Film Avatar – und anderen physikalischen Unmöglichkeiten).

* Robert Sheckley war einer der Meister, die auf beiden Klavieren spielten – SF und Fantasy. In meiner Anthologie DAS MONSTER IM PARK habe ich eine raffinierte Labyrinth-Geschichte von ihm publiziert.

Mein aktuelles eigenes Roman-Projekt glü wird allerdings wieder solide, sehr nahe der Gegenwart angesiedelte hardcore SF sein – wenn auch vor der Folie einer fernen galaktischen Zivilisation, die der unseren um drei Jahrhunderte voraus ist. (Mehr wird hier nicht verraten. Das Projekt ist seit 1982 in Arbeit – ich hoffe, den Roman dieses Jahr 2021 beenden zu können – sonst wird das Projekt selbst zur Science-Fiction).

Mein Motto ist jedenfalls: Spannende Unterhaltung mit Tiefe und doppeltem Boden. (Mit literarisch-artifiziellen Experimenten und egomaner Nabelschau hab ich´s nicht so sehr.)

Hier nun das Inhaltsverzeichnis der Anthologie und als kleine Kostproben an anderer Stelle im Blog die ausgekoppelten Kurzgeschichten Der Mann von der Lottozentrale und den von seinen Trommeln besessene Conga Joe. Erstere handelt vom Schicksal eines Verbrechensopfers, dessen unerwarteter Besucher angeblich eben jener „Mann von der Lottozentrale“ ist. Conga Joe hingegen ist – aber lesen Sie selbst.

Das Nasch-Wort musste im Buch aus Platzgründen leider entfallen – desgleichen die genaue Bibliographie der einzelnen Geschichten. Beides finden Sie deshalb hier:

Nasch-Wort

Sie haben richtig gelesen, es handelt sich nicht um einen Druckfehler: Nasch-Wort soll es heißen, nicht Nachwort.
Ich gebe es zu: ursprünglich wollte ich wirklich ein „Nachwort“ schreiben, vertippte mich aber. Als ich dann Naschwort las, gefiel mir der Verschreiber plötzlich, und mir wurde bewusst, dass das sogar noch besser passt und wirklich trifft, was ich darin ausdrücken möchte.
Naschen – das heißt bekanntlich „von etwas Gutem kosten“. Damit meine ich nicht nur die in diesem Band versammelten Geschichten (ich hoffe, sie haben Ihnen geschmeckt – wenn Sie nicht einer jener Leser sind, die – wie ich selbst – gerne ein Buch von hinten oder in der Mitte beginnen – na bitte: dann haben Sie die Kostproben meines Erzählens jetzt noch vor sich. Viel Vergnügen und gute Unterhaltung!)
Ich möchte Sie aber auch dazu verführen, sich noch die anderen Texte anzuschauen, die ich – hier – auf meiner Website veröffentlicht habe. Es handelt sich dabei nicht nur um Erzählungen; das meiste sind Sach-Texte – zum Beispiel MEIN MINUTEN-MENTOR über Walter Ernsting (dem ich diesen Erzählband gewidmet habe). Diese Texte behandeln ähnliche Themen wie die Geschichten hier im Buch. Letztlich geht es immer um die Frage:
„Was ist der Mensch?“
Natürlich möchte ich Sie auch dazu verführen, mal an einem meiner Seminare teilzunehmen. Das Programm finden Sie auf meiner anderen Website „www.iak-talente.de“ unter PROGRAMM.
Welche Ordnung soll´s denn sein?
Ich hätte diese Geschichten nach verschiedenen Richtungen sortieren können: nach Themen, alphabetisch nach Titeln, oder kunterbunt durcheinander. Warum habe ich mich für die Chronologie ihrer Entstehung entschieden?
Ich bin mir bezüglich meines Motivs nicht ganz sicher. Wahrscheinlich wollte ich selbst einmal sehen, welche Entwicklung ich da seit meinem 15. Lebensjahr gemacht habe, als ich meinen ersten Versuch in dieser Richtung wagte. Es ist ja nicht so einfach, sich eine Erzählung auszudenken und zu Papier zu bringen, die auch andere Menschen interessieren und unterhalten könnte – wenn man vorher nur Deutschaufsätze geschrieben hat.
Die meisten der Texte sind in einem der mehr als 500 Schreib-Seminare entstanden, die ich seit 1979 angeboten habe und bei denen ich selbst immer mitschreibe – also nicht nur Leiter bin, sondern auch Teilnehmer. Vor allem die Kurse KURZGESCHICHTEN SCHREIBEN waren und sind da natürlich gute Gelegenheiten, selbst tätig zu werden.
Es war einer der Seminarteilnehmer, der mich auf die Idee brachte, endlich selbst einmal zu zeigen, was ich kann und einen Packen eigener Geschichten zwischen zwei Buchdeckeln zu präsentieren. Er sagte es nicht so deutlich – mehr „durch die Blume“; aber ich verstand, was er meinte. Etwas verlegen erwiderte ich, dass ich doch in verschiedenen Magazinen und Anthologien schon etliche Stories publiziert hätte, dazu eine Reihe von Sachbüchern, Readern, Science Fiction-Anthologien und sogar einige Romane (letzteres ist aber schon sehr lange her).
Nein, meinte er, es sollte ein ganz eigener Band mit Kurzgeschichten sein, mit nur meinem Namen als Autor drauf. Also gut: hier ist er, mein „Packen eigener Geschichten“.

Ruf des Abenteuers

Eigentlich sollten die Geschichten für sich selbst sprechen. Aber einem Gedanken möchte ich kurz noch nachhängen. Warum beginne ich diese Sammlung mit einem Gedicht? „Ruf des Abenteuers“ erzählt, wie jedes Gedicht, auch eine Geschichte. Dieses kleine Poem vom Dschungelhelden erzählt sogar deren zwei: nämlich die des Tarzan – und die des Dichters.
Der „Ruf des Abenteuers“ markiert zudem den Beginn der Heldenreise – auf die wir uns alle einmal machen müssen, und zwar, um zu erfahren, wer wir im innersten Kern wirklich sind.
Es gibt eine bestimmte Art von Geschichten (Karottengeschichten nenne ich sie), bei denen der Schluss vorgegeben wird, auf den man dann zurennt bzw. zuschreibt wie der sprichwörtliche Esel hinter der Karotte, die man ihm an einem Stecken vors Maul hängt, damit er so seine störrische Weigerung aufgibt, loszulaufen. Funktioniert ganz gut – jedenfalls beim Geschichtenschreiben in meinen Seminaren.
Einige der Stories haben einen Schuss Science-Fiction (damit habe ich schließlich als Jugendlicher mein Schreiben begonnen); aber die meisten sind „ganz normale“ Geschichten, könnte man sagen. Normal – bis auf jenen Schuss Wahnsinn und Verrücktheit, der letztlich jeder (Lebens-)Geschichte den unverwechselbaren Stempel aufdrückt. Das ist es, was ich mit dem „doppelten Boden“ meine. Wir alle gehen auf recht dünnem Eis durch die Welt – und können froh sein, wenn wir nur gelegentlich und nur sehr kurz einbrechen. Wir schütteln uns dann, warten, bis wir wieder trocken sind – und machen meistens wie gewohnt weiter.
Aber manchmal lässt sich das Nass eben doch nicht so leicht wieder entfernen. Und von der Welt in der Tiefe, der Unterwelt oder AnderWelt im Sinn der Heldenreise, bleibt etwas hängen. Wenn wir Glück haben, bringt es uns nicht um, sondern verwandelt uns in einen anderen Menschen. „Die Dosis macht´s“, wie Paracelsus (1493-1541) schon in der Renaissance wusste.
Mehr will ich zu diesen Geschichten nicht sagen. Sie sind bis auf drei noch nie veröffentlicht worden (nur vorgelesen wurden sie schon alle – die meisten in der Schreibgruppe, in der sie entstanden sind):
° „Die größte Liebe“ erschien erstmals 1971 in der Anthologie Liebe 2002 und wurde 1973 in Heft 18 von konkret nachgedruckt, einer (sehr) linken Postille, die vom Ex-Mann von Ulrike Meinhoff herausgegeben wurde und damals sehr erfolgreich war. Wie meine Geschichte dort hineingeraten ist? Kein Ahnung. Wahrscheinlich gefiel sie Klaus Rainer Röhl, der sie vielleicht in meiner Anthologie aus dem damals ebenfalls sehr prominenten Verlag „Bärmeier & Nikel (mit der Zeitschrift Pardon).
° „Sechs nette Untermieter“ kam 1976 ins September-Heft von Westermanns Monatsheften und hätte beinahe einen Preis im damals laufenden Kurzgeschichten-Wettbewerb gewonnen – Pech gehabt.
° „Der Geschichten-Erfinder“ wurde 2004 im deutschen Science-Fiction-Magazin nova erstmals veröffentlicht.
Ich hoffe, dass Ihnen das Lesen meiner Geschichten so viel Vergnügen bereitet wie mir das Schreiben.
München im April 2005 – Jürgen vom Scheidt

– – – – –

Neugierig auf die Geschichten? Sie finden Sie in meiner Anthologie Blues für Fagott und zersägte Jungfrau (München 2005, Allitera-Verlag, 137 Seiten, 12,90 € – ISBN 3-86520-121-0)

Inhaltsverzeichnis und Bibliographie

Ruf des Abenteuers (20. Okt 1981)
Die größte Liebe (Januar 1971 – veröffentlicht 1971 in der Anthologie Liebe 2002 und 1973 in der Zeitschrift konkret)
Schrei! dich! frei! (21. April 1983)
Sechs nette Untermieter (Mai 1976 – veröffentlicht Sep 1976 in Westermanns Monatsheften und in der Anthologie Quasar I, hrsg. von Jörg Weigand, Bergisch-Gladbach 1979)
Die Dosis macht´s (17. Aug 1985)
felix klein geht auf die Große Reise (26. Nov 1986)
Das Astloch (18. Feb 1987)
Drei Wünsche an eine Fee (10. Aug 1989)
Archivar der Zukunft (13. Dez 1989) – hier im Blog
Zehn Prozent von allem (9. Nov 1990)
Conga Joe (21. Feb 1991) – hier im Blog
Atlantis in der Tiefe (21. Juni 1991)
Das Geheimnis des Frater Anselmus (8. Aug 1991)
Blues für Fagott und zersägte Jungfrau (1964 / 17. Feb 1992)
Tiefschürfende Geschichte vom Sinn des Lebens (21. Juli 1997)
Der Mann von der Lotto-Zentrale (15. Aug 1997) – hier im Blog
Wette mit dem Teufel (26. Jan 1998)
Erster Kontakt (19. Mai 2000)
Der Geschichten-Erfinder (11. Juni 2001 – veröffentlicht 2004 im deutschen SF-Magazin nova )
Warum ich eigentlich lieber doch kein Schriftsteller sein möchte (11. Nov 2001)
Wie werde ich weltberühmt? (31. Okt 2004)
Höhenangst (6. Nov 2004)
Blitzschlag der Liebe oder: Citch as Citch can (27. Nov 2004)
Etwas geht zu Ende (28. Jan 2005)

aut #574 _ 2021-02-02/19:57 © 2008 / 2005 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt / Quelle : http://www.hyperwriting.de

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