HyperWriting: interaktive Vernetzung auf vielen Ebenen

Hyperwriting ist ein Begriff, der in den USA zu der Zeit entstand, als das Internet Allgemeingut wurde und immer mehr Menschen diese Möglichkeiten für ihr eigenes Schreiben entdeckten – vor allem die Verlinkung innerhalb von Texten und von diesen Texten nach draußen auf andere Websites des World Wide Web.
Dadurch wurde ein alter Traum der Informatiker und Kybernetiker Wirklichkeit, den sie als Hypertext bezeichnet haben. Diese Möglichkeiten haben mich schon sehr früh fasziniert, als ich mich während des Studiums für Kybernetik zu interessieren begann – nicht zuletzt auf Anregung von Herbert W. Franke . Der fügte ja nicht nur als Science-Fiction-Autor dem Genre in Deutschland neue Facetten und Ausdrucksformen hinzu, sondern ist auch noch ein renommierter Höhlenforscher, früher Pionier der Computergrafik und manches andere mehr. Als Student habe ich ihm eine Weile zugearbeitet und dabei viel von ihm gelernt.

Vernetzung kann vieles sein – hier ganz wörtlich ein Netz aus roten Fäden (Archiv JvS)

Mit praktischen Anwendungen des Hyperwriting habe ich in den 1980er Jahren experimentiert. Es gab da eine Software namens HyperWriter (von der US-Firma Ntergaid), die vor allem für Firmen zur Erstellung interaktiver Manuale und Projekt-Entwicklungen gedacht war. Sie existiert heute noch und nennt sich (aufgepasst, Labyrinth-Fans!) – „The Electronic Labyrinth“. Und genau das ist ja so ein Hypertext-System – ein elektronischer Irrgarten*.

* Genau genommen ist es kein klassisches kretisches Labyrinth mit nur einem Gang, sondern das, was man – in diesem Fall ebenfalls irrtümlich – als „Irrgarten“ bezeichnet – wofür ich jedoch lieber den Neologismus Yrrinthos verwende – denn ein System digitaler Querverweise (Links) hat ja nun wirklich nichts mit einem Garten zu tun.

Eine kleine Berliner Firma (Namen leider vergessen und nicht mehr auffindbar) adaptierte das für eine deutschsprachige Version, mit der ich eine Weile experimentierte. Ich verwendete sie für mich jedoch als eine Art Tagebuch – was im heutigen Verständnis nichts anderes war als ein Vorläufer dessen, was man jetzt als Blog bezeichnet – ein „Tagebuch / Logbuch im Web“, das alle Möglichkeiten von Hypertext nützt.
Die erwähnte US-Software HyperWriter verwendete tatsächlich das „W“ als BinnenVersalie – was ich dann für meinen Begriff „HyperWriting“ übernommen habe – womit wir beim Namen meines Blog sind.

HyperWriting nannte ich zunächst meine zweite Website (nach dem Erstling homo-futurus.com). Sie war auch schon als Blog gedacht – aber sie war es noch nicht wirklich, sondern lediglich eine statische Website, wie das heute noch in vielen Fällen so ist – während Blogs ja dynamisch sind, also sich ständig weiterentwickeln und verändern.

Meine dritte Website war bereits ein Blog: xytrblk.com – als Experimentierfeld für die Arbeit an einem Vorläufer meinem glü-Roman gedacht, mit dem Arbeitstitel „Weg nach O°Thar“.

Website #4 hieß „minotaruos-projekt.de“ und begleitete ein Fortbildungsangebot des IAK, das über jeweils drei Jahre lief und Schreibseminarleiter und -leiterinnen ausbildete. Durch den Tod meiner Frau Ruth in 2016 kamen diese Pläne und Angebote zu einem jähen Ende.

Website #5 nannte ich dann iak-talente.de . Es ist bis heute die (statische) Website, auf der ich unser Angebot von Schreibseminaren und viel Hintergrundmaterial zum Schreiben vorstelle.

Im November 2020 entschloss ich mich dann, einen richtigen neuen Blog zu starten – den nannte ich wieder hyperWriting.de – Sie schmökern gerade darin.
Falls sie sich über die BinnenVersalie („W“) wundern – ich verwende sie gerne, um die Neuartigkeit eines Begriffs zu betonen – und damit er besser auffällt.

Die drei Facetten des HyperWriting
Hyperwriting ist mehr als nur „Schreiben“, wie wir es in der Schule gelernt haben oder später auf vielfältige Weise im Berufe anwenden. Ich nenne dies „einsames Schreiben“ – entweder allein zuhause im „stillen Kämmerlein“ (heute in Corona-Zeiten auch Home Office genannt – und nicht immer unbedingt „still“). Was beim HyperWriting hinzukommt ist:

1. Digitale Interaktivität – zunächst im Sinne von Hypertext – das ist etwas, womit man sich üblicherweise, wenn man mit WORD Texte schreibt, nicht befasst. Man schaut zwar mal in die Wikipedia rein oder benützt per Computer andere Quellen – aber im Text selbst setzt man Interaktivität nur beim Blog ein oder gelegentlich bei statischen Websites.

2. Soziale Interaktivität. Das gibt es zwar auch in Zeitungs- und anderen Medien-Redaktionen (bis hin zum Newsroom als Großraumbüro) – aber ich meine damit speziell den gemeinsamen kreativen Prozess und den gegenseitigen Austausch, wie er nur in einem Schreib-Seminar möglich ist. Bei meinen Seminaren kommt noch etwas ganz Wesentliches hinzu: die spezielle Gruppenarbeitsmethode ThemenZentrierte Interaktion (TZI), über die ich auf meiner anderen Website „iak-talente.de“ einiges ausführe.

3. Beachtung der autobiographischen und selbsttherapeutischen Elemente des Schreibens – bis hin zum „Schreiben als Therapie“. Am deutlichsten kommt dies in dem zum Ausdruck, was ich als MultiChronie bezeichne. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch Träume – denen ich hier im Blog in Zukunft mehr Beachtung schenken werde. (Details hierzu auch in meinem Buch Kreatives Schreiben – HyperWriting.)
Damit es keine Missverständnisse gibt: Ich mache in den Seminaren keine Schreib-Therapie – ich setzte deren Möglichkeiten nur gezielt ein, um den kreativen Prozess in Gang zu bringen (Freies Assoziieren – wie in der Psychoanalyse ein wesentliches Werkzeug – gehört dazu) oder um Schreib-Blockaden gezielt aufzulösen.

Wenn ich es genau betrachte – könnte ich meine Art des Schreibens auch als „kybernetisches Schreiben“ bezeichnen.

Quellen
Franke, Herbert W.: Das Gedankennetz. München 1961 (Goldmann Zukunftsromane).
ders.: In den Höhlen dieser Erde. Hamburg 1978 (Hoffmann und Campe).
ders.: Cyber City Süd. München 2005 (dtv premium).
Kuhlen, Rainer: Hypertext. Berlin Heidelberg usw. 1991 (Springer).
Scheidt, Jürgen vom: Kreatives Schreiben – HyperWriting. (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback).

154 _ aut #745 _ 2021-03-31 / 18:51

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