*Lyrica vita oder: Ballade vom Dichter

Mit sechs die ersten Runen werfen
Den Geist sodann in Büchern schärfen
Mit dreizehn eigne Zeilen dichten
Mit fünfzehn sich nach Höh’rem richten

Mit siebzehn schrieb er den Roman
Der gleich darauf zum Volke kam
So folgten Buch um Buch in Eile
Denn’s Schreiben nimmt die Langeweile

Als er so zweiundzwanzig war
Da ging’s ihm wirklich wunderbar
Es floß ihm nur so aus der Feder
Und seinen Namen kannte jeder

Mit dreißig kamen erste Ehren
Mit vierzig, fünfzig kaum erwehren
Konnt’ er der Ämter sich, der Preise
Mit sechzig galt er schon als weise

Doch dann mit siebzig ward’s ihm eigen :
Er hatte auf so vielen Seiten
Vom Leben und vom Leid geschrieben
– wo war sein Leben denn geblieben ?

Mit achtzig ist es – zack ! – geschehen:
Was er gedichtet, kann man sehen
Er schrieb mit Herzblut hehre Zeilen
Das hilft ihm nichts – er muss enteilen

Gevatter Tod packt ihn mit Macht
Und formt den letzten Satz – gebt acht! –
Rasch greift der Feder und Papier
Und schreibt: „Schluss Punkt
                            – du kommst mit mir…“

In seines Grabes harten Stein
Da meiselt man den Denkspruch ein:
„Mög‘ andernorts nun Gnade walten
– hier konnt‘ er nie die Tinte halten.“

aut #775 _ 2021-02-26 / 12:10

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