Zappelphilipp wird geschlagen

Eine der Begleiterscheinungen von ADHS ist der ständige Impuls, sich zu bewegen, zu zappeln, mit den Fingern auf die Tischplatte zu trommeln, mit den Füßen zu klopfen. „Restless Legs“ ist eine Variante davon.
Alles Begleiterscheinungen meiner Kindheit, die mir von meiner Mutter den vorwurfsvollen Beinamen „Zappelphilipp“ einbrachten, was ja harmlos ist. In der Schule produzierte das dann so manchen Ärger wegen „Unruhe“ oder „Schwätzens“ – was ja nicht mehr so harmlos ist, wenn das mit Strafen verbunden wird.

Damit man sich ein wenig genauer vorstellen kann, was passiert, wenn Kinder geschlagen werden (Archiv JvS)

Aber wenn Kinder wegen dieser im Grunde ja krankheitsbedingten Unruhequelle „Aufmerksamkeitsdefizit-/HyperaktivitätsstörungStörung (kurz ADHS)“ schwer verprügelt – also regelrecht von den verständnislosen Erwachsenen gefoltert werden (anders kann man das nicht nennen) – dann ist da überhaupt kein Spaß mehr. Und ich bekomme eine ungeheure Wut auf diese sadistischen Folterknechte, weil ich mit diesen gequälten Kindern mitfühlen kann.
So geschehen mit unzähligen Kindern in unzähligen Kinderheimen Deutschlands. In einem umfangreichen Artikel von Edeltraut Rattenhuber in der Süddeutschen sind diese schrecklichen Details alle zusammengetragen. Da haben sich die katholische Kirche ebenso wie die evangelische beteiligt und weltliche Institutionen ebenso. Und keiner hat etwas dagegen getan.

Als ich diesen Artikel zum ersten Mal flüchtig überflog, war meine Empörung eher eine grundsätzliche – s. meinen Beitrag Schläge und Hass vor einigen Tagen. Aber als ich die ungeheuerliche Dokumentation noch einmal genauer studierte, fiel mir diese Zwischenüberschrift ins Auge: „Selbst für kleinste Vergehen wie Zappeln oder Kichern gab es drakonische Strafen.“

Und da packte mich die eigene Erinnerung. Zappeln und Kichern – das waren ja zwei typische ADHS-Erscheinungen bei mir selbst (wobei ich damals nichts von ADHS wissen konnte). Nicht, dass ich in der Schule solche bösartigen Bestrafungen selbst erlebt hätte (dazu hatten die Lehrer denn doch zu viel Respekt vor meinen Eltern) – aber traumatisierte (also psychisch gestörte bis kranke) Flüchtlingskinder in meiner Klasse bekamen manchen Zorn der Lehrer durch Prügel ab, als seien sie Blitzarbeiter für selbst erlebte Bestrafungen dieser nun erwachsenen „Pädagogen“..

Sie erinnerte sich noch, dass die Heimleiterin Kinder mit einer schwarzen Lederpeitsche schlug – dieses Zitat im Artikel löste bei mir die tief vergrabene Erinnerung an eine Reitgerte (oder Hundepeitsche) meines Großvaters aus, die irgendwo in der Wohnung wie eine ständige Drohung an der Wand hing – und mit der Tat bei besonders „schlimmen Vergehen“ zumindest gedroht wurde. Solche Peitschen (manchmal auch die noch viel brutaleren Ochsenziemer) hingen in vielen Wohnungen. Ob sie je bei mir Anwendung fand, weiß ich nicht mehr. Vielleicht habe ich es verdrängt. Vielleicht ist es ja, was ich für meine damaligen „Erziehungsberechtigten“ hoffe, nur bei der (meist unausgesprochenen ) Drohung geblieben.

Schöne Geschichten kommen da aus der Vergangenheit, aus der eigenen Kindheit hoch. Man muss nur viele Jahrzehnte später die Zeitung lesen und dann zufällig auf solche Berichte stoßen – und schwupps, ist man in Sekundenbruchteilen in die eigene Kindheit versetzt, empfindet Mitgefühl mit den gedemütigten und gequälten Kindern jener Zeit. Aber ist es wirklich „Vergangenheit“? Damals war das Standardbehandlung bei Kindern, auch und gerade in den gutbürgerlichen Häusern. Dass der Rechtsanwalt Schenk von nebenan seine Kinder schlug, war uns bekannt, und auch von anderen Vätern wussten wir das.

In Rattenhubers Artikel wird darauf hingewiesen, dass „in den Heimen meist Menschen (regierten), die in der Nazizeit geprägt wurde.“ Richtig. Die sadistischen Herrenmenschen (oder die sich dafür gerne hielten) waren nicht nur in den Konzentrationslagern tätig, sondern auch noch lange nach dem Dritten Reich. Sie sind nie ganz verschwunden – und heute trauen sie sich mit Springerstiefeln und Bomberjacken und Glatzen und martialischem Gedöns ganz offen wieder auf die Straßen unseres Landes und geifern ihren Hass lauthals hinaus, und wenn sich eine Gelegenheit bietet, schlagen sie wehrlose (immer: schwächere) Menschen zusammen oder bedrohen sie mit Hass-Mails.
Aber das ist alles viel älter als der Nationalsozialismus. Das ist zutiefst christlich: Ketzer wurden bestialisch gefoltert. „Hexen“ wurden verbrannt (nachdem man sie bestialisch gefoltert und ihren „Pakt mit dem Teufel“ in Geständnissen erpresst hatte). Die ganzen Fegefeuer- und Höllen-Phantasien geisteskranker Priester sind eine Quelle dieses nationalsozialistischen Hasses und dieser Sadismen und ihrer heutigen Reste. Von wegen „christliche Nächstenliebe“.

Auch ein Erbe des Christentums, das solche Strafen bemäntelt und sogar gefordert hat, mit der unverblümten Aufforderung: „Wer sein Kind liebt – züchtigt es.“

Nein, wer sein Kind liebt, tut genau dies nicht.

Quelle
Rattenhuber, Edeltraut: „Immer Schläge“. In: Südd. Zeitung Nr. 48 vom 27. Feb 2021, S. 59 (Gesellschaft).

181_ aut #876 _ 2021-04-21/18:27

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