Mutter – der Mann mit dem Fett ist da!

Hier will ich ein wenig genauer ausarbeiten, was ich zu dem Diktum von Joseph Beuys „Jeder Mensch ist ein Künstler“ in meiner Kolumne Dummes Geschwätz von klugen Leuten nur angerissen haben.

Jeder Mensch ist ein Künstler“ – hat der große Meister einst verkündet. Hat er mit dieser Behauptung Recht? Er leitet sie so ab: „Wenn ich ein Künstler bin, dann sind auch alle anderen Menschen Künstler“.
Warum macht sich Beuys so klein – wo er doch immerhin eine Badewanne mit Fett gefüllt und das der Welt als Kunst verkauft hat? Er war wohl ein Künstler – weil innovativ und frech und selbstbewusst – alle anderen, die ab da Fett in Plastikwannen oder in tiefe Teller füllen (um die Badewanne von Beuys kreativ abzuwandeln) – äffen ihn nur nach.
Ich meine, das Diktum von Beuys ist klassischer bullshit – wie die Amerikaner drastisch sagen. Klar kann jede Frau und jeder Mann einen Pinsel in die Hand nehmen und loslegen. Wird ja täglich gemacht – in Malschulen, in „Heimarbeit“, auf dem Bauernhof im Winter. So wie es Millionen Hobby-Musiker gibt und unzählige Leute, die schreiben, bildhauern, tanzen –

Ist das Kunst – oder nur Kunsthandwerk? Ich lasse es los – und riskiere die Schelte – sei´s drum (Im Gebirge der Sternengötter – Aquarell und Tusche, 1961-04-03 / Archiv: JvS)

Ich wäre als Jugendlicher nicht im Traum auf die Idee gekommen, mich für einen begnadeten Tänzer zu halten – obwohl ich gerne tanzte und die Jitterbug- und Boogie-Woogie-Figuren ganz passabel hingekommen habe, mit Hüftschwung und die „Partnerin-zwischen-den-Beinen-durchziehen“ und was es sonst noch für Raffinessen gab. Aber ein Künstler auf dem Parkett, wenn die Riverboat Seven „I scream, you scream – everybody wants Icecream“ in der Münchner Uni-Reitschule oder im Café Freilinger spielte?
Ich habe auch zeitweilig gerne gezeichnet und gemalt und fotografiert (einiges davon präsentiere ich hier im Blog, weil es ganz passabel ist) – aber ein Künstler bin ich deswegen noch lange nicht.
Waren diese Musiker der Riverboat Seven echte Jazz-Musiker? Klar waren sie das. Hätten sie sich mit Louis Armstrong und dessen Hot Five messen können – wo Armstrong ganze Jazz-Genres erfunden hat? Wohl kaum. Armstrong war der große Künstler – auch wenn er manchmal den „Affen“ spielte (um die weißen Zuhörer zu veräppeln).

Die Definition für solche Expertise, wie man das in der Begabungsforschung nennt, lautet: „Es dauert ungefähr ein Jahrzehnt, bis man ein Talent durch ständiges Üben mit entsprechendem Ehrgeiz und einer Portion gesundem Narzissmus so geformt hat – dass diese Kunst auch andere überzeugt.
Beispiel: Zehn Jahre musste der indische Sitarspieler Ravi Shankar üben – bevor er erstmals in einem öffentlichen Konzert auftreten durfte. (Shankar 1968).

Ein „echter Künstler“ ist für mich jemand, der innovativ, kreativ und stilbildend ist. Alle anderen sind – mehr oder minder gute und überzeugende – Kunsthandwerker. Ohne sie wäre die Welt fraglos unendlich ärmer – ohne die wahren Künstler würden wir jedoch – wenn wir malerisch begabt sind – immer noch die Wände von Höhlen bepinseln wie tausend Maler-Generationen vor uns. Immer dasselbe Wisent – dieselben Handabdrücke mit Ocker – derselbe Hirsch. Keine nackte Frau (oder Mann) mit Zinnoberfarbe – kein liebendes Paar mit Lapislazuli – keine Übertragung der flachen Gemälde in die dritte Dimension der Plastik…
Keine Filme statt nur Fotografien – (die irgendwann die Malerei nicht abgelöst – aber innovativ ergänzt haben).

Beruf und Berufung?

Trifft hier die Unterscheidung von „Beruf“ und Berufung“ vielleicht den Sachverhalt genauer? Klar, die Übergänge sind fließend. Aber der Malermeister, der in seiner Freizeit hübsche Portraits und Genrebilder malt – der kann ja (hoffentlich) von seinem Handwerk leben. Er muss sich nicht groß Gedanken machen über seine Kunst und wo er sich da im großen Kunst-Universum verortet – und ob er vielleicht etwas bahnbrechend Neues riskieren will – das ihm dann womöglich seine „treuen Kunden“ kostet, von denen er lebt.
(Ich kannte einen Kunstmaler, wie man sie früher nannte, der wirklich originelle und überzeugende Bilder schuf – und problemlos unsere Wohnung ausmalte. Er konnte beide Welten vereinen. Die meisten mit Maltalent können das nicht, vermute ich. Wissen kann ich es natürlich nicht.)

Ein Unterscheidungskriterium ist, ob sich jemand seinem Publikum stellt, indem er oder sie die eigenen Bilder in einer Galerie präsentiert, sich bei der Vernissage persönlich zeigt – diese Bilder dem Kunstmarkt mit seinen ganz eigenen (kapitalistischen) Gesetzen anvertraut und sie dazu „loslässt“. Das ist das entscheidende Kriterium – das Loslassen. Und damit riskieren, dass man gelobt wird – oder gnadenlos verrissen.
Der Musiker, der Konzerte gibt – der Schriftsteller, der seine Werke einem Verlag anvertraut, der sie der Welt zugänglich macht. Der Preis: Man wird „öffentlich“. Man wird verwundbar („Zeige deine Wunde“ nannte Beuys eines seiner wichtigsten Werke nicht zufällig). Will ich das als Künstler? Will ich mich in dieses Mahlstrom begeben, den ich nicht mehr kontrollieren kann – anders als in der Zeit davor, wo ich mein Werk zuhause im Atelier oder in der Schublade gut geschützt vor fremden Augen versteckt habe?
Will ich das wirklich? Im Wissen, dass – wie beider Olympiade – jeweils nur drei auf dem Siegertreppchen Platz haben – und sich die Welt letztlich nur für den Allerersten wirklich interessiert? Und ist es dort oben nicht verdammt einsam – auch unten in der Ebene, wo all die Künstler und Musiker und Maler ihr Geld mit ihrer Kunst verdienen (die meisten unter sehr prekären Umständen – wie die Corona-Pandemie derzeit schonungslos sichtbar macht)- oder im Nebenerwerbsberuf.

Die Definition für solche Expertise, wie man das in der Begabungsforschung nennt, lautet: „Es dauert ungefähr ein Jahrzehnt, bis man ein Talent durch ständiges Üben mit entsprechendem Ehrgeiz und einer Portion gesundem Narzissmus so geformt hat – dass diese Kunst auch andere überzeugt.“
Beispiel: Zehn Jahre musste der indische Sitarspieler Ravi Shankar üben – bevor er erstmals in einem öffentlichen Konzert auftreten durfte. (Shankar 1968).

Wage die Wege
Wirf Schafgarben vor dich hin:
Scheitern geht immer

148 _ aut #822 _ 2021-03-30 / 21:05

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