Homo futurus

Auch so einer der „roten Fäden“ meines Lebens. Der „Mensch der Zukunft“ hat mich erst als Gestalt der Science-Fiction interessiert. Dann war da das Schlüsselerlebnis einer Ausstellung mit Plastiken am Münchner Marienplatz, in den Räumen des Stuttgarter Bücherbundes, bei dem ich Ende der 50er Jahre Mitglied war. Eine der Plastiken von Ludwig Weber-Foma sprang mir sofort ins Auge: ein hoch aufgeschossener Mann, dem ich sofort des Etikett „Homo futurus“ gab (der Künstler selbst nannte sie schlicht „Junger Mann“). Erst einige Jahre später, während des Psychologiestudiums, begriff ich, dass ich mich da gewissermaßen „selbst“ anschaute – war ich doch mit meinen 1,84 Metern so ein schlaksiger „junger Mann“.

Ludwig Weber-Foma: „Junger Mann“ (1960).

Woher ich das alles noch so genau weiß? Ich arbeitete damals an einem Club-Magazin namens C.C.Rider mit, das wir (vor allem mein Freund Wolfie Baum und ich) für einen Party-Club schrieben, den wir Cool Circle nannten. Da war fast jedes Wochenende in Gauting und Umgebung eine Party, oder in Starnberg oder München – und wenn man diese hektographierte Monatsschrift las und Mitglied im Cool Circle war, wusste man Bescheid, wo die Cats und die Chicks sich das nächste Mal trafen, um bei wilden Boogie-Rhythmen das Tanzbein zu schwingen oder bei schmachtenden schwarzen Balladen eng umschlungen zu knutschen.
Es gab aber nicht nur Party-Tratsch im C.C.Rider, sondern auch Film-Kritiken (wir regten uns damals schon über Rassismus in den USA auf, wobei der Film Flucht in Ketten aktueller Anlass war). Es gab Besprechungen neuer Schallplatten (Jazz und Rhythm´n´Blues). Wir diskutierten über die Wiederbewaffnung und über Kriegsdienstverweigerung, trafen uns mit Kids von der amerikanischen High School am Perlacher Forst beim Fußball im 60er Stadion und im amerikanischen Soldatenkino, besuchten den Soldaten-Sender des AFN in der Kaulbachstraße (wo man als Schüler problemlos reinspazieren und mit dem Plattenleger alias Disk Jockey Mal Sondock während seiner höchst angesagten Sendung „Bouncing in Bavaria“ quatschen konnte*. Und besuchten eben auch solche Ausstellungen wie die von Weber-Foma.
* So bin ich wohl später zu meier Arbeit für den Bayrischen Rundfunk animiert worden – was mir eben erst beim Tippen dieser Zeilen bewusst wird.

Über diese Vernissage habe ich im C.C.Rider damals geschrieben:
„Lang und schlank ist dieser junge Mann . Die Verkörperung einer Zeit, die sich anschickt, über ihren eigenen Schatten zu springen; die sich zu den Sternen emporstreckt und die in einer immer tiefgreifenderen technischen Verirrung den Boden unter den Füßen zu verlieren droht.
Aber der junge Mann trägt den Kopf gerade und erhoben, Stolz, beinahe schon Arroganz drückt diese Haltung aus. Und das Wissen (oder vielleicht besser das Hoffen?) um den Fortbestand, um ein weiteres, unaufhörliches Vorwärtsstürmen der menschlichen Rasse.“

Den Begriff „Rasse“ würde ich heute nicht mehr verwenden, der hat ausgedient. Aber ansonsten – Hätte es die Bewegung Fridays for Future (die von ähnlichen Hoffnungen und Befürchtungen bewegt wird) damals schon gegeben – wir wären dabei gewesen. Aber getanzt wie „der Lump am Stecken“ haben wir eben auch. Und uns gleichzeitig davor gefürchtet, dass die selben Raketen, mit denen unsere Science-Fiction-Phantasien zum Mond und zum Mars flogen – eben auch Atombomben überall hintragen und uns den „nuklearen Winter“ bescheren könnten.
Das war eine Weile weg, nachdem Gorbatschow und Reagan den West-Ost-Konflikt und das Wettrüsten entschärft hatte. Aber in Zeiten von Putin und Trump ist das alles inzwischen leider wieder Thema und bedrohlicher denn je. Wenn man die Corona-Pandemie mal außer Acht lässt.
Noch etwas habe ich übrigens im C.C.Rider jener Tage begonnen und abgedruckt: Meinen zweiten Roman Sternvogel. Was für eine tolle Zeit, um schreiben zu lernen (und nicht nur für die Schüler-Zeitung Giselaner oder das SF-Fanzine Munich Round Up, wo ich ebenfalls schrieb – irgendwo muss man das ja lernen. Und die Schule – naja. Da ging man eben auch hin, saß seine Zeit ab und sehnte sich nach so etwas Modernem wie Videokonferenzen und zeitgemäßem Unterricht –

War da nicht was?
Stimmt genau: Im Roman Männer gegen Raum und Zeit deutete ich 1957 gegen Schluss eine kleine Liebesszene an, ganz brav „digital“ (wie man heute sagen würde):

Rani rief Sardos an, dass sie erst am nächsten Tag kommen würden.
„Das glaub‘ ich“, lachte der Tolimane auf dem kleinen Bildschirm. „Wegen meines Gleiters macht euch keine Sorgen. Ich nehme in der Zwischenzeit den von Sika. Übriges – Sika lässt Kido herzliche Grüße ausrichten!“
Ehe Kido noch einen Dank stottern konnte, war der Schirm des Visiphons erloschen.


Gut, den Begriff Visiphon habe ich damals noch nicht verwendet – aber gemeint habe ich ihn und damit nichts anderes als eine Bildschirmkonferenz. Klingelt da was?
Homo futurus lässt grüßen – aus der Vergangenheit vor sechs Jahrzehnten. Seit Ostern dieses Jahres 2020 waren Schreib-Seminare dank Corona fast nur noch als Bildschirm-Konferenzen möglich. Was für ein Glück, dass wir technisch mit Internet, Computern und Smartphones schon einigermaßen dafür ausgerüstet waren!

Alfred Hertrich 1999 : Homo futurus – Logo für die Website homo-futurus.com (Archiv JvS)

„Homo futurus“ nannte ich im Oktober /November 1980 meine sechsteilige Feature-Reihe im Bayrischen Rundfunk, mit der These: Der Mensch der Zukunft lebt heute schon. Aber er muss noch manche Krise meistern, für welche die heute schon absehbaren Risiken der Großtechnik (Atomenergie, Computer, Genmanipulation) paradigmatisch sind.
(Daraus wurde Ende 1987 das Taschenbuch Im Zeichen einer neuen Zeit.)
„Auf dem Weg zum Homo futurus“ nannte ich fünf Jahre später (Oktober 1990) meinen Beitrag in einer Serie der Zeitschrift Psychologie heute über das ominöse Datum „Freitag, der 13. Oktober 2025 und das Jahr 2050.
Nochmals zwei Jahre später war ich dann richtig in der Zukunft angelangt – mit meiner ersten eigenen Website, die ich nannte: homo-futurus.com. Am 27. März 1998 ging die Site online.

PS: Herzlichen Dank an Wolfie Baum, der mir die komplette Ausgabe des C.C.Rider zum 75. Geburtstag kopiert und geschenkt hat.

Quellen
Baum, Wolfgang & Jürgen vom Scheidt und andere: C.C.Rider. Club-Zeitschrift des Cool Circle. Gauting 1958 (Selbstverlag).
Scheidt, Jürgen vom: Im Zeichen einer neuen Zeit. Freiburg i.Br. 1987 (Herder-Bücherei).

025 _ aut # _ 2020-12-23/20:51


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