Selbsterfahrung als Politik: Die Grünen

(Diesen Artikel schrieb ich für die psychologische Publikumszeitschrift warum! – wo er im September 1980 abgedruckt wurde. Ich belasse ihn in der alten Rechtschreibung. Aus aktuellem Anlass habe ich ihn hier im Blog recycelt – vergl. auch Bürger erfahren sich selbst und Wer macht das Rennen bei den „Grünen? und Sie hat es geschafft!)

1980 begann das Fahrt aufzunehmen: eine neue Partei, entstanden aus der Bürgerinitiativ-Bewegung der 1970er Jahre (Archiv: JvS)

(Vorspann der Redaktion:)
Aus einer ungewohnten Perspektive beschreibt der Münchner Psychologe … Jürgen vom Scheidt die Grünen: weniger als eine politische Kraft oder Bewegung, sondern als notwendiges Forum, als neuartige Spielwiese, auf der sich Selbsterfahrung politisch umsetzen kann. Der neue Stil der Politik macht die Grünen dabei so attraktiv – sie sehen Politik eben nicht als Machtkampf, sondern als Resultat gemeinsamen menschlichen Erlebens, miteinander Umgehens. Gerade weil diese Bewegung trotz einer Million potentieller Wähler kaum Chancen hat, in den Bundestag zu kommen, ist es wichtig, ihren psychologisch positiven Effekt zu beleuchten. Die Utopie des Autors läßt sich dabei bewußt nicht an Namen festmachen: Er träumt von einer Super-Bürgerinitiative, die den Alltag wieder auf ein menschliches Tempo bremst*— eine Partei, die sich auch die „Blauen“ nennen könnte.

* Hier würde sich heute, im April 2021, also dreißig Jahre später, der Begriff „Entschleunigung“ anbieten, den ich 1979 erstmals verwendet habe. Er folgt dann auch weiter unten im Text.

Die Grünen: Selbsterfahrung als Politik

Im Lauf der letzten zehn Jahre hat es die Bewegung der Bürgerinitiativen auf mehr als eine Million Mitglieder und Sympathisanten gebracht. Unache vor allem: Eine menschenfeindliche Planungsbürokratie und eine immer exzessiver werdende Umweltverschmutzung, deren Beseitigung nach Prof. C. F. von Weizsäcker etwa den Etat der Bundeswehr erfordern würde» – an die 38 Milliarden DM.

Doch das sind nur die äußerlichen Grunde, weswegen Bürgerinitiativen und „Grüne” einen Zulauf vor allem idealistischer jugendlicher Menschen verzeichnen. Der andere Grund ist die Hoffnung auf mehr Menschlichkeit, die Hoffnung, daß in einer solchen Bewegung nicht nur über ökologische Probleme geredet, sondern auch menschlicher miteinander umgegangen wird. Die Faszination – das ist auch die Chance eines Kampfes gegen die innere, die seelische Umweltverschmutzung. Diese Innenweltverschmutzung* beginnt häufig schon im Elternhaus, wenn Kindern die notwendigen Grundlagen eines guten Lebensgefühls verweigert werden, weil unser Interesse zu einseitig auf die Befriedigung materieller Bedürfnisse ausgerichtet ist. Und das pflanzt sich später fort im Umgang miteinander, im Umgang in der Öffentlichkeit.

* Siehe hierzu auch mein Buch Innenweltverschmutzung (München 1973).

Freud — der „Großvater” der Grünen?

Die Grünen wie auch die Initiativ-Gruppen versprechen für viele eine Chance, die gar nicht im großen (hohlen?) Wortsinn Politik umfaßt: Viele lernen in diesen Gruppen das, was sie im Alltag vermissen; viele realisieren plötzlich, was ihnen fehlt: Solidarität Gleichgesinnter setzt Vertrauen und engen menschlichen Kontakt voraus, einen Kontakt, eine Wärme, die viele unter uns suchen.
Ein Kontaktbedürfnis, das aber auch zu einer Fluktuation gerade bei den jüngeren Grünen führt: Nach gewisser Zeit der idealistischen Arbeit in der Initiative, so erlebe ich es immer häufiger, erkennen sie, daß es ihnen zunächst gar nicht primär auf politische Arbeit ankommt: Sie suchten in der Gruppe vielleicht ursprünglich jene seelische Alternative, die sie in hier alten Umgebung nicht hatten. Sie versuchten, über eine menschlichere politische Arbeit sich selbst zu definieren. Und dabei mußten sie erkennen, daß der Selbsterfahrung auch in dieser Gruppe trotz all ihrer Wärme und Akzeptierung noch Grenzen gesetzt sind. Die Gruppe konnte nur Impulse geben. Die Folge: Sie steigen (vorübergehend) aus, versuchen privat mit sich selbst ins reine zu kommen, weiterzukommen, fliegen vielleicht sogar nach Indien – aber sie kommen auch wieder: Wenn sich der frühere amorphe Wunsch, etwas „anderes“ zu machen, gewandelt hat in persönliche Betroffenheit, wenn sie bei ihrem Versuch, zu sich selbst zu kommen, an die Grenzen des persönlich Machbaren gestoßen sind, werden sie wieder politisch aktiv.

Dennoch sehe ich insgesamt die Bürgerinitiativen unserer Tage — zumindest sinngemäß und „psycho-logisch” — auch jetzt schon als direkte Weiterentwicklung der Selbsterfahrungs- und Selbsthilfe-Gruppen, die ihrerseits von den Therapie-Gruppen angeregt wurden, die ihre Existenz letztendlich Freuds Revolution der Psychoanalyse mit einzelnen Klienten verdanken.
Die Frage stellt sich: Wird eine (grüne) Partei der Zukunft einmal eine Art Super-Bürgerinitiative sein, die zugleich Selbsterfahrungsgruppe, TZI-Seminar und politisches Arbeitsfeld ist?
Ohne Selbsterfahrung wird es jedenfalls nicht gehen – weil die Menschen Selbsterfahrung brauchen, um der Entfremdung zu entkommen, die sie zu so vielen unsinnigen Denkweisen und Handlungsarten treibt.

Mikro-Emanzipation des Individuums durch Selbsterfahrung und Makro-Emanzipation durch eine umweltfreundlichere Einstellung gehören hier aufs engste zusammen. Innenwelt und Außenwelt treffen sich an einer Stelle: im Menschen. Er / sie muß sie in eine Balance bringen. Sonst geht man unter: Die Welt, der Makrokosmos, wird uns überleben. Auch radioaktiv verseucht wird die Erde sich weiterdrehen und weiter Leben gebären – nur wird dies wahrscheinlich kein menschliches Leben mehr sein.

(Abbildung 1 im Heft: Der Künstler Beuys bei einer Veranstaltung der Grünen: Als Scharlatan verschrieen, weil er mit seiner Kunst provoziert, als Spinner verschrieb, weil er seiner Phantasie und seinem Umwelt-Engagement keine Zügel anlegen lässt: Prof. Joseph Beuys – nicht nur als Verfechter „direkter Demokratie“ ein typischer Grüner.)

(Abbildung 2 im Heft: Protestaktion in Gorleben gegen das Atommüll-Projekt: Genauso wichtig wie das politische Ziel, ist auch die persönliche Erfahrung von Solidarität in einer Extrem-Situation: Menschlichkeit und Natur contra Staatsgewalt.)

In diesem Zusammenhang ist es ganz interessant, zu vergleichen, wie es vor einem Jahrhundert durch die Gründung der Gewerkschaften gelang, nicht nur mehr Rechte für die Arbeiter zu erstreiten, sondern auch dem Elendsalkoholismus ein Ende zu setzen. Der Hintergrund waren weniger die flammenden Aufrufe gegen das „schnapsbrennende Junkertum” sondern die Solidarität in den neuen Kleingruppen, die Hoffnung, das Wir-Gefühl.

Wird die analoge Parole der kommenden Jahre vielleicht lauten: „Zeitgenossen, konsumiert nicht so viel, ihr zerstört die Erde!” Und wird diese Parole deshalb greifen, weil Bürgerinitiativen und neue Parteien ein entsprechend neues Wir-Gefühl vermitteln?

Vielleicht werden es gar nicht die „Grünen” sein, die diese „Tendenzwende” herbeiführen, sondern nochmals eine neue Bewegung, vielleicht die „Blauen”? Oder wie immer sie sich nennen werden, die Selbsterfahrung und politische Arbeit einmal in einer humanistisch orientierten Partei kombinieren werden?

Ein Ergebnis zumindest haben die heutigen Initiativen bereits erreicht, ein psychologisch wichtiges Resultat: Um nämlich die unheilvollen Zerstörungen, die weltweit im Gange sind, zu bremsen und irgendwann einmal zu korrigieren, ist eine Verlangsamung, Ent-Schleunigung der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Prozesse anstatt einer fortwährenden Eskalation nötig.

Brems-Spuren

Die Bürgerinitiativen sorgen überall im Lande bereits für eine derartige heilsame Bremsung. Auch jeder einzelne kann zu dieser Entschleunigung beitragen, indem er selbst langsamer wird, konkret: Indem er beispielsweise mehr zu Fuß geht oder Fahrrad fährt, anstatt mit dem Auto dahinzurasen. Mit solcher Anpassung des Verhaltens an die wirklichen menschlichen Realitäten (die eben nicht auto-und jetschnell angelegt sind) wird auch wieder etwas möglich, was im Zeitalter des Funktionalismus untergegangen zu sein scheint – nämlich, daß es möglich ist, meine Gefühle wahrzunehmen bei dem, was ich gerade tue, wofür ich mich gerade entscheide.

Mich selbst, als ganzen Menschen, kann ich jedoch nur erfahren, wenn ich nicht nur ständig die Welt abstrakt und mittels Manipulation von Symbolen in mich hereinlasse (also vorwiegend mit meinem Großhirn arbeite). Ich muß möglichst mit meiner ganzen Persönlichkeit an der Welt beteiligt sein, also nicht nur mit dem Kopf. Entscheidungsprozesse, speziell im politischen Raum, müssen entsprechend verlangsamt werden, damit diese menschlichen Bedürfnisse vermehrt von den Beteiligten gespürt werden, zur Sprache kommen und endlich — und vor allem – integrierter Bestandteil der Entscheidungen werden.

Die sechs wichtigsten Eigenschaften, die es dazu braucht, lassen sich alleine oder in den Gruppen lernen beziehungsweise erwerben:

1. Mehr Selbstbewußtsein durch bessere Selbstkenntnis und Selbsterfahrung sowie Fremderfahrung;

2. im Gefolge davon mehr Kenntnis von Gruppenprozessen (die bereits von den Polit-Profis als Gruppendynamik ganz gewieft für ihre Zwecke eingesetzt werden);

3. mehr Zivilcourage, um den eigenen Standpunkt besser zu vertreten;

4. mehr Toleranz für Andersdenkende, ohne gleich handlungsunfähig zu werden;

5. mehr Solidarität zur Verwirklichung politischer Aufgaben und Ziele, unter Hintanstellung persönlicher Eitelkeiten oder „Störungen” chronischer Art (die durch Selbsterfahrungsgruppen abgebaut werden können);

6. Entwicklung der sozialen Anlagen, die jeder Mensch als „zoon politi-con” („politisches Geschöpf”, Aristoteles) in die Wiege gelegt bekam, die aber von Elternhäusern und einem einseitig auf „Intellekt” und Notenkonkurrenz aufbauendem Schulsystem verkrüppelt oder verschüttet wurden.

All dies fällt niemandem in den Schoß – das muß geübt und gelernt werden. Von einer neuen Partei nach Art der „Grünen” oder „Blauen” erwarte ich mir, daß sic genügend Raum für solche Fremd- und Selbsterfahrung gibt. Dazu ist viel Zeit nötig.

(Die ThemenZentrierte Interaktion (TZI) von Ruth C. Cohn halte ich für die beste Methode, ein solches neues politisches und ökologisches Bewußtsein zu fördern. Das Prinzip in komprimierter Form: Im Gespräch über ein Thema spricht jeder nur für sich selbst. Störungen haben jedoch Vorrang: Erst wenn die Balance in der Gruppe wieder hergestellt ist, wird das Thema erneut aufgegriffen. Die politischen Konsequenzen daraus freilich ist noch weitgehend unbekannt.)

Quellen
Cohn, Ruth C.: Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Aktion”, Stuttgart 1979 (Klett).
Scheidt, Jürgen vom: Innenweltverschmutzung . München 1973 (Droemer).
ders.: „Bürger erfahren sich selbst“. Braunschweig 1978 (Westermann Monatshefte).
ders.: „Die Grünen: Selbsterfahrung als Politik“. Hamburg Sep 1980 (warum!).

177 _ aut #859 _ 2021-04-19/11:18 (1980-09-01)

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