Bildungsreise anno 1908

Es wäre schade, ein solches aufschlussreiches Dokument nicht im Internet zu publizieren. Es stammt aus den Tagebüchern, die Ferdinand Naumann um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert führte – also vor mehr als einem Jahrhundert.
Er war Hotelier auf dem Inselsberg bei Jena, später im Bahnhof zu Erfurt. 1908 machte er mit einem Freund eine „Bildungsreise“ (wie er es nannte) an die Riviera.

Hintergrund

Ferdinand Naumann (27. Januar 1849 – 20 Juli 1916.) ist einer meiner Urgroßväter auf der väterlichen Seite. Er war Gastwirt (oder vornehmer: Hotelier) in einem beliebten Ausflugslokal auf dem Inselsberg bei Jena, später im Bahnhof zu Erfurt. (Angeblich diente er Kurt Kluge für seinen Roman „Der Herr Kortüm“ als Vorbild – ich habe den Roman gelesen, kann aber nur sehr vague Bezüge erkennen).

Sein Sohn Erich, der Patenonkel meines Vaters, übernahm zunächst die Erfurter Gaststätte, wechselte in den 20-er Jahren aber nach Leipzig und übernahm dort von der Reichsbahn in Pacht die renommierten Hauptbahnhof-Gaststätten. Das war nicht irgend eines dieser unwirtlichen Bahnhofslokale, wie man sie in Deutschland vielerorts findet – ganz im Gegenteil:
Es war ein vornehmes Etablissement (diese Bezeichnung hatte damals nichts Anrüchiges) mit prächtigen Weinsälen und Speisesälen. Wer in Leipzig und Umgebung eine große Hochzeit oder sonst ein wichtiges Fest zu feiern hatte – der tat dies „im Hauptbahnhof“.

Angeblich war es der „größte Restaurationsbetrieb auf dem ganzen europäischen Kontinent, Paris eingeschlossen“ (so mein Vater, der dort bis zum Kriegsausbruch im September 1939 als einer der drei Geschäftsführer arbeitete).
Herrschte Erich Naumann schon zu normalen Zeiten über 400 Angestellte – so waren es während der Frühjahrs- und der Herbstmesse deren 600.
Doch zurück zum Urgroßvater. Er hinterließ fünf Folianten mit seinen handgeschriebenen Notizen; diese sind überwiegend sachlicher Natur oder Kommentare zu den eingeklebten Zeitungsausschnitten. Letztere erweisen ihn als einen bildungsbewußten Mann, der das Beste aus seiner zeitweilig ziemlich isolierten Lebenssituation machte: Sein Gasthaus war zwar, am bekannten Rennsteig zwischen Thüringen und dem Vogtland gelegen, ein beliebtes Ziel für Ausflügler – aber es war eben auch sehr abgelegenen von den nächsten größeren Orten.

Er interessierte sich sehr für die Freimaurerei und notierte sich seine Gedanken dazu. Aber ab dem Tag, als er in in Gotha in die Loge aufgenommen wurde, findet man zu diesem Thema leider nichts mehr – getreu dem Schweigegelübde der Freimaurer.

Für meinen Vater war er so etwas wie ein geistiger Mentor, gerade dadurch, dass er Tagebuch schrieb. Er spürte das Interesse meines Vaters am Schreiben und vererbte ihm deshalb die Folianten. So kamen diese wertvollen Dokumente schließlich auf mich.
(Leider sind durch die Wirren der Nachkriegszeit zwei der fünf Bände verloren gegangen.)

„Ich mache nach Ägypten…“

Es gibt eine Anekdote, die man sich in der Familie über diesen Mann erzählt. Eines Tages soll er ohne Vorankündigung verschwunden und erst drei Monate später zurückgekehrt sein. Auf dem Küchentisch hinterließ er angeblich nur einen Zettel mit dem ominösen Satz „Ich mache nach Ägypten.“ Aber was er wirklich machte, bleibt für immer ein Rätsel.

Ich vermute, daß er tatsächlich vorhatte, eine Reise nach dem fernen Land zu machen, daß daraus aber ein etwas bescheidenerer Ausflug an die europäische Küste des Mittelmeers wurde. Jedenfalls unternahm er 1908 mit einem Freund eine Reise an die Riviera, die in seinen Tagebüchern sorgfältig dokumentiert ist. Mein Patenonkel Julius vom Scheidt, Bruder meines Vaters, schrieb eine längere Passage daraus ab und bot sie der ZEIT an, die sie 1986 auch publiziert hat. Und hier ist der Text dieser „Sentimentalen Reise ans Mittelmeer“. Es wäre schade, ein solches aufschlussreiches Dokument nicht im Internet zu publizieren. Er entstand mehr als einem Jahrhundert.

(Nachtrag 2021-03-13: Wie aktuell der Beitrag ist, erkennt man an der Währungsbezeichnung Cent im letzten Absatz – heute sind wir, dank Einführung des €uro, wieder dort angelangt!)
(Die alte Rechtschreibung wurde von mir, JvS, beibehalten – die Zwischentitel stammen von mir.)

Durchs Fernrohr Gemsen sehen

In Berchtesgaden wurde schon geheizt. Es war sehr frisch. Am 29. September, Erntedankfest, wurde der Morgen mit Freudenschüssen eingeleitet. Ich war an dem Tag zweimal zu Fuß nach dem Königsee. Hundertfach rollte der Donner vom Schießen in den Bergen wider bei herrlichstem Wetter. Machte diesmal eine Fahrt auf dem Königssee…
Wir hatten zwei Ruderinnen und zwei Ruderknechte. Viele Kähne waren auf dem Wasser. Die Bergfelsen gehen überall bis ans Wasser herunter, sind tannenbewaldet… Merkwürdige Stille herrschte unter den Insassen des Bootes. Alle waren sie von den Eindrücken der Fahrt überwältigt. Nur ganz leise sprachen einige miteinander, und dennoch könnte man gerade hier so fröhlich sein. Ob sie sich fürchteten? Die Felsenspitzen scheinen den Himmel zu berühren. Das Wasser hat eine angenehme frische Temperatur, nicht kalt. Ich habe mehrere Male die Hände hineingestreckt. Von Bartholomäus aus konnte man durchs Fernrohr Gemsen sehen. Erst eine, dann an einer anderen Stelle hoch oben auf den Felsen zwei. Es ist nicht zu begreifen, daß sie sich da halten können und daß da etwas wächst, was sie etwa fressen können.
Die älteste unserer beiden Schifferinnen habe ich gefragt, wie lange sie schon rudert. 45 Jahre, sagt sie, und nach ihrem Aussehen mochte das wohl stimmen, wie eine 65-jährige sah sie aus… Die Arme der alten Schifferin wie auch ihr Gesicht waren von Pergament. Ein grünes Lodenhütl mit breitem Riemenschnürband darum, Feder und Enzianblüte im Hutband, starke nägelbeschlagene Bergschuhe an den Füßen. Druckkleid, Kattunschürze, helles, rosengeblümtes Kattun-Brusttuch, schneeweißes, kurzärmeliges Hemd, aus dem die starken Arme ausgestreckt die Ruder in die dunkle Flut tauchen, Perlenschnüre wie Diamanten im Wasser ziehend. Hinter der Alten, ebenso gekleidet, eine junge, hübsche Schifferin, nur die Blume am Hütl ist lebhaft rot.
[Nach Stationen in Salzburg, Innsbruck und Bozen, reist FN via Madonna di Campiglio zur „Serenissima“:]

Mit der Bahn nach Venedig

Am 10. Oktober früh um fünf Uhr fuhr ich mit dem Dampfer über Maderno, Desenzano, jedesmal auf einen anderen Dampfer umsteigend, nach Peschiera, dann mit der Bahn nach Venedig. Mit Rosenkranz und Gebetbuch in den Händen saßen drei fromme Schwestern im Schiff. Der Mond stand noch am Himmel, als wir von Riva fortfuhren auf dem blauen Gardasee. Es war eine prächtige Fahrt. Was mich aber nicht angenehm berührte, daß der Koch auf dem Schiff auf dem Verdeck Rotkehlchen und Goldammern kaufte, alle mit einer Schnur durch den Hals… 60 Lire eine Schnur. Ganz Körbe mit toten, kleinen Singvögeln standen zum Transport auf dem Verdeck… Um drei Uhr waren wir in Venedig…
Auf dem Wasser war Mandolinen- und Gitarrenkonzert mit Gesang, eine Musikgondel, von Hunderten von Gondeln und Barken begleitet, in der Mitte bei Lampionbeleuchtung, blauem Himmel, Mondschein und Sternen, das war eine italienische Nacht in Venedig.
[Ferdinand Naumann absolviert sein Kulturprogramm. Am 11. Oktober notiert er:]

Das ganze Himmelbett war mit einer glatten weißen Mullgardine umhüllt als Schutz gegen die lästigen Moskitos. Trotzdem bin ich an den Armen und Händen zerstochen. Zwei große Kriegsschiffe, ein
deutsches und ein italienisches, lagen friedlich zusammen im Hafen. Mit Dampfer nach dem Lido gefahren. Die Menschen badeten im Freien. Konzert. Hunderte von Menschen bei dem schönen Wetter draußen. Der Campanile ist wieder im Bau begriffen.
Von Venedig ging es weiter nach Verona und dann nach Mailand, wo für das Zimmer vier Lire zu zahlen waren.

[Besonders beeindruckt zeigt sich der Tagebuchschreiber von der Sonnenuhr im Mailänder Dom und vom Friedhof Campo Santo. Dennoch bemerkt er:]

Die Urnenhalle im Verbrennungsofen in Mailand auf dem Campo Santo ist zu einfach, fast würdelos gehalten. Es sieht aus wie ein feuersicherer Dokumentenschrank. Da ist unsere Gothaer Urnenhalle schöner…
In der Kirche Santa Maria dele Grazie gewesen und auch gegen einen Lire Trinkgeld das berühmte Bild gesehen, Abendmahl von Leonardo da Vinci, das Bild ist fast ganz verwischt, kein Wunder, da es 1499 direkt auf die Wand gemalt. Immer wieder zog es mich zu dem verwischten Bild, ich habe gewartet, bis ich ganz alleine und ohne Führer war, ganz in andachtsvoller Stimmung versunken vor dem Bild stand.
[Das nächste Ziel ist San Remo.]
In San Remo, wo ich im Zentralhotel im Zimmer Nummer 19 wohne, hängt im Frühstückszimmer das Bild Kaiser Friedrichs, ebenso ein schönes Bild Kaiser Wilhelms II. mit seinem Generalstabe. Hier ist andere, mildere Luft als in Mailand… Hier ist alles üppiger und schöner, als was ich bis jetzt von Italien sah. Die mit der Bahn durcheilten Berge sind eine Scheidewand in Bezug auf Temperatur und Vegetation gewesen. Es ist mir, als ob ich hier erst in dem Italien wäre, von dem Reisebücher erzählen und die Lieder singen.
[Von San Remo aus fährt FN ins 1887 durch ein Erdbeben zerstörte Bussana.]

Verdammter Ort, von Menschen gemieden

Einsam und öde ist die Lehmstraße, welche ich, die schöne, blaue See weit hinter mit lassend, wandere. Es kommt mir wohl zum Bewußtsein, daß meine Tour ein gewagtes Unternehmen ist. Die Gegend wirkt wie ein verdammter Ort, von allen Menschen gemieden, aber die Vögel zwitschern auch hier, wenn auch nur vereinzelt und leise …
Es ist ein gefährliches Gehen und etwas Greulicheres als rechts die bodenlose Tiefe, Wildromantischeres als die ganze Szenerie der Gegend kann es kaum geben. Um eine Ecke biegend, immer bergan steigend, taucht Bussana Vecchia auf. Der Kirchturm ist stehengeblieben. Jedenfalls ein Wunder in der Gegend, wo sonst kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Die Zerstörung beginnt schon weit vor dem Ort. Kahl ragen die Mauern von Vorstadthäusern ohne Dach und Fenster, ohne Treppen und Türen in die Luft. Der Blitzableiter am Turmkreuz steht noch oben, zeigt wie ein warnender Finger. Was ist doch ein Menschenbauwerk gegen die Allmacht der Natur? Keine von Feindeshand zerstörte Stadt kann solchen Anblick gewähren… Wo ist das Leben und Treiben geblieben? Weshalb sind die armen Leute vom Himmel so hart gestraft? Das wäre jetzt ein Platz für ein Versteck von tausend Räubern und Rinaldo Rinaldinis Banden, denn die unteren Gestocke und die Kellerräume sind meistens erhalten. Vielfach noch die Türen in den Eingängen, überall aber fauliger Modergestank in den Gebäuden, das Ganze märchenhaft greulich anzuschauen.
[Entlang der Riviera geht es mit der Bahn weiter nach Monte Carlo.]

Der Eintritt kostet nichts

In Monte Carlo fünf Franc verspielt, nur einmal gesetzt, bin gar nicht dahintergekommen, ob ich gewonnen oder verloren habe, was mich veranlaßte, nicht wieder zu setzen. Ohne einen Paß oder eine Paßkarte zu haben, bin ich gegen Vorzeigen meiner Visitenkarte
und Stempel „Hotel Gotha“ in meinem Scheckbuch in die Spielsäle gegangen… Viele Tische waren fast mit gleicher Anzahl Damen und Herren besetzt. Der Eintritt kostet nichts, Garderobe muß abgegeben werden und wird unentgeltlich aufbewahrt…
Mittags elf Uhr werden die Spielsäle in Monte Carlo geöffnet und erst abends um elf Uhr wieder geschlossen. Schauerlich ist es, wie die Menschen da hinströmen. Ein alter, gänzlich verlebt aussehender Mann, auf den Stock gebückt daherschleichend, kommt aus dem Spielsaal ins Freie, wo er sich verstört und irren Blickes rings umsieht, einen einfachen anderen Herrn heranwinkt, er flüstert dem etwas zu, der greift in die Rocktasche und nimmt ein großes Portefeuille heraus und gibt dem alten Herrn 2000 Franc Billetts. Sofort schleicht der Alte, mich scheu ansehend, wieder ins Teufelskasino zurück.
[Via Nizza reist der Hotelier nach Cannes, wo er Station macht.]

Quelle
Naumann, Ferdinand. Handschriftliche Tagebücher. Inselsberg bei Jena und Erfurt 1886-1914.

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